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Shanty-Chor.

Shanty-Chor.© rainer droese

Musik

Deutschlands Liste fürs immaterielle Unesco-Kulturerbe: Niedersachsen macht acht Vorschläge

Reetdach-Decken, Köhlern und Klöppeln: Wollte ein Mensch sich all den Bräuchen und Handwerkstraditionen widmen, die die Deutschen als schützenswert erachten - er bräuchte mehr als ein Leben.

Hannover. 128 Vorschläge für die nationale Liste eines „immateriellen Kulturerbes“ reichten Vereine und Organisationen bis zum jüngst verstrichenen Bewerbungsende bei den Kultusministerien der Bundesländer ein.

Niedersachsen ist mit acht Anwärtern auf die begehrte Unesco-Auszeichnung dabei. Dazu zählen das Grünkohlessen, die Shantys, die Nachtwächter, der protestantische Choral und das niederdeutsche Theater.

Wie ein Sprecher des Kulturministeriums sagte, werden alle Anträge derzeit im Ministerium in Hannover genau geprüft. „Der Rattenfänger von Hameln - lebendige Tradition und Inspira- tionsquelle“ hat die Stadt Hameln ihre Bewerbung betitelt. Das norddeutsche Handwerk Blaudruck ist sogar gleich mit zwei Anträgen aus Jever und Einbeck vertreten.

Benjamin Hanke, Referent der deutschen Unesco-Kommission, erklärt den Unterschied zum Titel „Weltkulturerbe“: „Diesmal steht der Mensch im Zentrum. Wenn ein Meister sein Wissen nicht an Lehrlinge vermittelt, stirbt eine Tradition. Ein Gebäude wie der Kölner Dom muss zwar restauriert werden, aber er bleibt erst einmal stehen. Das immaterielle Kulturerbe jedoch verschwindet sofort, wenn es nicht mehr praktiziert wird.“

Die Morse-Telegrafie etwa stehe kurz vor dem Aussterben. Solche Kulturformen lebendig zu halten, ist das Ziel des Unesco-Übereinkommens zur Erhaltung des immateriellen Kulturerbes aus dem Jahr 2003, dem weltweit 150 Staaten angehören. Deutschland trat erst in diesem Sommer bei. Bis April 2014 muss jedes Bundesland aus den Vorschlägen zwei Kandidaten auswählen. Eine spannende Frage, wer die beiden niedersächsischen Kandidaten werden ...

Zu den deutschen Vorschlägen kommen dann noch länderübergreifende Beispiele wie die „Walz“-Wanderung der Handwerker, die Tradition der Sorben oder die Idee des Kindergartens nach Friedrich Fröbel. Im Herbst soll das Verzeichnis für Deutschland stehen.

Das Abkommen fördert die Bewahrung und Pflege von traditionellen Wissensformen, Kulturpraktiken und Alltagskulturen weltweit. Als immaterielles Kulturerbe bereits geschützt sind unter anderem die mediterrane Küche, der argentinische Tango oder die chinesische Akupunktur.

Neben Handwerkskünsten werden auch Erzähltraditionen, Bräuche und Musikformen genannt. Das Spektrum reicht von der Rheinischen Karnevalstradition bis zu hin zu mikrobiologischen Therapien. Aus dem Rahmen fällt dann schon eher der Vorschlag, die natürliche Geburt in Zeiten des Kaiserschnitts unter Schutz zu stellen.

Herrscht bei einer so großen Bandbreite nicht die Gefahr der Beliebigkeit? Hanke sieht das anders: „Allen Kulturformen gemein ist, dass sie identitätsstiftend für Gruppen dienen und eine emotionale Identifikation erfordern. Das Zähneputzen hätte also trotz einer weiten Verbreitung keine Chance.“

Hankes Lieblingsbeispiel ist der Orgelbau: „Die Fertigung dauert über ein Jahr und erfordert ein großes Wissen über Musik wie auch über Natur, denn es dürfen nur ganz bestimmte Hölzer ausgewählt werden.“

In Sachsen wurden mit elf besonders viele Vorschläge eingereicht - unter anderem bewarben sich das Leipziger Museum für Druckkunst, der Leipziger Synagogalchor, die Sächsische Staatskapelle und der Landesverband für sächsische Bergparaden.

Auch die Tradition der Knabenchöre von den Thomanern bis zum Dresdner Kreuzchor ist im Rennen um einen Listenplatz. Thüringen bewirbt sich etwa mit der Altenburger Skat-Tradition und der Mundart Graweredersch, Brandenburg mit dem Mundblasverfahren der Baruther Glashütte.

Mecklenburg-Vorpommern strebt nach Anerkennung für das Malchower Volksfest und die Tradition der geistlichen Konzerte in Ludwigslust, Schleswig-Holstein für die niederdeutschen Bühnen und das „Biikebrennen“ am 21. Februar.

Verbände, Vereine und Privatleute konnten bis Ende November Vorschläge einreichen, welche Traditionen und Bräuche unter Schutz gestellt werden sollten. Bis April treffen die Länder eine Vorauswahl für das bundesweite Verzeichnis. International umfasst die Liste bisher gut 260 Einträge

Eine direkte finanzielle Förderung ist mit dem Label nicht verbunden. So bleibt der Wert - vor allem immateriell.


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