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SCHAUERLICH: Regisseur Heike Marianne Götze 
hat „Von den Beinen zu kurz“ als echtes
 Horrorstück auf die Bühne gestellt.

SCHAUERLICH: Regisseur Heike Marianne Götze
hat „Von den Beinen zu kurz“ als echtes
Horrorstück auf die Bühne gestellt.© Katrin Ribbe

Schauspiel

Deutschlandpremiere: "Von den Beinen zu kurz"

Keiner will den Missbrauch sehen: Hannovers Staatsschauspiel zeigt das verstörende Inzestdrama „Von den Beinen zu kurz“ in einer Deutschlandpremiere. Anerkennender Applaus für tolle Schauspieler.

Hannover. Fünf Waschbecken an der Wand. Und immer wieder dieses zwanghafte Händewaschen. Als ob hier jemand sich die Schuld abzuwaschen versucht.

Aber wer hat überhaupt Schuld - und wenn ja, wie viel? Ist es des Vaters Schuld, wenn er sich an der Tochter vergeht? Hätte nicht die Mutter eingreifen müssen? Aber um die Frage der Schuld geht es bei „Von den Beinen zu kurz“ eher nicht. Das aufwühlende Theaterstück, das Deutschlandpremiere feierte, beleuchtet ein Inzestdrama von der Innenperspektive heraus. Es fragt nicht nach, sondern lässt viele wirre Stimmen erklären, sich erklären.

Vor ausverkauftem Haus in der Cumberlandschen Bühne zeigt Regisseurin Heike Marianne Götze das Stück der Schweizer Autorin Katja Brunner. Berührend, grausam und naiv tragen die Schauspieler die Stimmen der Figuren vor. Optisch erinnert die Kostümierung an Grusel-Horror-Puppen. Mit bleich weißen Gesichtern und dunkel umrandeten Augen berichten sie, wie Vater, Mutter, Kind sich fühlen. „Kann mir mal jemand sagen, was man machen soll?“, fragt die Mutter, nachdem sie den Vater mit der Tochter nackt im Bett erwischt hat.

Ekelerregtes Unwohlsein macht sich im Publikum breit. Minutenlanges stilles Begrabbeln der Schauspieler untereinander verdeutlicht das verbotene Begehren von Vater und Tochter. Und keiner will den Missbrauch sehen. Weder die Ärzte, die die Kleine untersuchen, noch die Kleine selbst. Die Tochter, die bereits mit fünf Jahren die erste Geschlechtskrankheit hat, verteidigt ihren Vater: „Ich bin eine zu kurz geratene Erwachsene. Das war uns beiden klar.“ Lisa Natalie Arnold, die zuweilen auch für das psychisch verwirrte Kind spricht, tut dies wundervoll naiv, aber auch wütend empört.

Verstörend ist es, wie sie ihren geliebten Vater in Schutz nimmt, allen Therapeuten, Nachbarn und sonstigen Außenstehenden zum Trotz: „Mein Vater, der ist anders als all die Väter, und das ist gut so.“ Und der Vater? Der rechtfertigt sich, immerzu, das ganze Stück hindurch: „Außerdem ist das mit Kindern so, du streichelst ihnen über die Hand, sie streicheln auch über deine …“

Es ist ein Stück, in dem man am liebsten aufspringen möchte und ganz laut schreien will, über das, was auf der Bühne vorgetragen und so schamlos gerechtfertigt wird. Es sind zähe, bedrückende und den Hals zuschnürende zwei Stunden. Der Applaus ist durchgängig anerkennend, doch nicht bejubelnd. Mit Hingabe, aber mit der nötigen Distanz zum Gegenstand erwecken Katja Gaudard, Dominik Maringer, Oscar Olivio und Lisa Natalie Arnold das Drama gekonnt zum Leben.

Langatmig ist das Stück vielleicht, weil man es so schwer ertragen kann. Aber auch, weil die Monologe zu lang sind, zu verwirrt und die Handlung dadurch zu nebulös erscheint. Assoziative Gedankenströme reihen sich am Ende nur noch aneinander - und man wünscht sich manchmal einen langen Piepton, der all dies übertönt.

Bewertung: 3/5


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