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Im Reclam-Regen: Die Universal-Bibliothek prägt unsere Sicht auf die Klassiker, wie hier in der Oberhausener „Iphigenie“-Inszenierung von 2011.

Im Reclam-Regen: Die Universal-Bibliothek prägt unsere Sicht auf die Klassiker, wie hier in der Oberhausener „Iphigenie“-Inszenierung von 2011. © Raimund Voigt

Reclam

Das kleine Gelbe wird 150

Mit der Universal-Bibliothek von Reclam lernen viele Schüler die Klassiker kennen. Es ist die älteste noch existierende deutschsprachige Taschenbuchreihe. Am 10. November 1867 erschien der erste Band.

Leipzig. 100 Millimeter mal 150 Millimeter: Die Weltliteratur kommt handlich daher, zu einem erschwinglichen Preis und mit gelbem Umschlag. Von Adornos „Philosophie und Gesellschaft“ bis zu Stefan Zweigs „Sternstunden der Menschheit“ reicht der Kosmos von Reclams Universal-Bibliothek. Für die meisten deutschen Schüler bedeuten die kleinen, gelben Hefte den ersten Zugang zu den Klassikern. Mancher strebt so zum ersten Mal mit Schillers Räubern nach Freiheit oder rebelliert mit Goethes Prometheus. Andere denken bei Reclam indes nur an die nervige Pflichtlektüre im Deutschunterricht.

Reclam, der Name steht für Buchrückenmeter gesammelter Poesie und Weisheit, aber auch für Lektürezwang qua Lehrplan. „Gehasst, geliebt, gelesen“ lautet denn auch der Slogan, den der Verlag zum 150. Jubiläum der ältesten noch existierenden deutschsprachigen Taschenbuchreihe auf Jutebeutel drucken ließ.

Die „Bestseller-Liste“ des Verlages

Die „Bestseller-Liste“ des Verlages.

Quelle: Ken Kullik/Reclam

Eine Neuregelung des Urheberrechts machte den Weg zur Universal-Bibliothek frei: Alle Werke von Autoren, die mindestens 30 Jahre tot waren, wurden im November 1867 frei verfügbar. Damit verbunden war die Idee, Klassiker als nationales Erbe der Öffentlichkeit zu schenken. Der erste Band der Reihe, Goethes „Faust I“ steht programmatisch für den aufklärerischen Impetus. Der vom Vormärz geprägte Anton Philipp Reclam, der den Verlag bereits 1828 in Leipzig gegründet hatte, wollte Klassiker für die Masse erschwinglich machen. Zwei Silbergroschen, später 20 Pfennig kosteten die Heftchen, die zunächst elfenbeinfarben und mit Rosenranken verziert waren. Das heute charakteristische Gelb wurde 1970 in Westdeutschland eingeführt. Eine Verlagslegende knüpft die Gestaltung an Goethes Farbenlehre, derzufolge das Gelb die „nächste Farbe am Licht“ sei.

Jubiläumsedition und Ausstellung

Derzeit sind in der Universal-Bibliothek 3500 Titel lieferbar, es scheinen rund 72 neue Titel im Jahr. Seit der jüngsten Layout-Reform 2012 ist der Titel weiß unterlegt. Zum 150. gibt es eine Jubiläums-Edition mit Titeln von Oscar Wilde bis Sibylle Berg. Zur Geschichte der Universal-Bibliothek gehören auch wenig ruhmreiche Kapitel wie die Verbannung sämtlicher jüdischen und als entartet verfolgten Autoren während des Nationalsozialismus. Ironischerweise galten jedoch gerade die charakteristischen Umschläge oft als Tarnung für Antikriegspropaganda, wie eine kleine Ausstellung in der Leipziger Nationalbibliothek verrät. Hier ist auch die Reclam-Feldbibliothek zu sehen, eine „Auswahl guter Bücher für den Schützengraben“ aus Kriegsliteratur, Klassikern und leichter Lektüre. Zu sehen ist die Ausstellung bis 3. Juni 2018. Zudem gibt es eine Ausstellung im Stadtarchiv Leipzig bis 31.3. 2018.

Reclam ist heute neben Duden die wichtigste Buchmarke aus Deutschland. Die Universal-Bibliothek „repräsentiert und verkörpert ein Stück deutscher Kulturtradition“, schrieb der 2013 gestorbene Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki in seinem – bei Reclam erschienenen – Aufsatzband „Nichts als Literatur“. Das Ikea unter den Verlagen verbindet goethezeitlichen Bildungsanspruch mit verlegerischem Kalkül und bot von Anfang an eine Mischung aus gutgängigen und literaturhistorisch bedeutenden Titeln an.

Werbung für einen Reclam-Schrank

Werbung für einen Reclam-Schrank.

Quelle: Reclam Verlag

Schon der Titel der Reihe markiert den Anspruch, das ganze Universum der Literatur zu umfassen, von Büchners politischer Streitschrift „Der hessische Landbote“ über Theodor Fontanes Roman „Irrungen und Wirrungen“ bis zu Loriots Witzen. Auch internationale Literatur ist von „1001 Nacht“ bis zu Shakespeares Sonetten vertreten.

Nicht nur über alles sollte die Lektüre sein, sondern auch für alle. „Jeder findet in Reclams Universal-Bibliothek wertvolle Lektüre“, stand auf einem der Buchautomaten vom Anfang des 20. Jahrhunderts, die in Bahnhöfen und Krankenhäusern für Lektürenachschub sorgten.

Der Verlagsname wurde mit der Zeit zum Synonym für die Universal-Bibliothek: Seit 1936 wird auf dem Titel auf den Hinweis „Universal-Bibliothek“ verzichtet, obwohl der Verlag darüber hinaus auch Hardcover-Ausgaben vertreibt. In der Universal-Bibliothek spiegelt sich die alte bildungsbürgerliche Forderung nach einem Kanon. Im Zuge der Aufweichung allgemeingültiger Normen aber hat dieser an Bedeutung verloren. Der Reclam-Verlag steht immer mal wieder in der Kritik, er sei zu sehr in die Vergangenheit gewandt.

Ausstellung in der Leipziger National-Bibliothek

Ausstellung in der Leipziger National-Bibliothek.

Quelle: May

Das war nicht immer so. Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte Ernst Reclam, Enkel des Verlagsgründers, seine Arbeit in Stuttgart fort. So gab es über viele Jahrzehnte zwei Reclam-Verlage, im Osten und im Westen. In Leipzig legte man nach 1945 besonderen Wert auf zeitgenössische Autoren wie Christa Wolf oder Anna Seghers. Das Programm der ostdeutschen Universal-Bibliothek war mit Autoren wie Aldous Huxley und Günter Grass durchaus mutig. „Man hat, überließ man sich Reclam-Leipzig, ganz von allein eine ziemlich umfassende Bildung erhalten“, erinnert sich der Schriftsteller Ingo Schulze gegenüber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Er habe sich zu DDR-Zeiten so gut wie jeden Band gekauft. „Mitunter habe ich vergessen, was ich da eigentlich alles habe und mache deshalb oft Entdeckungen. Wie letzte Woche, als ich ganz glücklich war, einen Band von Ernst Bloch über den Theologen Thomas Müntzer zu finden, den er Münzer schreibt.“ Der größte Verkaufserfolg kam jedoch erst nach der Wende: 1992 erschien in Leipzig der Roman „Schlafes Bruder“ von Robert Schneider, der zuvor von 24 Verlagen abgelehnt worden war.

2006 wurde das Leipziger Stammhaus aufgelöst. Die Leipziger Germanistik-Professorin Ilse Nagelschmidt fasst die Diskussion zusammen: „Leipzig als Buchstadt hat seinen Ruf in die Welt getragen. Dass heute davon nichts mehr übrig geblieben ist und die Stadt nach wie vor um diese Identität ringt, ist problematisch und zeigt, dass der Osten auch auf diesem Gebiet abgehängt ist.“

Reclams Auslieferungslager im 19

Reclams Auslieferungslager im 19. Jahrhundert.

Quelle: Reclam

Der Germanist Hans-Jochen Marquardt aus Halle an der Saale blickt dagegen in die Zukunft: „Der Verlag steht dafür, dass es weiterhin des gedruckten und gut gestalteten Buches bedarf – obwohl Reclam längst auch E-Books herausgibt.“ Marquardt, der seit mehr als 50 Jahren Reclam-Hefte sammelt und mehrere Tausend Ausgaben sein Eigen nennt, ist der Sohn des einstigen Leipziger Verlagsleiters. Mit seinem Verein „Literarisches Museum“ setzt er sich dafür ein, das Verlagserbe in der Region zu erhalten.

Marquardt hebt die stringente Zielgruppenorientierung hervor. Diese schlägt sich auch farblich nieder: Es gibt blaue Lektüreschlüssel für Schüler, grüne Bändchen für Studierende der Literaturwissenschaften. Neu hinzugekommen sind 2009 die magentafarbenen Sachbücher aus Geschichte, Naturwissenschaft und Politik; es ist die aktuell am sichtbarsten wachsende Reihe.

Im Reclam-Automaten wurden die Hefte an Bahnhöfen und anderen Orten angeboten

Im Reclam-Automaten wurden die Hefte an Bahnhöfen und anderen Orten angeboten.

Quelle: Reclam Verlag

Reclam steht nicht zuletzt für eine bestimmte Lesekultur. Der Schweizer Schriftsteller Peter Haffner beschreibt in einem Artikel, weshalb er die gelben Bändchen dem Smartphone als Wegbegleiter vorzieht: „Meine Reclam-Bändchen sind zerlesen und zerknittert, manche haben einen Regenguss abbekommen, einen Kaffee- oder Weinfleck. Sie kosten nicht viel, und lässt man eines irgendwo liegen, braucht man nicht in Panik zu geraten wie beim Verlust seines iPhones.“

Von Nina May/RND


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