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Interview

"Das Sehnen des Christian Redl"

Christian Redl (66) ist einer der größten Charakterköpfen unter Deutschlands Schauspielern, oft abonniert auf finstere Rollen. Im NP-Interview spricht der bekennende Melancholiker über seine CD „Sehnsucht“, die Liebe und die Endlichkeit des Glücks.

Herr Redl, Sie haben einmal gesagt: „Für Mist bin ich zu alt.“ Man kann also davon ausgehen, dass „Sehnsucht“ ein Herzenswerk ist?

Das stimmt. Es hat auch seinen Grund, dass ich das erst jenseits der 60 gemacht habe, also zu einem Zeitpunkt, als ich mit etwas mehr Gelassenheit auf mein Leben geblickt habe. Denn wenn man aus dem Moment heraus schreibt, ist das immer ein bisschen zu nah dran, zu wenig objektiv. Erst mit einem gewissen Abstand, idealerweise ein paar Jahre später, verschärft sich die Erinnerung. Man erwischt das Wesentliche, nicht die ganzen Aufgeregtheiten drumherum.

Besteht nicht die Gefahr, dass man Dinge verdrängt?

Nein. Ich habe mich sehr damit beschäftigt. Die 60 ist nun einmal eine Zäsur. Da merkt man, dass man im Herbst des Lebens steht. Man muss das annehmen. Es gibt ja den schönen Satz: „Das Alter ist nichts für Feiglinge.“ Dem stimme ich zu. Da muss man in der Lage sein, in den Spiegel zu schauen, sich zu betrachten und sich nichts mehr vorzumachen - und das nicht nur äußerlich. Wie habe ich gelebt? Wie habe ich geliebt? Wen habe ich verletzt? Mir solche Fragen zu stellen, hat mir ungemein geholfen.

Beim Hören des Albums drängten sich mir zwei Eindrücke auf: Das ist ja eine ganz schöne melancholische Grundstimmung - lohnt es sich nicht, über Glück zu singen?

Eine gute Frage (lacht).

Und der zweite Eindruck war: Gerade zum Ende hin, mit der Wendung zur Gelassenheit, beschreibt das Album fast so etwas wie eine Himmelfahrt ...

Wenn man so will: Ja, so ist das gemeint. Für mich hat das letzte Lied, „Abgang“, auch etwas Tröstliches: wenn man das Glück hat, dass man so weit ist, wenn der Gevatter kommt ...

Geschildert wird, wie ein Schauspieler nach seiner letzten Vorstellung erst von der Bühne und dann endgültig abtritt. Ist das eine schöne Vorstellung für Sie?

Für mich wäre das so. Und um zum Glück zurückzukommen: Ich bin Melancholiker. Für mich liegt das Glück im Detail. Ich kann nicht erwarten, dass ich ständig rundum glücklich bin. Mal ist das Glück eben auch eine Tasse Kaffee, die mir schmeckt. Oder eine Blume, die ich sehe und die ich schön finde - auch wenn ich als Melancholiker weiß, die wird vergehen. Das tröstet mich sogar, denn das ist das Leben, dieses Kommen und Gehen. Es ist ein Kreislauf, den ich angenommen habe. Ich versuche, nichts festzuhalten. Die Hildegard Knef hat einmal den schönen Satz gesagt: „Das Glück, das sind nur Minuten, und der Rest ist Warten.“

Diese Vorstellung der Endlichkeit prägt auch Ihre Lieder über die Liebe.

Ja, ich bin so aufgewachsen. Ich war nie der Happy Boy, der den ganzen Tag am Strand herumgehangen hat. Deswegen liebe ich auch den Winter. Da fühle ich mich wohler.

Das Lied „Sehnsucht“, in dem es um den Winter geht, ist also ganz konkret gemeint, nicht als Metapher für den Winter der Kindheit?

Das ist tatsächlich das konkreteste, das biografischste Lied. Weil es genau um diese Momente der Geborgenheit geht, die ich damals an der Hand meiner Großmutter erlebt habe: beim Spazierengehen, durch den Wald und über den See. Ich fühlte mich damals grenzenlos beschützt. Das war nur ein kurzer Lebensabschnitt, und diesen Zustand hatte ich danach nie wieder.

Das Drama des Erwachsenwerdens: dass der Moment des An-die-Hand-Genommen-Werdens fehlt ...

... und auch der Verlust der Naivität. Und was bleibt, ist diese ewige komische Sehnsucht. Wie in dem Film „Citizen Kane“ von und mit Orson Welles: Wo dieser Mensch versucht, unglaublich reich zu werden, und der Schlüssel liegt in seinem Schlitten, der für eine Kindheit steht, die er nie wieder erreichen wird. So ging es mir auch. Wobei ich nicht sagen kann, dass ich eine glückliche Kindheit hatte: Es gab und gibt immer nur Inseln des Glücks.

Wieso ist das Glück so endlich?

Weil man es verliert, wenn man versucht, es festzuhalten, wenn man sich in dem Moment des Glücks nur darauf konzentriert, wieder so einen Zustand zu erreichen. Die Lebenskunst ist gerade, den Moment zu nehmen.

Das Lieben wird nicht einfacher mit dem Leben, oder?

Für mich ist es komischerweise einfacher geworden. Ich habe tatsächlich erst jenseits der magischen 60 die richtige Frau gefunden. Diese ganzen Geschichten, die ich vorher hatte, das war doch teilweise sehr anstrengend.

Sie besingen in „Vorbei“ zum Beispiel eine Liebe, an der man über Gebühr festgehalten hat ...

Zum Teil jahrelang, und man weiß hinterher gar nicht, warum. Vielleicht weil man nicht als Verlierer dastehen wollte oder als jemand, der gescheitert ist. Ein fataler Vorgang. Aber das sind die Stoffe, aus denen man als Künstler schöpfen kann.

Was kann die Musik, was das Schauspiel nicht kann?

Die Musik kann einen emotional weit wegtragen. Was mir Freunde oder Bekannte erzählen, ist, dass sie beim Hören meiner Lieder recht schnell bei sich selber sind, bei ihren Sehnsüchten.

Und für Sie persönlich?

Ich bin ja nur Amateur. Aber ich wäre früher gerne Musiker geworden. Das wäre meine zweite Sehnsucht.

Liegt das auch daran, dass Sie in der Musik eine Sanftheit ausleben könne, die man aus Ihren Filmrollen eher nicht kennt?

Ich war ja lange im Theater, bin erst spät zum Fernsehen gekommen und dann mit einer Rolle, die mich lange geprägt: „Der Hammermörder“. Da war er, das Bild des Mannes mit der kriminellen Energie, und ich wurde über Jahrzehnte nur noch so gesehen und besetzt. Am Theater hatte ich immer sehr viele komische Rollen.

Die reichten vom „Sommernachtstraum“ bis zu den „Sunny Boys“ ...

Ja, aber das wurde erst sehr spät gesehen. Erst jetzt, mit 66, hatte ich für das Fernsehen zum ersten Mal eine komische Rolle, als Ehemann von Hannelore Hoger in „Frau Roggenschaubs Reise“ für das ZDF.

Haben Sie noch Traumrollen?

Ehrlich gesagt, nein. Ich bin auch wahnsinnig gerne Privatier. Ich werde nicht nervös, wenn in meinem Terminkalender leere Stellen sind, im Gegenteil. Und ich muss gewisse Dinge auch nicht mehr machen, denn ich beziehe eine Rente, und das ist ein unglaublicher Genuss.


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