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© Frank Wilde

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Interview

Darsteller Hagen Oechel über "Das Schmürz"

Diese Woche geht es los: Die neue Spielzeit des Schauspiel Hannover startet. Am Donnerstag hat „Hotel Savoy“ im Schauspielhaus Premiere, am Freitag „Die Reichsgründer oder Das Schmürz“ im Ballhof. Und am Sonnabend wird Hoffest gefeiert. Ein Überblick.

Wine Familie flieht vor einem seltsamen Geräusch in immer prekärere Verhältnisse - in seinem letzten Theaterstück „Die Reichsgründer oder Das Schmürz“ thematisierte der französische Schriftsteller Boris Vian (1920-1959) die irrationale Angst vor dem Fremden und kleinbürgerliche Anmaßungen. Am Freitag eröffnet es die Spielzeit des Jungen Schauspiel. Wir sprachen mit Hagen Oechel (51), der den Vater spielt.

Ihr Regisseur Tom Kühnel neigt dazu, seine Stoffe auf aktuelle Bezüge abzuklopfen. Worum geht es ihm denn wohl beim „Schmürz“?

Ich glaube, es geht ihm vor allem um den dritten Akt ...

... in dem der Vater ganz alleine ist, Uniform trägt und seine Großmannssucht auslebt.

Ja, und da geht es natürlich um Militarismus, auch um das Militär heute. Der Vater redet dann vor sich her, faselt von der Notwendigkeit eines Krieges und träumt von einer Karriere.

Wie kommt es dazu? Am Anfang des Stücks ist der Vater ein Angsthase, ein Duckmäuser, der sich und seiner Familie alles schönredet.

Die Figuren haben generell keine große Stringenz. Die Handlung ist sprunghaft. Darauf kam es Vian auch gar nicht an. Er war ein Lebemann, und er war todkrank. Ich glaube, es kam ihm einfach darauf an, einen Punkt zu machen. Und manchmal hat er wahrscheinlich wie im Rausch geschrieben, ist nach Hause gekommen und hatte einen Flow im Kopf. Er hatte ein Grundgefühl für einen Text, und dann ließ er es fließen. Es ist zum Teil auch dadaistisch.

Welche der Vater-Figuren ist Ihnen näher?

Schon der am Ende. Der ist auch den Figuren näher, für die ich normalerweise besetzt werde. Anfangs ist der Vater für mich eine Herausforderung. Herumprollen? Kein Problem, kann ich. Aber da sind leisere Töne gefordert. Ich muss mehr ackern. Ich mag halt eher den Anarcho-Style, und Tom ist ein Feingeist. Und allein vom Bühnenbild her, das sich verändert, mit sich bewegenden Wänden - das ist nicht einfach. Ich bin im Tunnel. Lange nicht im Tunnel gewesen.

Wir befinden uns mitten in einem absurden Theater: Diese Familie flüchtet vor einem unheimlichen Geräusch in immer kleinere, entsetzlichere Unterkünfte, immer die Treppe hinauf. Figuren verschwinden, werden vergessen, bis eben nur noch der Vater da ist.

Und dann ist da noch dieses Schmürz ...

Genau, was hat es damit auf sich? Mit dieser Figur, die in der Ecke steht und von der Familie gequält, gefoltert und verprügelt wird?

Das ist ein klassischer Prügelknabe, so wie es ihn früher an den Höfen gab. „Schmürz“, das klingt ja schon so wie „Schmerz“. Der hat eine Ventilfunktion.

Sie arbeiten mit einem Stuntman.

Ja, der ist gut eingepackt, kann fallen, weiß, wie er sich verhalten muss. Kollegen auf der Bühne zu verhauen, ist nicht immer so einfach: Die Kollegen sind Schauspieler, und ein Schauspieler spielt. Ein Laie verhält sich einfach. Diesen untheatralischen Moment finde ich super.

Der Vater schlägt vor allem als Übersprungshandlung zu, wenn er sich die Welt mal wieder richtig zusammengelogen hat.

Aber auch, wenn er einen geilen Satz gesagt hat (lacht). Da ist auch Lustempfinden dabei.

Wie sehen Sie die Tochter? Man könnte das Stück ja auch fast als Pubertätsmetapher sehen: durch die Augen dieses Mädchens, das begreift, dass ihre Eltern immer kleiner werden und von irgendeinem indifferenten Früher schwärmen.

Für mich ist diese Tochter die Luft im Raum. Die Eltern haben ihre klaren Rollen, sie driftet dagegen an. Um es musikalisch auszudrücken: Die Eltern geben den Rhythmus vor, sie schwebt wie eine Klarinette darüber. Die Tochter stellt auch noch die großen Fragen: Warum gibt es uns? Was machen wir mit unserem Leben?

Auch ein Privileg der Jugend.

Ja, und für Vian, glaube ich, auch ein anderer Lebensentwurf.

Was passiert wohl mit ihr, als sie verschwindet?

Ich glaube, sie wird einfach geschluckt vom Leben. Ich sehe das bei meinem großen Sohn. Das passiert, wenn sie dem Ernst des Lebens begegnen, wenn man sich immer mehr einsortieren und fügen muss. Die Naivität geht flöten. Die Krake Leben (lacht).

Für die Premiere am Freitag (19.30 Uhr) gibt es noch Karten.

NPVISITENKARTE

Geboren am 24. August 1965 im sächsischen Schkeuditz. Der Schauspieler Hagen Oechel (Foto: Wilde) erhielt seine Ausbildung 1988 bis 1991 an der Theaterschule Hans Otto in Leipzig. Nach Engagements am dortigen Schauspiel, in Bonn, Ulm, Jena, Weimar, Stuttgart, Berlin und Hamburg ist der Charakterkopf und Instinktschauspieler seit 2012 Ensemblemitglied am Schauspiel Hannover. Damals spielte er die Hauptrolle in „Tod und Wiederauferstehung der Welt meiner Eltern in mir“. Oechel lebt in Linden. Seinen Hauptwohnsitz hat er allerdings mit seiner Frau, einer Ärztin, und den zwei Söhnen (17 und 19) in Hamburg.

„Hotel Savoy“

Bankrotteure und Millionäre, Soldaten und Gaukler bevölkern das „Hotel Savoy“ in Lodz, eine Durchgangsschneise zwischen Ost und West und zwischen den Zeiten. Denn das Jahr, in dem das alles spielt, ist zwar 1919, doch das Thema ist ein ganz heutiges: das einer aus den Fugen geratenen Epoche.
Regisseur Sascha Hawemann, Spezialist für die großen literarischen Stoffe („Drei Schwestern“, „Wolf unter Wölfen“) und das große inszenatorische Besteck setzt Joseph Roths Roman um und eröffnet damit am Donnerstag die neue Spielzeit im Schauspielhaus. Günther Harder spielt die Hauptrolle des Veteranen Gabriel. Auch dabei sind Publikumslieblinge wie Henning Hartmann, Wolf List und Carolin Haupt.
Die Premiere beginnt am Donnerstag um 19.30 Uhr im Schauspielhaus. Karten kosten 21,50 bis 43,50 Euro.

Das Hoffest

Diesmal inszenieren die Chefs selbst: Intendant Lars-Ole Walburg und Florian Fiedler, Leiter des Jungen Schauspiels, verantworten die sogenannte „Trailershow“ mit Ausblicken auf die neue Spielzeit – ein Highlight des großen Hoffests, das Schauspielhaus und Anrainer am Sonnabend feiern.
Programm gibt es ab 15 Uhr und bis Mitternacht. Da öffnet – passend zum kommenden Weihnachtsstück „Heidi“ – eine Jodelschule. Im Kunstverein zeigen Schriftsteller Clemens Meyer („Im Stein“) und Kompagnon Claudius Nießen trashige Videofilme, und zum Abschluss, ab 22.30 Uhr spielt auf der Hofbühne die Berliner In-Band Milliarden. Es gibt ein umfangreiches Kinderprogramm, eine Kostümversteigerung, Führungen hinter die Kulissen, Kurzfilme im KoKi und mehr.
Der Eintritt ist frei. Für die Gala gibt es Zählkarten.


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