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NP-INTERVIEW

Corinna Harfouch über Theater, Film und die DDR

Heiner Müllers „Auftrag“ eröffnet am 11. September die Spielzeit am Schauspielhaus. Corinna Harfouch (60) spielt eine der Rollen. Die NP sprach mit der Schauspielerin. Ein Auszug: "Wir sagen, wir leben in einer Demokratie, in der besten aller möglichen Gesellschaften und denken gar nicht weiter darüber nach. Wir lachen darüber, wenn jemand sagt „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“. Wir finden den Gedanken lächerlich, dass man die Ungerechtigkeit in der Welt angehen könnte." Lesen Sie das gesamte Interview in der Sonnabendausgabe (22. August 2015).

Ihre Laufbahn ist eng mit Heiner Müller verbunden. Jetzt kehren Sie mal wieder zu ihm zurück. Ist es Ihnen eine Herzensangelegenheit?

Ja, absolut. Er ist schändlicherweise zu wenig präsent auf den Bühnen. Ich bin absolut nicht der Meinung, dass er sich erledigt hat.

Ein Kritikerkollege meinte, er befände sich „in einem Transitraum zwischen Klassikerhimmel und Mottenkiste“.

Ich finde, er wird zu sehr missverstanden als intellektueller Autor. Dabei ist er wirklich auch ein Komödiant, der in seinen Stücken die unterschiedlichsten Formen nutzte. Mal abgesehen von seiner faszinierenden Sprachgewalt, die ich durch meine Arbeit mit ihm schon sehr frühzeitig kennenlernen konnte. Die ist mir ins Blut übergegangen. Ich liebe es, diese hochkomplexe Sprache zu sprechen.

Die muss man aber auch erst zum Leben bringen. Was raten Sie den Kollegen, denen sie vielleicht noch nicht so ins Blut übergegangen ist?

Ich rate denen gar nichts. Die Kollegen sind sehr gut; die können das alleine. Mal abgesehen davon, dass wir alle eingebunden sind in ein sehr starkes Konzept.

Das Stück entstand in einem Staat, den es nicht mehr gibt, reflektiert eine Revolution, die zu dem Zeitpunkt schon gescheitert war, und stellt die Möglichkeiten von Utopien allgemein in Frage. Ist vielleicht das Theater selbst der Ort für Utopien?

Das Theater sollte sich sowieso wesentlich mehr darauf konzentrieren, ein Ort für Utopien zu sein und nicht bloß die Wirklichkeit zu reflektieren, die Umstände so krass wie möglich zu zeigen und auf die Weise schön dazu beizutragen, dass es so bleibt, wie es ist. Dieses Stück erinnert daran, was für eine unglaubliche Kraft es immer wieder gekostet hat, die Verhältnisse zu verändern – aber eben auch daran, dass es möglich und nötig ist. Ich finde es so dramatisch und traurig, dass wir uns offenbar alle damit abgefunden haben, dass es so ist, wie es ist. Und glauben, dass es unmöglich ist, in diesem Strom von Geschichte einzugreifen. Es ist wirklich entsetzlich.

Sind wir so selbstgefällig geworden?

Wir sagen, wir leben in einer Demokratie, in der besten aller möglichen Gesellschaften und denken gar nicht weiter darüber nach. Wir lachen darüber, wenn jemand sagt „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“. Wir finden den Gedanken lächerlich, dass man die Ungerechtigkeit in der Welt angehen könnte. Dieses Stück erinnert uns daran, dass wir uns auf keinen Fall damit abfinden sollten, dass die Welt nun mal so sei, in ihren durchkapitalisierten, durchökonomisierten Verhältnissen. Es wird ja auch hingenommen, dass der Mensch des Menschen Konkurrent sei. Das dient nur dazu, dieses System zu stützen. Aber wir wissen doch, dass der Mensch genauso zu Solidarität, zu Freundschaft, zum Maßhalten fähig ist.

Was Sie jetzt sagen, entspricht durchaus der Utopie des anderen deutschen Systems ...

Das ist ja der Mist. Wir haben es vermasselt. Und auch darüber spricht dieses Stück: über diesen Schmerz und die Trauer darüber, wie die Chance einer anderen Gesellschaft vertan wurde. Aber die Lösung kann doch nicht sein, dass man sagt: „Ja, schade, hat halt nicht geklappt, ergeben wir uns doch einfach den kapitalistischen Verhältnissen.“

Macht die Tatsache, dass das Theater ein Raum für solche Reflektionen ist, auch für Sie den Reiz aus, dort zu arbeiten?

Auf jeden Fall. Sowieso habe ich in den vergangenen Jahren viel mehr am Theater gearbeitet, als ich gedreht habe. Das ist rein persönlich auch der bessere Ort für mich. Auch wenn ich bedauere, wie schnell und wie viel man dort inzwischen produziert. Ich weiß nicht, ob das nötig ist, sich auch diesem Produzierzwang zu unterwerfen. Es sollte ein Ort des Nachdenkens sein. Wir sollten Ereignisse schaffen.

Und „Der Auftrag“ soll ein solches Ereignis sein?

Ich hoffe es sehr.

Warum drehen Sie nicht mehr so gerne?

Es ist schon so, dass ich mich oft langweile. Denn die Abläufe beim Film sind immer gleich. Die Schauspielerei nimmt nur den kleinsten Teil des Tages ein. Ich habe einen Lieblingsregisseur in diesem Land, Matthias Glasner („Der freie Wille“, d. Red.). Mit dem ist es aufregend zu drehen, immer.

Wie schafft er das?

Weil er klug ist, sehr intensiv in seinem Denken. Weil er unglaublich viel vom Filmen weiß. Und weil er einem Raum gibt, in dem man überrascht und angeregt wird.

Gibt es eine Rolle, die Sie unbedingt noch spielen möchten?

Nein. Es geht nicht um die Rollen, sondern immer um Konstellationen und darum, worauf man hinaus will. Wenn das stimmt, kann es auch das Telefonbuch sein.


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