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DARF ER DAS? Comedy-Durchstarter Chris Tall zelebriert im Apollo das „Selfie von Mutti“.© Jan Philipp Eberstein

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Comedy

Comedy-Durchstarter Chris Tall im ausverkauften Apollo

44 Jahre ist kein Alter. An einem normalen Abend in Desimos Spezial-Club im Apollo wäre Jens aus der ersten Reihe Durchschnitt. An diesem Dienstag ist er steinalt. Die meisten Besucher könnten seine Kinder sein; das Mädchen neben ihm ist es. Jens hat es begleitet, zum Auftritt von Chris Tall. Das hat er nun davon: Jens wird unversehens und gutmütig lächelnd zu einem der Running Jokes des Abends: „Geiles Hemd - wenn es mal modern wird, hast du es schon“, lästert Chris Tall.

Hannover. Darf er das? Er darf. Findet er. Denn das ist sein Konzept; es steht auch auf seinem T-Shirt. Der 24-jährige Hamburger tingelte einst mal mehr, mal weniger erfolgreich durch die gängigen Comedy-Formate, bis zu jenem schicksalhaften Tag im Oktober, als er zum wiederholten Mal bei Stefan Raabs „TV total“ auftrat. Da stellte er die gar nicht so steile These auf, dass auch positiver Rassismus doof ist und jede Minderheit Recht auf Hohn und Spott habe: Behinderte („Sind Rollstuhlfahrer da? Bitte aufstehen!“) so wie Schwarze („Großer Penis, rennt schnell - ich bin das Gegenteil“).

6,5 Millionen Mal wurde das Video geklickt, die Phrase „Darf er das?“ zum geflügelten Wort. „Wer ist nur wegen dieses Auftritts da?“, fragt er. Da gehen fast alle Hände im Apollo hoch. Es ist ausverkauft. Das wird es beim nächsten Mal im Mai wieder sein. Für die September-Show im Aegi gibt es auch keine Karten mehr.

Die Nummer ist Fluch und Segen. Zu sehr platzte „Darf er das?“ in die „Das wird man wohl noch sagen dürfen ...“-Debatte. Neben dem Ruhm gab es auch Applaus von der falschen Seite und gewagte Kritik. Als komö-diantischen Arm der AfD sahen ihn manche gar, auf „Vice.com“ rügte man die „Pegida-freundlichen Pointen“.

Auf kritische Fragen reagierte Chris Tall sehr früh sehr dünnhäutig. Weswegen der anwesende Vertreter der örtlichen Presse, der ihn damals interviewte, zu einem weiteren Running Gag im Apollo wird, neben Jens, dem 14-jährigen Youngster Hannes und Katarina, die vor lauter Freude weint.

Chris Tall ist schlau genug, die Nummer nicht zu wiederholen. Es gibt eine Kurzfassung und die Klarstellung „Ich hasse Rassisten“. Dann konzentriert er sich im Rest des Drei-Stunden-Programms „Selfie von Mutti“ auf seine eigentlichen Themen: peinliche Eltern, Papas Jugendsprech („Hey, what’s app?“), ältere Paare mit Jack-Wolf- skin-Flatrate, die eigene Schulzeit („15 Jahre, Hauptschule“), seine Plauze - immer drauf auf den Dicken. Dazu gibt es eine ziemlich geniale Mario-Barth-Parodie. Das ist Pausenhof-Humor, recht lustiger dazu.

Noch kann Chris Tall den Klassenkasper geben; er ist jung genug dafür. Dass er sich schon mal nach anderen Themen umtut - wer will es ihm verdenken? Aber „Darf er das?“ sticht mit seiner geringen intellektuellen Fallhöhe aus dem Programm wie ein Fremdkörper heraus. Darf man das so schreiben?

Bewertung 4/5

Das Interview zur Nachlese gibt es hier.


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