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Interview

Carl Haenlein - die Leidenschaft ist geblieben

Carl Haenlein (geb. 1933) kehrt in die Kestnergesellschaft zurück. Der langjährige Direktor spricht heute (Donnerstag) ab 19 Uhr über Kunst und Kestner. Und im Interview über monströse Preise, tolle Ausstellungen und überwundene Verärgerung.

Carl Haenlein, wie geht es Ihnen?

Geht so, im Moment heile ich einen Wirbel- und einen Rippenbruch aus.

Ihr Auftritt in der Kestnergesellschaft ist aber nicht in Gefahr?

Aber nein, da würde ich mich sogar im Rollstuhl hinschieben lassen.

Das war vor einigen Jahren aber anders ...

Das hatte mit meinem direkten Nachfolger Veit Görner zu tun. Da hatte ich keine Lust, mir irgendetwas anzuschauen. Das hat sich mittlerweile geändert. Jetzt bin ich wieder mit Lust dabei.

Was war der Grund der Verärgerung?

Ein Institut, das seine Bibliotheken verscherbelt, ist kein Ort, an dem ich sein möchte. Ich muss ja sagen, zwischen mir und der Kestnergesellschaft gab es nie ein Problem, mit den Mitgliedern und Vorstandsmenschen hatte ich immer ein herzliches Verhältnis. Die Enttäuschung habe ich längst überwunden.

Nun hat es Sie nie ausgezeichnet, nichts zu tun, welche Aufgabe haben Sie sich gesucht?

Ich kümmere mich vor allem darum, aufstrebende junge Kuratoren zu entdecken und zu fördern durch eine großzügige Stiftung und durch die Vergabe des Justus-Bier-Preises für Kuratoren. Ich sitze hier in der Jury.

Sie haben in Ihrem Leben schon viele bemerkenswerte Ausstellungen gemacht ... Ist es heute eigentlich schwieriger, gute Ausstellungen zu machen?

Nein, ich denke sogar, leichter. Weil es leichter ist, an Geld zu kommen. Ein großer Teil meiner Arbeitszeit ging ja fürs Einsammeln von Geld für Ausstellungen drauf. Die ästhetischen und konzeptuellen Schwierigkeiten bei der Realisierung dürften im Laufe der Zeit immer gleich geblieben sein. Wer heute seine Schwierigkeiten hat, hätte sie auch früher gehabt.

Ist Geld für den Kunstbetrieb wichtiger geworden?

Natürlich nicht. Aber es ist notwendig im Sinne eines notwendigen Übels. Wenn man heute eine Chillida-Ausstellung mit diesen extrem schweren Skulpturen aus Stein oder Stahl machen will, braucht man halt Geld. Durch unglückliche Umstände hatten wir Unsummen an Transportkosten, ich stand vor einem möglichen Schuldenberg. Und mir hatte damals ein Sammler geholfen, Bernhard Sprengel. Der hatte sich in eine der Skulpturen verguckt, die gekauft - und die Kestnergesellschaft war mit Prozenten daran beteiligt -, dann noch eine und noch eine. Und da hatten wir die Unkosten raus. Heute stehen die Stücke im Sprengel Museum

Zumindest, wenn man Kunst kaufen will, sind heute in der Spitze unzählige Millionen nötig ...

Furchtbar. Das ist so entsetzlich wie diese Preise, die im Fußball gezahlt werden. Monströs. Der Unterschied zwischen Kunst und Sport liegt natürlich auch darin, dass es bei der Kunst immerhin eine Geldanlage ist, die eine etwas längere Dauer hat.

Kaufen Sie Kunst?

Nein. Habe ich nie getan. Zumindest nicht aus den Ausstellungen, das hatte ich mir verboten. Höchstens mal zur Unterstützung junger Künstler auch aus Hannover, Degenhard Andrulat zum Beispiel.

Hatten oder hätten Sie Lust, in der Kestnergesellschaft mal wieder mitzumischen?

Nein. Nie. Als ich mit 74 Jahren aufgehört hatte, war das eine abgeschlossene Phase.

Ein kleiner Tipp: Was war die letzte überzeugende Ausstellung, die Sie gesehen haben?

Lassen Sie mich überlegen ... Sehr gut ist die noch laufende Ausstellung „Wolfsburg unlimited“ im dortigen Kunstmuseum - wie dort auch mit den schwierigen Dimensionen des Hauses und dem sperrigen Thema umgegangen wurde. Der dortige Ausstellungsmacher Ralf Beil hatte auch schon einmal den Justus-Bier-Preis bekommen.

Ein Leben mit der Kunst ... Wie ist es da im höheren Alter mit der Leidenschaft?

Die Leidenschaft für die Kunst ist geblieben. Die Erfahrung kann ich zumindest weitergeben: Ein Sättigungsgefühl stellt sich eher nicht ein. Bei mir zumindest nicht. Wenn ich wie vor kurzem eine Zeichnung von Beuys oder eine von Raffael sehe, das kann mich immer noch restlos begeistern.

Aber ändert sich mit den Jahren nicht das Verhältnis zur Kunst?

Also, Weisheit ist bei mir nicht eingetreten. Man hat natürlich mehr gesehen, was den Maßstab verändert. Umso glänzender werden die Meisterwerke, umso uninteressanter die Sachen, die nicht überzeugt haben.

Im Rückblick - was war Ihre beste Ausstellung?

Die Eröffnungsausstellung nach dem Umbau im neuen Domizil im Goseriedebad mit Rebecca Horn: „Glance of Infinity“, was für ein Titel. Aber nur eine Ausstellung zu nennen, das geht ja eigentlich gar nicht.

Also gut, noch eine ...

Joseph Beuys mit dem schönen Titel „Eine innere Mongolei“, die Russland künstlerisch erobert hat. Und eine noch, dann ist wirklich Schluss: die Skulpturen von Baselitz.

Ihr Fazit heute: Was ist eigentlich Kunst?

Ich muss da keine klugen Vorworte und gelehrten Diskurse lesen. Einfach: wenn es mich packt und mir kalt den Rücken herunterläuft. Das geht bei mir übers Auge und übers Herz.

DAS GESPRÄCH

Der Titel ist ebenso schlicht wie verheißungsvoll: „Über Kunst“ spricht heute, 12. 8., ab 19 Uhr in der Kestnergesellschaft der ehemalige Direktor Carl Haenlein mit der jetzigen Direktorin Christina Végh auch über seine Tätigkeit. Fast drei Jahrzehnte lang hatte Haenlein die künstlerische Leitung der Kestnergesellschaft. Wie kein anderer Direktor zuvor prägte er das Ausstellungsprogramm. Zu den von ihm ausgestellten Künstlerinnen und Künstlern gehörten unter anderem Joseph Beuys, Christo und Jeanne-Claude, Eva Hesse, Andy Warhol, John Baldessari und Louise Bourgeois. Neben seiner künstlerischen Arbeit verantwortete Haenlein den Umbau des ehemaligen Goseriedebades in ein modernes Ausstellungshaus, in dem die Kestnergesellschaft bis heute ihren Sitz hat. In dem Gespräch wird es heute auch um die Erfolge von Kestner-Ausstellungen im Ausland gehen.


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