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Kultur Berlioz’ „Requiem“ Kuppelsaal
Nachrichten Kultur Berlioz’ „Requiem“ Kuppelsaal
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00:23 30.05.2018
Das volle Panorama: Über die ganze Breite sind neun hannoversche Chöre aufgestellt – was einen phantastischen Stereo-Effekt hat. An den Seiten und im rückwärtigen Teil des Kuppelsaals stehen die Blechbläser-Batterien. Das Orchester ist extragroß mit Riesenschlagwerk. Dirigent Ingo Metzmacher koordinierte die Klangmassen mit Übersicht und Verve. Berlioz selbst war übrigens dreimal (!) in Hannover gewesen – zu Konzerten. Quelle: Krückeberg
Hannover, Hannover

Es gibt diese Momente, wo sich Raum und Zeit auflösen. Drogen schaffen das, diese hier heißt „Requiem“ und stammt von Hector Berlioz. Sein Raumklangwunder dirigierte Ingo Metzmacher im Kuppelsaal – leitete die vereinigte Pracht von neun hannoverschen Chören und der Radiopharmonie.

Und verschaffte den gut 2500 Zuhörern das Glück, dabei gewesen zu sein. Das war dann schon großes Kino, als die vier Blechbläser-Batterien im „Dies irae“ loslegten und ihre Fanfarenklänge ins Klanguniversum schossen – sie waren an den vier auseinander liegende Ecken des Kuppelsaal positioniert. Dazu bollerte brachiales Schlagwerk im „Tuba mirum“. Berlioz wollte 1837 das größte je geschriebene Musikwerk komponieren – und ist der Maxime ziemlich nahe gekommen. Erschütternd nahe, denn den überwältigenden Klang konnte man körperlich spüren.

Ingo Metzmacher gelang in den 80 Minuten eine Interpretation mit Referenzqualitäten – weil er den Giganten eben nicht nur auf Wirkung dirigierte, sondern einen eher kühl glühenden Ansatz wählte – wie es vielleicht noch Lorin Maazel oder Charles Münch geschafft haben. Nichts war hier unklar, die Konturen waren sauber gezogen. Bravourös, wie exakt Orchester und Chor aufeinander abgestimmt waren – wie von höchster Phonstärke des gesamten Ensembles auf kaum noch hörbares Pianissimo etwa eines sanft sich verlierendes Beckenzischens umgeschaltet wurde – das zeugt von einer bemerkenswerten Probenökonomie.

Der Kuppelsaal lief bei diesem Kunstfestspielkonzert zur Höchstform auf und toppte die riesigen Kirchenschiffe, für die Berlioz sein Großwerk komponiert hatte. Die neun Chören sangen über die gesamte Breite über dem Orchester – wie die Stimmen von links nach rechts weitergegeben wurden war bestes Stereopanorama. Dazu dann die Surround-Elemente der Fernensembles – das alles machte die Räume für die Musik auf und klang in jedem Moment absolut ohne jede Verzerrung. Es dürfte wenige Konzertsäle geben, die diese Erfahrung so klar vermitteln.

Und Metzmacher wäre nicht Metzmacher, wenn nicht noch etwas echte Moderne dabei wäre – bruchlos ging das „Requiem“ in die wunderbar stimmige „Stille und Umkehr“ von Bernd Alois Zimmermann von 1970 über, eine sanfte Klangerkundung mit komplexem Blues-Rhythmus.

Lob aus Schottland

Michael Austin war extra aus Schottland angereicht, er gilt als einer der besten Berlioz-Kenner, betreibt seit 20 Jahren das Forum hberlioz.com und war begeistert: „Besser habe ich das ’Requiem’ noch nie gehört.“

Was auch in Dirigent Ingo Metzmacher lag, der beim anschließenden Empfang des Oberbürgermeisters vor allem die Chöre lobte: „So etwas kann keine andere Stadt bieten.“ Für die Bewerbung um die Kulturhauptstadt sei das vorbildhaft: „Wenn wir hier die ganzen Potenziale vernetzen, hätte ich keine Sorgen.“ Über sein nächstes Großwerk mochte Metzmacher noch nichts verraten: „Mal sehen in zwei Jahren.“

Oberbürgermeister Stefan Schostok benannte die Essenz solcher Konzerte: „Das sind künstlerische Erfahrungen, die weit über die jeweiligen Kunstfestspiele hinausreichen.“

Von Henning Queren

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