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HOCH AUF DEN HOTCHAIR: Robert Künzli (Mitte) als Muselmane, der seine Frau verkauft. Und dann doch wieder nicht. Das Bühnenbild ist jedenfalls unbezahlbar. © Jauk

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Oper

Beifall und Buhs für "Die verkaufte Braut"

Das sieht erst mal alles ganz echt aus: Prolocal heißt die Agentur, die sich eine Inszenierung in der Oper gekauft hat. Dienstbare Geister machen vorher im Foyer ein bisschen Werbung, es ist alles schön grün hier. „Heimat neu erleben“ heißt der Abend und gilt Smetanas „Verkaufter Braut“.

Hannover. Was hier abläuft, ist ein ziemlich gut und frech kalkuliertes Spiel im Spiel, auf das einige Besucher doch reinfallen. Auf der Bühne führt Comedian Fabian Gerhard als wunderbar öliger Agenturchef „Fabian Springer“ durch den Abend - der ein Mix ist aus Revue, Kabarett, Show und ja, auch Oper.

Und das ist dann das sicht- und vor allem hörbare Problem dieser an sich höchst witzigen und sehenswerten Produktion. Smetanas Oper wird filetiert und in einen neuen Kontext gestellt - eben den einer Werbeveranstaltung mit angeschlossener Show. Beruhigend ist immerhin, dass die Arien, Duette, Chorpassagen und Orchesterstücke erhalten bleiben und auch als Musik zu genießen sind. Weitgehend jedenfalls, denn zu häufig wird in die Musik reingesprochen und sie überspielt.

Das muss man vorher wissen und goutieren, dann macht der Abend richtig Spaß. Denn es ist nicht einfach, die eigentliche „Verkaufte Braut“ mit ihrem ganzen Trachten-Dorf-Böhmen-Volkstanz-Klimbin heute annehmbar auf die Bühne zu stellen.

Hier passiert es ziemlich radikal: Los geht’s mit einem Werbefilm über die „Heimat Hannover“, untermalt von der rasant genommenen Ouvertüre (durch ein gut aufgelegtes Staatsorchester unter Benjamin Reiners, das sich von dem Zinnober da oben nicht beeindrucken lässt). Dann wird reichlich von dem aufgefahren, was auf der Opernbühne heute möglich ist. Viel Video, Handy-Cams mit Projektionen auf die bühnenhohe Leinwand, Slapstick, die Zirkustänzerin Esmeralda als Conchita Wurst. Das Publikum wird zum Mitmachen beim „Prolocal-Move“ animiert und macht (in Teilen) mit. Trachtenvereine (Feuchtbiotop Ihmezentrum) tanzen über die Bühne - es geht ja um Heimat. Alles ist eingebunden in eine Art Hochzeitsfernsehshow, die Menschen miteinander glücklich machen soll, ausgerichtet von „topfunddeckel.de“. Und das hat dann schon reichlich Schauwert.

Gesungen wird deutsch, die Texte sind der Inszenierung und der Gegenwart angepasst, „Männer sind Schweine“ bringt immer einen sicheren Lacher. Hier noch ein Gag über Ehescheidungen, dort über den alltäglichen TV-Wahnsinn. Obwohl alles stimmig ist ... es ist einfach, um es britisch auszudrücken, „too much“ - als dann auch noch Bräutigam Hans als islamistische Pierre-Vogel-Kopie die heimatnahe Braut heiraten soll.

Sogar in der Pause lässt einen die Inszenierung nicht los, weil das Prolocal-Spiel weitergeht, es wird gejodelt und im Foyer Polonäse getanzt. Und auch das Ende des Abends ist dicke: Ein Terror-Teddy rast auf großer Videoleinwand durch die Eingeweide des Opernhauses und erledigt alle männlichen und weiblichen Bräute.

Und darüber sollte man nicht die Musik vergessen. Shavleg Armasi singt den Heiratsvermittler mit stimmlicher Eleganz. Auch das Orchester zeigt, dass es nicht um eine böhmische Operette, sondern, auch in den Furiant-Passagen, dass es um eine vollgültige Oper geht - vor allem hier hat der Abend die Ernsthaftigkeit, die in Smetanas Opus steckt.

Den meisten Beifall bekommt Dorothea Maria Marx als Marie. Robert Künzli ist artikulationssicher, stemmt sicher die Höhe und zeigt, dass die Partie des Hans nicht zu leicht zu nehmen ist. Bemerkenswert noch Stefan Adam als Kruschina, stimmschön Brigitte Hahn als seine Frau und toll die virtuosen Stotter-Arien von Tivadoar Kiss als Wenzel.

Der Applaus ist - obwohl von einigen Buhs durchsetzt - begeistert und zehn Minuten lang und feiert auch und gerade das Regieteam um Martin G. Berger.

Bewertung: 4/5


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