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NP-Interview

Beginner - für immer

„Ahnma“ und „Es war einmal“, die Vorab-Auskopplungen, sind schon mal gut eingeschlagen. Am 26. August erscheint dann auch "Advanced Chemistry", das erste Album der Deutschrap-Veteranen Beginner nach 13 Jahren. Wir trafen Guido Weiß alias DJ Mad, Dennis „Denyo“ Lisk und Jan Philip Eißfeldt alias Eizi Eiz alias Jan Delay, zum Interview.

Hannover. Dieser Nicht-Hanseat bittet um Aufklärung: Was heißt „Ahnma“? Die „Zeit“ sagt, „Check it out“ auf Hamburgisch.
Eizi Eiz: Nee. Kennst du das, checkst du das?

Nein, ich kenne es nicht.

Eizi Eiz: Nein, es heißt so viel wie „Kennst du das?“ (lacht): „Ahnst du das?“. Und dann muss du sagen: „Ja, ahne ich!“

Jetzt ahne ich es.

Denyo: Jetzt ahnt er es.

In Bezug auf das Album heißt das: „Ahn‘ mal: Wir sind wieder zurück.“
Denyo: Ja, genau.

Und mit dem Album geht es ja nicht nur um 13 Jahre Pause, auch nicht um 25 Jahre Beginner, sondern mit dem Titel „Advanced Chemistry“ geht es zu der gleichnamigen Truppe, also in die Anfangszeit des deutschen Hip-Hop vor 30 Jahren - ein Album als großer geschlagener Bogen, als großer Umarmer: War das die Intention?
Eizi Eiz: Nein. Aber es klingt schön.

Denyo: Das Album hätte auch schon vor vier, fünf Jahren erscheinen können. Dass es das jetzt, in unserem 25. Jahr, tut, ist ein schöner Zufall.

Wie lief der Produktionsprozess? Was hat so lange gedauert?
Eizi Eiz: Wir haben 2011 angefangen, Beats gemacht, Raps geschrieben und schnell gemerkt, dass es das noch nicht war. Und nach einem Jahr war es immer noch nicht besser geworden. Parallel habe ich noch mit Disko No. 1 ein Rock-Album gemacht ...

Damals, zu Hammer & Michel“, haben wir das letzte Mal miteinander gesprochen, und du sagtest, die Arbeit daran habe auch zwei Jahre gedauert und dass, wenn ihr als Beginner eure davor entstandenen Sachen hören werdet, ihr euch vermutlich bei der Hälfte vor Lachen wegwerfen würdet und bei der anderen Hälfte denken: „Ja, das ist ganz geil!“
Eizi Eiz: Und genau so war es dann. Dennis hat noch seine Platte gemacht, wo ich dachte: „Okay, er ist jetzt Rap-mäßig da, wo wir alle hinwollen.“ Danach haben wir losgelegt und festgestellt, das, was wir machten, nach einer Woche immer noch geil war.

Denyo: Wir haben uns auch personell aufgestockt, bei den Produzenten, mit Tropf und Kris, damit wir das Feuer am Lodern halten und uns um die Songs kümmern können. Und wir haben geschrieben, geschrieben, geschrieben ...

Und es sollte ein pures Hip-Hop-Album werden?
Denyo: Ja, wir haben unsere Geschmäcker gebündelt, und es war klar, es sollte untenrum richtig schön Bumms machen, dass es gleichermaßen zeitlos und zeitgemäß ist.

Eizi Eiz: Wir haben natürlich einen sehr eklektischen Geschmack. Es gab auch zwei, drei Sachen, die aus dem Hip-Hop-Kontext herausgefallen sind; das war sehr spezielles, nerdiges Zeug, eine Synth-Funk-Nummer zum Beispiel. Aber die haben es nicht auf das Album geschafft. Es sollte schon alles Rap sein. Facettenreich ist es ja auch so geworden.

Denyo: Und umgekehrt muss man sich auch von der Vorstellung lösen, wie die Beginner klingen. Denn sonst versteht man Sachen wie „Ahnma“ nicht.

Wobei die Resonanz sowohl der Fans wie auch des Feuilletons ja recht euphorisch war ...
Denyo: Damit war nicht zu rechnen, und es ging schon vorher los. Als wir unsere Tour einfach nur über Facebook mit einem Film angekündigt haben, ging das ab. Da haben wir gemerkt: Krass. Offenbar haben die Leute drauf gewartet.

DJ Mad: Plötzlich manifestierte sich eine spekulative Ahnung, die wir schon die ganzen Jahre gehabt haben. Man konnte eine Zeitlang bei Facebook posten, was man wollte, die Reaktionen waren immer gleich: „Mein Haus ist abgebrannt“ - „Oh, das tut mir aber leid. Und wann kommt das neue Album?“ Nach 13 Jahren denkt man ja, auch beim größten Fan hört irgendwann der Enthusiasmus auf. Irrtum. Die Liebe, die an uns entgegenschlägt, ist Wahnsinn.

Machen es die neuen Medien für eine Band einfacher oder schwerer?
DJ Mad: Das direkte Feedback gab es so zu „Blast Action Hero“-Zeiten nicht: dass jeder und dessen Mutter gleich einen Kommentar dazu abgeben können. Die Hip-Hop-Szene ist natürlich berühmt dafür, dass herumgehatet wird. Darauf darf man nichts geben. Wir sind so lange im Geschäft, wir wissen schon, wie gut das ist, was wir machen.

Eizi Eiz: Man darf sich davon nicht leiten machen. Sonst macht man irgendwann nur noch Musik für andere. Dann ist man ja nur Dienstleister, und das sind wir nicht. Es sind auch so unterschiedliche Leute unterwegs. Manche sind so jung, die kennen uns gar nicht mehr. Andere fragen dann: „Wer ist dieser Gzuz? Was macht der in meiner Jugend?“

Er rappt in „Ahnma“ den Refrain.
DJ Mad: Es macht natürlich auch Spaß, mit Leuten wie ihm Klischees aufzubrechen. Und wir haben ihm natürlich einen grandiosen Auftritt generiert. Der dringt über unsere Single in Kreise vor, die er sonst nie erreicht hätte.

Denyo: Umgekehrt wirft man uns vor, dass wir uns seiner bedienen (lacht).

Gerade dieses Lied, bei dem ja auch Gentleman auftritt und im Video noch viel mehr Kollegen, wirkt wie eine Art, Respekt zu zollen ...
Eizi Eiz: Ja, genau, Respekt uns selbst gegenüber (lacht).

Nein, natürlich dem Hip-Hop gegenüber.

Eizi Eiz: Das ganze Album ist eine Respektzollung an die Mucke und die Kultur und all das, was wir und andere seit 25 Jahren machen.

Und das Album ist eine Hamburg-Hommage: Es beginnt mit „Ahnma“ und dem Satz „Wir packen Hamburg wieder auf die Karte“ und endet mit „Nach Hause“. Was hat diese Stadt, was andere nicht haben?
Eizi Eiz: Hamburg hat uns zu diesem Hip-Hop-Act gemacht, der wir sind. Weil Hamburg so offen und tolerant ist und es allein durch den Hafen so viele unterschiedliche Sachen gibt. So dass wir von Anfang an mit den unterschiedlichsten Subkulturen in Kontakt gekommen sind und daraus unser eigenes Ding gebaut haben.

Denyo: Es gäbe mich gar nicht, wenn meine Mutter nicht Hamburgerin wäre ... Aber bei „Nach Hause“ geht es nicht spezifisch um Hamburg. Sondern einfach nur um das Gefühl, wieder wegzuwollen, raus aus einem Ort, der total unterfremdet ist, oder aus dem Luxusressort mitten in einem Entwicklungsland. Es geht um Heimweh. Und auch wenn ich inzwischen in Berlin lebe: Hamburg ist Heimat.

DJ Mad: Vor allem in den 90ern ging hier alles. Dadurch hat sich in den einzelnen Vierteln Identität entwickelt. Man war in Altona zum Beispiel nicht Deutscher oder Türke oder Portugiese; man war Altonacke. Die neue Kultur, die sich aus allem zusammenbaut, was da ist, ist hier schon ein bisschen weiter als anderswo.

Denyo: Es ist ja auch die einzige Heimatliebe, die man offen ausleben darf. Natürlich gibt es tolle Sachen in diesem Land. Aber mir würde nie der Satz rausrutschen: „Ich packe Deutschland wieder auf die Karte!“ Lokalpatriotismus ist für jemanden, der ein bisschen anders aussieht, eben auch eine schöne Art zu sagen: „Doch, ich bin auch von hier.“

Eizi Eiz: Für unsere Generation war 1990 prägend: als Deutschland wiedervereinigt und Weltmeister wurde - und die schrecklichen Anschläge auf Asylbewerberheime losgingen. Da begann es eklig zu werden. Deshalb haben wir ein krasses Anti-Deutschland-Gefühl. Ich bin der größte Fußballfan - aber sobald die deutsche Fahne kommt, wird mir anders.

DJ Mad: Die Leute sollen bitteschön ihre Mannschaft feiern. Aber es gibt von rechtspopulistischer Seite genug Bemühungen, diese Gefühle auszunutzen. Da ist vieles missverständlich, doch das Thema ist zu wichtig, als dass man dabei missverstanden werden sollte.

Gleichwohl habt ihr euch dagegen entschieden, auf dem Album explizit politische Songs zu machen, nur ein paar Anspielungen in Liedern wie eben „Nach Hause“ oder „Thomas Anders“. Warum?
Eizi Eiz: Weil es scheiße ist. Es hören sowieso nur Leute hin, die der selben Meinung sind. Die anderen erreicht man nicht. Wir machen Entertainment. Es ist doch viel besser, einen geilen Rap-Song zu machen und darin ein, zwei Lines zu haben, die jemanden abholen und zum Nachdenken bringen. Dadurch erreichst du viel mehr. Gerade durch Social Media kann man seine Haltung doch über viel mehr Kanäle als nur über die Musik an den Mann bringen. Wir machen nun mal Musik und keine Politik.

Denyo: Die Haltung hinter der Musik ist wichtig. Und die Energie. Wie schafft man es, einen Song zu machen, den man hört, ohne dass man sich an etwas stößt und erst beim zweiten oder dritten Mal setzt sich etwas fest? Wortspielen wie „Lamabada-Meinhoff“ oder „Molotowcocktailkleid“ zum Beispiel.

DJ Mad: Uns ist wichtig, dass uns kein AfD-Hörer aus Versehen hört, weil er die Message nicht versteht. So deutlich müssen wir schon werden.

Es geht den Beginnern also noch immer darum, etwas zu starten, Dinge anzustoßen, eben zu beginnen. Wird es irgendwann auch den Zeitpunkt geben für die Zuendebringer?
DJ Mad: Dann war es das mit der Band.

Eizi Eiz: Wenn wir das Gefühl hätten, wir sind so weit, hätten wir das Album nicht gemacht. Dann hätten wir vielleicht ein paar Konzerte mit alten Songs gegeben. Aber kein neues Album. So sind wir nicht drauf.


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