Menü
Neue Presse | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur „Bartleby“ in der Orangerie
Nachrichten Kultur „Bartleby“ in der Orangerie
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
15:27 16.09.2018
Mit Gebläse: Ein Bläserquintett spielte für „Bartleby“ Quelle: Behrens
Hannover

„Beziehungen“: Dieses, nun ja, vieldeutige Motto steht 2018 sowohl über den „Niedersächsischen Musiktagen“ als auch über dem „Literaturfest Niedersachsen“. Die Uraufführung „Bartleby“ in der Orangerie tauchte gleich in beiden Programmen auf, von daher schlüssig, als sich hier Konzert und Lesung treffen, weshalb das Projekt offiziell als „Narratorium“ deklariert wurde.

Komponist Johannes X. Schachtner und das Regie-Duo Volker Bürger und Stefan Wiefel haben sich einen besonders merkwürdigen Charakter vorgenommen: 1853, also zu einer Zeit, als es die moderne Literatur im eigentlichen Sinne noch gar nicht gab, schuf „Moby-Dick“-Autor Herman Melville mit Bartleby den Inbegriff eines beziehungslosen Menschen. Die Erzählung beschreibt, wie sich der kleine Kanzleischreiber immer mehr verweigert: Erst lehnt er Sonderaufgaben ab, bald überhaupt alle Tätigkeiten und schließlich die Existenz als solche.

Dabei bleibt es stets höflich. Sein „I would prefer not to” ist zum geflügelten Wort geworden, und eine absolut adäquate Übersetzung ins Deutsche hat noch niemand gefunden – auch das Narratorium bedient sich der gängigen Formulierung „Ich möchte lieber nicht“.

Diese Worte wurden als eine Art Leitmotiv vom Mädchenchor Hannover gesungen, der auch sonst gleichsam Bartlebys Wesen umkreiste. Das brachte viele delikate Klangschwebungen mit sich, mancherlei vokale Glissandi und feinste Abstufungen in der Lautstärke – der Chor zeigte sich, wenig überraschend, solch anspruchsvollen Aufgaben über weite Strecken voll gewachsen.

Den erzählerischen Part übernahm dabei Darsteller Markus John, zurzeit auch in „Trutz“ beim hannoverschen Schauspiel zu erleben. Wie er in der Rolle von Bartlebys Chef die Balance zwischen Abstoßung und Faszination auslotete, dabei dem Humor genügend Raum ließ, war schon allererste Klasse.

Instrumental rundete schließlich das gut aufgelegte „Ensemble Schwerpunkt“ das Geschehen ab – das Bläserquintett agierte hier oft lautmalerisch, und Posaunist Mikael Rudolfsson bekam für sein Solo, bei dem er variantenreich einen Grundton umspielte, Szenenapplaus.

Es gab einige nette szenische Einfälle, etwa als John den Chorleiter Andreas Felber zu ersetzen versuchte, die Sängerinnen allerdings stumm blieben.

Unter dem Strich aber wirkte der Abend etwas länglich und vor allem nicht immer ganz organisch – das könnte man sich noch kompakter vorstellen. Wer weiß, welche Entwicklung das Projekt nimmt, sollten die einmal eingegangen Beziehungen zu dauerhaften werden und weitere Aufführungen mit sich bringen.

Von Jörg Worat

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 00:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Kultur Premiere in der Eisfabrik Hannover - „Pink or Blue“ von Felix Landerer

Männlichkeitsrituale in Frauenfummeln: Felix Landerer spielt damit in seiner neuen Choreographie „Pink or Blue“.

16.09.2018
Kultur Kult-Musical hat Premiere in Hannover - „Blues Brothers“ im SofaLoft

Da rocken Jake und Elwood „Everybody needs Somebody“: Das bekannte Musical hatte im SofaLoft seine Premiere

19.09.2018
Kultur Bewegender Appell im Konzert mit der NDR Radiophilharmonie - Igor Levit für die Kulturhauptstadt

Ein leidenschaftlicher Plädoyer, dass Hannover doch endlich mit der Bewerbung um den Titel „Europäische Kulturhauptstadt“: Pianist Igor Levit unterbrach dafür sein Konzert.

14.09.2018