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Barbara Yelin liest am 26. Januar bei Feinkost Lampe aus ihrem Comic-Roman "Irmina".

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NP-Interview

Barbara Yelin über ihr Comic-Meisterwerk "Irmina"

Die Geschichte einer Mitläuferin, die Geschichte ihrer Großmutter: Mit ihrem aufsehenerregenden Comic-Roman „Irmina“ eröffnet Barbara Yelin (38) die Lesereihe Feinkost-Comix in Hannover. Im NP-Interview redet sie über die Sprachlosigkeit einer Generation und ihre Kunst.

Hannover. Was passiert bei Ihrer Comic-Lesung?

Das macht jeder anders. Ich zeige erst einmal ganz viele Bilder; es ist deshalb eher eine Bilder-Lesung als eine Text-Lesung. Ich zeige auch die einzelnen Panels und nicht die Gesamtseiten. Dann lese ich Szenen vor, die wichtigsten Szenen, erzähle aber auch ganz viel über die Hintergründe und über den Entstehungsprozess, weswegen ich auch viele Skizzen zeige.

In welchem Format arbeiten Sie?

Die Bilder sind anfangs etwa doppelt so groß. Was ich ja wirklich toll finde an diesen Lesungen, ist, dass man die Bilder dank Beamer richtig groß zeigen kann. Das ergibt noch einmal eine ganz andere Wirkung. Grundsätzlich zeichne ich auf A3.

Speziell bei „Irmina“ ist den Bildern die Entwicklung noch eingeschrieben. Man sieht zum Beispiel durch die fertige Zeichnung hindurch noch die Hilfslinien ...

Das ist genauso eine Geschmacks- wie Konzeptfrage. Zum einen sehe ich gerne den Prozess des Zeichnens. Zum anderen kommt bei mir Reflexion über einen Stoff hauptsächlich beim Zeichnen. Darum ist es mir wichtig, dass man den Prozess sieht.

Im Gegensatz zu „Gift“ arbeiten Sie hier in Farbe.

Ich mag es, nur mit Bleistift zu arbeiten wie bei „Gift“. Dadurch entsteht eine Düsternis, die ich bei „Irmina“ aber nicht wollte. Ich wollte eine Technik, mit der auch helle Szenen möglich sind. Es gibt ja sogar ein kleines Farbschema der drei Teile des Buches: Der erste hat die Akzentfarbe blau, der zweite rot und der dritte grün. Das ist durch den Inhalt mit generiert: durch die Hoffnung am Anfang, dann die zunehmende Düsternis und so weiter. Viel wichtiger war mir aber noch, wie die Bilder dastehen, ob im Rahmen oder frei. Das hängt direkt damit zusammen, wie frei oder beengt die Person darauf sich bewegt.

Als Grundlage der Geschichte dient die Geschichte Ihrer Großmutter. Wie viel, von dem, was sie erzählen, ist authentisch?

Ich habe Bestandteile von Fundstücken genommen, habe geforscht über den Alltag der Deutschen im Nationalsozialismus und dann Lücken in ihrer Geschichte gefüllt mit authentischen Geschichten von Menschen, die ähnliches erlebt haben. Es war wie ein Puzzle. Teilweise habe ich später noch Dokumente gefunden und festgestellt: Mit dem, was ich angenommen hatte, lag ich richtig. Der große Bogen hat sich umrisshaft wirklich so ereignet. Alle Dialoge sind ausgedacht, logischerweise, weil ich nicht dabei war. Für die Geschichte und ihre Dramaturgie ist das alles gar nicht so wichtig, und es ist ausdrücklich keine Biographie, aber ich habe es trotzdem ins Buch geschrieben, weil ich die Frage vermeiden wollte: „Warum denkt sie sich das jetzt aus?“

Hätten Sie den Band auch schon zu Lebzeiten Ihrer Großmutter gemacht?

Das weiß ich nicht. Jedenfalls hätte ich dann mit ihr darüber sprechen können. Wobei das große Problem bei der Arbeit an solchen Themen natürlich die Sprachlosigkeit dieser Generation war. Ich hatte vorher durchaus gefragt, aber keine Antworten bekommen.

Was hat Sie am meisten an dieser Geschichte fasziniert?

Dass es eigentlich zwei Geschichten, die zarte Liebesgeschichte in England, für die man eigentlich hofft ...

... die Liebe zu dem schwarzen Studenten Howard ...

... und dann der zweite Teil: die Heirat mit diesem Architekten und SS-Mann, das Schweigen, das stille Mitläufertum. Diese Schere war so groß, dass es mich interessiert hat, auch erzählerisch: Wie geht das zusammen?

Howard gab es?

Es gibt ein reales Vorbild für Howard, und auch für die zweite Irmina. Aber ich habe die Figuren, wie alle anderen, fiktionalisiert.

Wie sieht das mit dem Schlüsselmoment der Geschichte aus? Wo sie das Geld hat, nach England zurückzukehren, es aber wegen eines Missverständnisses sein lässt - gab es den?

Dieser Moment ist von mir gebaut. Er ist wichtig, weil Irmina sich hier fatalerweise gegen das Weggehen, gegen die Freiheit, entscheidet - obwohl sie anders gekonnt hätte.

Haben Sie sich ausgemalt: Was wäre, wenn ..?

Ja, natürlich. Und ich glaube, auch diese Geschichte wäre nicht einfach gewesen: Jemand wie Howard hatte keine größeren Chancen in dieser Welt. Ich habe viel recherchiert über den Alltagsrassismus damals, darüber, was man durfte und was nicht. Ich könnte jetzt nicht mit Sicherheit sagen, dass es ein Happy End für die beiden gegeben hätte. Irmina ist ja auch anfangs bereits eine ambivalente Figur.

War Ihnen, als Sie mit der Arbeit anfingen, klar, welche Aktualität diese Geschichte über Mitläufertum mal haben würde?

Nee, auf gar keinen Fall. Parallelen zu setzen, ist schwierig. Aber mich erschüttert diese Masse an Leuten, die aus Angst, Egoismus und Bequemlichkeit ihre Scheuklappen aufsetzen und nicht mehr gucken, wie es den anderen Menschen geht. Und nach Köln gibt es noch einmal eine ganz andere schlimme Dynamik. Diese Geschwindigkeit, mit der dichtgemacht wird, mit der eine Toleranz, die wir gestern noch hatten, aufgegeben wird - die finde ich wirklich schlimm.

Kann der Mensch aus seiner Geschichte lernen?

Unbedingt, ich hoffe. Aber Lektionen zu erteilen, ist einfacher, als sie selber anzunehmen (lacht). Mir wurde bei der Arbeit an „Irmina“, wo es viel um schleichende Prozesse geht, klar, wie viele Dinge man auch heute in seinem Alltag macht, von denen man weiß, dass sie falsch sind. Es ist so schwierig, für seine Werte einzustehen: angefangen beim korrekten Einkaufen bis hin zur echten Zivilcourage. Wir neigen jedenfalls dazu zu vereinfachen. Bei den Tätern ist die Sache klar. Aber die Mitläufer und Wegschauer, die von nichts gewusst haben wollen, ohne die die Nazis nie ihre Macht ausüben hätten können, werden gern entschuldigt. Um uns die Komplexität vom Leib zu halten, suchen wir nach Schwarz-Weiß-Bewertungen. Schlimmerweise ist es aber oft eine Vermischung von Graustufen. Das ist schwierig auszuhalten.

Die Wahrheit ist keine Tuschezeichnung, sondern bewegt sich eher in Grauzonen wie „Irmina“?

Ganz ehrlich: Eine Schwarzweißzeichnung kann ich nicht so gut. Diese Setzung liegt mir nicht. Für mich sind Abstufungen stimmiger. „Irmina“ war ein stetiges Bemühen, diese Figur nicht in die eine oder die andere Richtung kippen zu lassen.

Sie engagieren sich bei „Bildkorrektur“, einer Gruppe von Zeichnern und Zeichnerinnen, die die häufigsten Vorurteile gegenüber Flüchtlingen und die Gegenargumente mit Bildern für das Internet aufbereiten. Was hat Sie dazu bewogen?

Die reinen Fakten sind ja eigentlich bekannt. Aber diese Sammlung, die wir gemacht haben, ist unser Beitrag zur Aufklärung, weil wir glauben, dass Bilder das manchmal besser können als Worte. Wir haben aber auch festgestellt, wie schwierig das teilweise ist. Und: Die Ängste sind viel einfacher zu bebildern als die Aufklärung. Denn Ängste sind eindimensional und emotional. Und die Wahrheit ist komplex. Der Tenor hingegen ist wieder ganz einfach, nämlich: Menschlichkeit.

Barbara Yelin: „Irmina“. Reprodukt, 288 Seiten, 39 Euro. Yelin liest daraus am 26. Januar ab 20 Uhr bei Feinkost Lampe (Eleonorenstraße 18). Der Eintritt kostet fünf Euro.

Stefan Golisch


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