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KLARE VISION: Balbina inszeniert sich auch mit Hilfe auffälliger Frisur und Kleidung.

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Interview

Balbina über Pop und Poesie

„Spiegel online“ feierte sie bereits vergangenes Jahr als „das Aufregendste, was deutsche Popmusik gerade zu bieten hat“. Im Sommer war Balbina (32) mit Herbert Grönemeyer auf Tour. Jetzt kommt die Berlinerin solo zurück, im Gepäck ihr aktuelles Album „Über das Grübeln“.

Hannover. Wie war es mit Herbert Grönemeyer?

Wahnsinnig toll, also wahnsinnig und toll, emotional intensiv, auch so, dass man manchmal denkt: „Dass mir das passiert ...“ Man steht da plötzlich vor 15 000 Menschen. Das ist eine Erfahrung, auch hinter den Kulissen. Und die Male, die ich ihm begegnet bin, war er immer sehr freundlich, sehr interessiert, ein toller Mann.

Er hat auch bei Vorgruppen einen durchaus guten Riecher - - siehe Clueso, Die Orsons oder jetzt Sie ...

Ja (lacht). Das ist auch ein Ritterschlag, wenn er einen wählt. Dessen muss man sich auch bewusst sein, und dafür muss man dankbar sein. Und auch sein Publikum ist sehr interessiert. Manche Fans habe ich mitgenommen.

Jetzt geht es in die kleineren Clubs. Was macht denn mehr Spaß?

Eine eigene Tour liegt einem ganz anders am Herzen, weil jeder Besucher nur wegen einem die Karte gekauft hat. Man möchte sich so gut präsentieren, wie es nur geht - ich stelle mir das vor wie eine mündliche Abiturprüfung vor dem Lieblingslehrer; so fühle ich mich. Aber wenn einem wie auf der Grönemeyer-Tour plötzlich Menschen zujubeln, die vorher noch nie von einem gehört haben, macht mich das einfach glücklich, so dass ich jeden umarmen möchte.

Was passiert bei Ihnen live? Ihre Videos machen den Eindruck eines großen Gestaltungswillens, einer Einheit aus Musik, Inszenierung und Mode.

Live spiegelt sich das Gestalterische in der Kleidung wider. Der Rest ist heruntergebrochen auf die Musik; auf die konzentriere ich mich zu 100 Prozent - auch wenn manche Einhörner und Regenbögen auf der Bühne erwarten (lacht). Wenn es um das Spielen geht, geht es nur um das Spielen. Es gibt keine Nebenschauplätze.

Es heißt in Ihrer offiziellen Biografie, Sie seien ein Kind gewesen, dem in der Schule nie jemand zugehört habe. Das hat sich offenkundig geändert.

Glücklicherweise. Das kann ich allen Pubertierenden mit auf den Weg geben: Das Leben gibt, wenn es voranschreitet, einem die Gelegenheit, Menschen kennenzulernen, die anders sind. Man muss die Schule durchstehen, und danach kann es ganz anders aussehen. Und: Das Musikgeschäft ist hart; dafür braucht man ein dickes Fell. Das habe ich in der Schulzeit bekommen.

Aber es heißt doch, Kunst entstehe am besten in der Isolation. Ist Erfolg nicht sogar kontraproduktiv?

Erfolg ist etwas sehr Vergängliches. Das Gefühl des Zuspruchs kann man nur schwer in den Alltag transportieren. Und: Erfolg bewahrt einen ja nicht vor Einsamkeit. Irgendwann geht man von der Bühne herunter. Und man geht ins Hotelzimmer. Und im Hotelzimmer ist man alleine. Ich komme damit gut zurecht, weil ich auch gerne diese Zeit habe.

Sie haben dem Grübeln Ihr ganzes neues Album gewidmet. Was ist seine Qualität?

Grübeln ist für mich der Superlativ von Nachdenken. Es ist ein Sichverlieren in Gedanken. Davon gibt es die eine Seite, die einen nicht mehr schlafen lässt; die nennt man Depression, da braucht man Hilfe, die meine ich nicht. Aber wenn ich zum Beispiel darüber grübele, wie ich die und die Einstellung in einem Video inszeniere, ist das sehr produktiv. Das Grübeln ist zu Unrecht negativ besetzt.

Grübeln Sie gradlinig oder so assoziativ, wie Ihre Texte wirken?

Schon ziemlich straight. Und meine Texte sind nur auf den ersten Blick assoziativ. Man hat in einem Song eben nur eine begrenzte Zeit, um Gedanken auszudrücken. Wenn man mehr Inhalt möchte, muss man halt ein wenig komplizierter werden.

Und das Ergebnis sind Texte wie „Kuckuck Kuckuck“, die irgendwo schwanken zwischen Pop, Poesie und Popverweigerung?

Ich weiß, was Sie meinen. Es gibt Dinge, die man nicht sofort versteht und bei denen man vielleicht ein wenig nachdenken muss. Müsste ich einen Aufsatz über die Themen schreiben, kämen jedenfalls ganze Sätze dabei heraus.

Welche Geisteshaltung empfehlen Sie Ihren Zuhörern?

Ich würde gar nichts empfehlen. Jeder hört nun einmal ganz anders zu. Das Einzige, was ich nicht verstehe, ist, wenn jemand ein komplettes Album bei Youtube oder Amazon durchskippt, also nur in Stückchen reinhört. Hört mehr Platten! Manchmal braucht man Zeit, sie richtig zu begreifen. Einfach zuhören!

 Balbina live: am Montag (19. Oktober) ab 20 Uhr im Lux.

 Karten gibt es für 18,80 Euro in den NP-Ticket-Shops sowie unter tickets.neuepresse.de.

NPVISITENKARTE

Geboren am 13. Mai 1983 in Warschau als Balbina Monika Jagielska. Mit drei Jahren zog sie mit ihren Eltern nach Berlin. Ein Erlebnis in der Schule brachte sie dazu, sich stärker der Kunst zu widmen: Eine Lehrerin korrigierte die Note für eine Hausarbeit nach unten, nachdem das Mädchen diese vorgelesen und dafür von den Mitschülern ausgelacht worden war. Als Jugendliche war sie in der Berliner Rap-Szene unterwegs. 2011 produzierte sie ihr Debüt „Bina“. Die EP „Nichtstun“ machte sie 2014 zum Kritikerliebling. In diesem Jahr erschien „Über das Grübeln“.


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