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Aphrodites Heimat

Ausstellung präsentiert in Hildesheim Zyperns Schätze

Wo Aphrodites Heimat war – Blicke in eine archäologische Schatzkammer. Eine Ausstellung präsentiert in Hildesheim Zyperns Schätze.
Eine Ausstellung präsentiert in Hildesheim Zyperns Schätze.

Eine Ausstellung präsentiert in Hildesheim Zyperns Schätze.

© dpa

Es war ein Auftritt, wie ihn seither keine Showtreppe mehr gesehen hat – allerdings ging diesem Auftritt eine Grausamkeit voraus: Der Titan Kronos, so erzählt der Mythos, schnitt einst Uranos die Geschlechtsteile ab und warf diese ins Meer. Aus dem Schaum (griechisch „aphros“) entstieg triumphal die Liebesgöttin Aphrodite den Wellen, und als die „Schaumgeborene“ an Land ging, erblühten Blumen auf ihrem Weg.

Eine groß angelegte Ausstellung im Hildesheimer Roemer- und Pelizaeus-Museum entdeckt Aphrodites Geburtsinsel Zypern jetzt als archäologische Schatzkammer. Mit mehr als 200 Exponaten, von denen viele erstmals außerhalb der Insel zu sehen sind, illustriert die Schau rund 10.000 Jahre zyprischer Geschichte. Rund eine Million Euro, aufgebracht mithilfe zahlreicher Sponsoren, kostet die Ausstellung, für die Zyperns Präsident Demetris Christofias und die Bundeskanzlerin die Schirmherrschaft übernommen haben.

Zum 50. Jahrestag ihrer Unabhängigkeit präsentiert die Republik Zypern sich dabei als uralte Kulturnation. Museumsdirektorin Katja Lembke preist die Insel gar als „Wiege Europas“ – ein Ehrentitel, den man mit etwas gutem Willen allerdings vielen Flecken am Mittelmeer verleihen kann.

Eingangs hat die Ausstellungsarchitektur ein steinzeitliches Rundhaus nachempfunden. Darin sind Äxte und Steinschalen zu sehen – und auch eine weibliche Tonfigur, entstanden um 4500 v. Chr. Brüste und Scham sind so dezent angedeutet, dass kein islamischer Wächterrat daran Anstoß nehmen würde. Doch das Idol zeugt von einer langen Tradition: Eine kleine Galerie leichtbekleideter Göttinnen aus Ton oder Stein belegt, wie weit die Wurzeln des Aphrodite-Kults auf Zypern zurückreichen.

Man verehrte die Schaumgeborene dort unter vielen Namen und in mancherlei Gestalt – zunächst als steinzeitliche Fruchtbarkeitsgöttin und später, unter syrisch-phönizischem Einfluss, als Astarte, die ihre Brüste aufreizend mit den Händen hebt. Auf römischen Münzen ist ein großes Heiligtum abgebildet, das ihr in Paphos geweiht war und zu dem Gläubige in Scharen pilgerten. Als Leihgabe aus dem Louvre ist in Hildesheim ein Aphrodite-Torso zu sehen, der just dort im Meer gefunden wurde, wo die Göttin den Wellen entstiegen sein soll. Im Wissen darum, dass raffiniertes Verschleiern die Schaulust mehr reizt als bloße Nacktheit, ist er hinter einem transparenten Vorhang verborgen, den Raum durchflutet meerblaues Licht.

Die gute Göttin war indes keine gute Gattin; ihren Mann Hephaistos betrog sie nach Strich und Faden. Dennoch darf beider Ehe als Metapher dafür gelten, dass Fruchtbarkeit und Wohlstand oft Hand in Hand gehen. Denn als Schmied war Hephaistos gewissermaßen das Aushängeschild jener Metall verarbeitenden Industrie, die Zyperns Reichtum begründete: Die Insel der Liebesgöttin war „das Ruhrgebiet der Antike“, wie Museumsdirektorin Lembke unprätentiös feststellt. Schon um 2500 v. Chr. begann man, im Troodos-Gebirge Kupfer abzubauen. Bis zu 200 Meter tief trieben Arbeiter Stollen in die Berge, um an das „aes cyprium“ zu kommen, das der Insel ihren Namen gab. Helme, Schwerter und Statuen aus Kupfer sind in Hildesheim in einem dunklen, engen Gang zu sehen, der an ein Bergwerk erinnert – darunter ein Gott, der auf einem Metallbarren steht und einen Speer schwingt. Kupfer, so die Botschaft, stand unter dem Schutz der Himmelsmächte. Barren aus Zypern wurden im ganzen Mittelmeerraum verkauft.

Als frühe Exportnation wurde die Insel bald zum Zentrum des Seehandels zwischen Ägypten, Phönizien und Griechenland. Man verschiffte im großen Stil Kupfer, Holz, Textilien. Der Handel erforderte eine effiziente Verwaltung – und mit ihm kam eine Schrift auf, die Forscher bis heute vor Rätsel stellt: Einige Inschriften sind noch immer nicht entziffert.

Die Beschreibung der Vergangenheit sagt immer auch etwas über die Gegenwart aus. So entdeckt die Ausstellung Zypern als Beispiel geglückter Globalisierung, als funktionierende Multikulti-Gesellschaft. Prunkvolle Funde aus „Königsgräbern“ belegen, dass mit dem Wohlstand Fayence-Arbeiten aus Ägypten, Terrakotten aus Griechenland oder Tonfiguren nach römischem Vorbild nach Zypern kamen. Die Heimat der Liebesgöttin wurde zum Schmelztiegel der Kulturen. Zyprische Schätze jüngeren Datums zeigt das Museum im Foyer: Passend zur 1000-Jahr-Feier der Hildesheimer Michaeliskirche sind Aufnahmen aus zyprischen Kirchen zu sehen. Die Bilder der Fotografen Socrates Massouras und Erato Kantouna zeigen farbenprächtige Wandmalereien aus Kirchen, die zum Weltkulturerbe der Unesco zählen: Engel, Apostel, die Gottesmutter. Manche Darstellungen könnten ohne weiteres auch in Hildesheimer Kirchen auftauchen. Als Schutzpatrone europäischer Identität arbeiten Heidengötter und Heilige, wenn es nötig ist, Hand in Hand.

Im Hildesheimer Roemer- und Pelizaeus-Museum bis zum 12. September. Infos, auch zu Führungen auf Griechisch oder Türkisch, unter: 05121-93690.

[Simon Benne]

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