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Tintenherz-Autorin Conelia Funke© dpa

Cornelia Funke

„Aufs Erzählen kommt es an“

Ein Gespräch mit Cornelia Funke über ihren „Tintenherz“-Film, die Phantasie der Leser und die Zukunft des Buchs. Ein Gespräch, das heute viel schwieriger zu bekommen ist als früher.

Früher war es einfach, sich mit Cornelia Funke zu treffen. Man verabredete sich zum Beispiel im Innenhof des Schauspielhauses Hannover und redete, solange es was zu reden gab. Aber da lebte Cornelia Funke auch noch in Hamburg und nicht in der alten Villa von Faye Dunaway in Los Angeles. Funke, die ehemalige Erzieherin und Buchillustratorin, war zwar schon eine erfolgreiche, aber noch nicht die erfolgreichste deutsche Kinderbuchautorin (mit 15 Millionen verkauften Büchern weltweit). Und die Hollywood-Verfilmung von „Tintenherz“ gab es auch noch nicht, die am Dienstag in Berlin Premiere hatte und Donnerstag ins Kino kommt.

Allerdings konnte man damals schon „Tintenherz“ in Hannover auf der Bühne sehen, jene phantastische Geschichte, in der die „Zauberzungen“ Mo und Meggie über die Fähigkeit verfügen, Romanfiguren aus Büchern herauszulesen. Das Schauspiel Hannover hatte sich schnell genug die Rechte auf den Stoff gesichert.

Heute muss man Funke in einem teuren Hotel in Berlin treffen, eine PR-Agentur regelt das, die Gesprächsminuten sind abgezählt. Wer Funke – die an diesem Mittwoch 50 wird – sehen möchte, muss auch mit Darstellern und Regisseur des Films reden. Endlich erscheint Funke, stark humpelnd, weil sie bei der Bambi-Verleihung „aus Blödheit von der Bühne gepurzelt ist“, wie sie erzählt. Nervt sie das getaktete Leben nicht? Hat sie keine Angst, dass außer ihrem Fuß vielleicht auch ihre Phantasie im Kommerzrummel Schaden nehmen könnte?

„Nee, überhaupt nicht“, sagt sie, und aus ihrer Stimme sprudelt die gewohnte Begeisterung. Gewiss, es sei jüngst ein bisschen dicke gekommen: die Werbung für das „Tintentod“-Buch in Spanien, Kanada, den USA, die Bambi-Verleihung, das Bundesverdienstkreuz und jetzt der Film. Aber: „Ich habe gerade eine Woche in einem Londoner Hotel gesessen und 13 Stunden täglich am neuen Buch geschrieben. Meine Phantasie ist so viel ungezügelter als alles, was an Trubel um mich herum passiert, dass ich mir keine Sorgen mache.“

Hat sie sich denn Sorgen gemacht, ihre Geschichte der Hollywood-Maschinerie auszuliefern? Da lacht Funke los: „Ach wissen Sie, bei Ihnen in Hannover wurde die Geschichte von Meggie und ihrem Vater Mo doch viel drastischer ans Theater angepasst. Seitdem bin ich abgebrüht, was Veränderungen betrifft.“ Um aber keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Toll finde sie die Arbeit von Dramaturg Robert Koall. Unbedingt möchte sie noch die „Tintentod“-Inszenierung sehen.

Allerdings hatte sie sich beim Film – ähnlich wie ihre britische Kollegin Joanne K. Rowling – Mitspracherechte gesichert. Als Koproduzentin hätte sie bei umstrittenen Entscheidungen ein Vetorecht gehabt, doch habe sie davon keinen Gebrauch gemacht. „Man muss seine Figuren loslassen können, wenn es ihnen in einem anderen Medium gutgehen soll.“

Dass die Filmschurken um Capricorn komischer angelegt sind als bei ihr – geschenkt. Und dass Meggie sich beim Showdown die entscheidenden Romanpassagen auf den nackten Arm kritzelt – dieses anschauliche Verfahren habe sich das Filmteam ausgedacht. „Bei den Fortsetzungen müssen die sehen, wie sie damit zurechtkommen.“ Womit mal klar ist, dass Fortsetzungen geplant sind. Das bestätigen die Hollywoodprofis nämlich nicht. Sie warten ab, ob der erste Teil tatsächlich an der Kinokasse abräumt. Insgesamt ist „Tintenherz“ eine eher brave Verfilmung, eng am Buch orientiert – gerade deshalb dürften die Fans sie akzeptieren.

Künftigen Lesern schadet der Kinobesuch nach Funkes Ansicht nicht: Sie hätten genug Einbildungskraft, um ihre eigenen Bilder im Kopf zu erfinden. Und wenn jemand beim Gaukler Staubfinger künftig das Gesicht von Paul Bettany (der Mönchskiller aus „Der Da Vinci Code“) vor Augen habe, dann sei das in Ordnung. Der sei nämlich die Idealbesetzung – wobei das nach Funkes früheren Worten auch schon mal Viggo Mortensen war (der Aragorn aus dem „Herrn der Ringe“). Ihren Hauptdarsteller Brendan Fraser („Die Mumie“) hatte sie jedenfalls schon als Mo im Kopf, bevor der überhaupt wusste, dass es Cornelia Funke und ihr Buch gibt.

An der Kraft der Literatur hat Funke genauso wenig Zweifel wie ihre Romanhelden. Da lässt sie sich auch nicht von einer aktuellen Studie beirren, wonach immer weniger Kinder in Deutschland ein Buch aufklappen. „Das glaubt doch kein Schwein“, poltert Funke gut gelaunt los. „Erinnern Sie sich doch mal, wer in Ihrer Klasse leidenschaftlich gelesen hat. Das waren auch nur zwei oder drei.“

Trotzdem hält Funke die Stellung des Buchs für gefährdet. „Es gibt heute so viele andere Unterhaltungsmedien. Mein Sohn Ben etwa spielt begeistert zusammen mit Freunden Videogames. Und das ist doch auch toll: Fünf Spieler sitzen da, und sie können die Handlung beeinflussen – das kann man nicht, wenn man ein Buch liest. Wir müssen uns mit den neuen Medien nur auseinandersetzen, die Kinder müssen in der Schule Filmschnitt und Dramaturgie lernen.“

Mehr Werbung fürs gute alte Buch wäre aber auch nicht schlecht: Man dürfe Kindern in der Schule nicht nur Fotokopien und abgegriffene Taschenbücher in die Hand drücken. „Man muss ihnen zeigen, wie schön ein Buch gebunden ist, wie Leder und Golddruck hergestellt werden.“

Und was ist, wenn sich das elektronische Buch durchsetzt? „Unsere Kultur wird nicht untergehen“, sagt Funke. Zudem werde es immer Leute geben, die Bücher aus Papier lieben – so wie sie selbst. Wichtig sei, dass überhaupt Geschichten erzählt werden. „In welcher Form das geschieht, ist mir egal“, sagt die Erzählerin Funke – und humpelt mit verstauchtem Fuß zum nächsten Termin.

von Stefan Stosch


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