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Kultur „Arminio“ bei den Händel-Festspielen
Nachrichten Kultur „Arminio“ bei den Händel-Festspielen
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17:18 13.05.2018
Dreierbund: Paul Hopwood (Varo), Christopher Lowrey (Armonio) und Anna Devin (Tusnelda) im Göttinger „Arminio“.
Göttingen

Historisch stimmt hier so gut wie gar nichts – weil es den Barockopern vor allem auf Wirkung ankommt. Und die ist bei „Arminio“ musikalisch wie sängerisch überwältigend. Das rare Händel-Opus um Hermann den Cherusker und die Schlacht im Teuroburger Wald ist in diesem Jahr Highlight der Göttinger Händel-Festspiele – die Premiere wurde mit stehenden Ovationen gefeiert.

Was sich in erster Linie an den Sängern lag, die sich in passabler bis guter Form präsentierten.

Die Inszenierung (Erich Sidler) ist mit den eher zurückhaltend zur Verfügung stehenden Mitteln gut zurecht gekommen – das Drama wird in eine Museumslandschaft verlegt, Germane Arminio teils im Schaukasten präsentiert, Studenten-Komparsen laufen durchs Bild und informieren sich über das lang vergangene Geschehen, das mit einigen Militär-Mussolini-Oberschicht-Anspielungen angereichert wird. Statt Schwerter wird hier das Tafelbesteck herausgeholt und kriegerische Handlungen der Römern gegen die Germanen mit Pistolen bestritten.

Das Entscheidende ist an diesem Abend die Musik, die Aufführung gibt eine gute Ahnung davon, was für ein Prachtwerk Händel hier geschaffen hat – mit Arien zum Niederknien, denen Countertenor Christopher Lowrey in erster Linie im zweiten Akt schöne Gestalt gibt. Mit den echten Bravourarien kommt er noch nicht so mit – vor allem, was da im dritten Akt gefordert ist, da müssten dann schon die Größten ihres Faches ran. Aber Lowrey steht ja erst am Anfang der Karriere.

Was man vom Orchester nicht sagen braucht: Das von Dirigent Laurence Cummings eingestimmte „Festspielorchester“ (aus lauter Spezialisten für Alte Musik) bewies erneut seine kontinentale Klasse und hätte mittlerweile sicher einen prägnanteren Namen verdient.

Wie auch immer: Ein Besuch des kleinen Händel-Bayreuths lohnt in diesem Jahr in mehrfacher Hinsicht.

Der US-Amerikaner Christopher Lowrey, der die Hauptrolle singt, gehört zur jüngeren Generation der Countertenöre. Im Interview spricht er über anspruchsvolle Opern, den Boom der hohen Männerstimmen und wunderbare Filmmusik.

Mir. Lowrey, wie kann man diese Händel-Oper „Arminio“ beschreiben… in drei Sätzen?

Schwierig, wie immer bei Händel. Okay, versuchen wir es. Es ist eigentlich ziemlich heutig. Die Hauptfigur ist ein Mensch mit inneren Konflikten – auf der einen Seite politische Berechnung, auf der anderen Seite eine Ausrichtung auf Integrität und Ehre. Und er muss einen Kompromiss finden, indem er seine Anschauungen zurücknimmt, um zu überleben. Was er nicht will – er ist eigentlich eher bereit zu sterben, um seine Ideale nicht zu verraten.

Sehr komplex. Für uns Deutsche ist Hermann der Cherusker ein Nationalmythos…

Den Nationalismus spürt man in der Oper nicht, zum Mythos wurde er ja auch erst später gemacht.

Was ist die spezielle Herausforderung dieser Rolle?

Also für mich ist es die größte Rolle, die ich jemals gesungen habe. Die Anforderungen sind enorm gerade in musikalischer Hinsicht. Es gibt zwei Duette, mehrere Arien. Normalerweise gibt es in diesen Opern ein Bravourstück, ein Showpiece, auf das man sich konzentrieren kann. Diese Oper hat zwei. Gerade das zweite ist unglaublich, das ist schon fast kein Händel mehr, wenn man sich die musikalische Bandbreite anschaut – die geht über zweieinhalb Oktaven, das geht richtig in die Höhe. Und kommt dazu auch noch ziemlich am Ende. Da muss man seine Kräfte einteilen wie bei einem Marathonlauf.

Wie sieht ihre Traumrolle aus, was würden Sie gerne noch machen, nachdem Sie diesen Händel-Gipfel erklommen haben?

Wenn ich im Barockfach bleibe, dann wären das Julius Cäsar oder Orlando ebenfalls von Händel. Im Moment ist das allerdings noch zu heftig für mich. Da müsste ich noch fünf bis zehn Jahre sängerische Erfahrung sammeln. Was mir noch unglaublich gut gefällt, ist der Oberon in „Midsummernights Dream“, sängerisch sicherlich nicht so herausfordernd, aber dramatisch macht es unglaublichen Spaß. Eine wunderbare Aussicht für mich wäre allerdings noch Mozart – allerdings auf ganz lange Sicht wie auch der Orfeo von Gluck, ein echter „Showstopper“ – was für eine Rolle, die so stark auf einen Sänger fixiert ist. Darf ich noch einen Wunsch äußern?

Aber immer…

Es kommen mehr und mehr zeitgenössische Opern für Countertenöre auf den Markt. Darunter ist ein unglaubliches Stück, Shakespeares „Hamlet“ von Brett Dean, in der auch Countertenöre gefragt sind. Das wär‘s. Allerdings sehr schwierige Musik. Aber ganz super wäre natürlich, wenn jemand etwas direkt für meine Stimme komponieren würde – als Hauptrolle. Vielleicht nach einem Stoff von Oscar Wilde. Es ist schon erstaunlich, was heute mit den menschlichen Stimmen möglich ist, der Standard des Singens hat sich über die Jahre und Jahrzehnte doch erstaunlich weiterentwickelt. Ich mag es, wenn wir Countertenöre so behandelt werden, wie andere Stimmen auch – nicht irgendwie so „spooky“.

Was hören Sie sonst so für Musik außerhalb der barocken oder klassischen Sphäre? Vielleicht Rock oder Rap?

Das dann doch weniger. Wenn ich es verraten darf: Meine Leidenschaft ist Filmmusik, John Williams beispielsweise. Und ganz groß sind auch die Filmscores zu den Disney-Filmen. Manchmal ziehen die Leute dann die Augenbrauen hoch, aber für mich ist diese Musik okay. Ansonsten um herunterzukommen Ambient Music. Und auch Folk Music aus den 60-ern und 70-ern, Joan Baez, Joni Mitchell zum Beispiel.

Wie haben Sie entdeckt, dass Sie zum Countertenor taugen?

Das war schon etwas seltsam. Ich hatte ganz früh in unserem lokalen Bücher- und Plattenladen eine Platte gehört, auf der der Countertenor Robin Blaze Stücke von Händel gesungen hat. Wow. Und dann bin ich zum meinem Gesangslehrer gegangen und habe gesagt, genauso will ich auch singen. Irgendwie meinte er, wir sollten das erstmal zur Seite legen. Ich hatte danach eine Stimmprobe bei einem Chor, und da hatte ich es bis zum Alt geschafft. Der Chorleiter meinte, das wäre doch genau meine Stimmlage – und der Rest ist Geschichte.

Ist im Moment ein Boom von Countertenören auszumachen? Und warum ist das so?

Absolut ein Boom. Das hat verschiedene Gründe. Einmal einfach, weil viele es machen. Und es kommt sicher daher, dass mittlerweile ein neues Publikum herangewachsen ist, dass sich stark für Barockmusik interessiert und sich hier das Repertoire ständig erweitert. Außerdem entwickelt sich die Kultur immer weiter, es passiert zur Zeit soziokulturell einfach unglaublich viel – bezogen auf uns in Sachen Gender-Rollen, deren Durchlässigkeit, sexuelle Befreiung. Ich kann jetzt nicht genau sagen, wo im einzelnen die Verbindung ist – aber sie ist da. Die Zuhörer sind einfach offener geworden gegenüber den verschiedenen Formen des Singens und des Agieren auf der Bühne. Es fallen auch hier Grenzen, dass eben nicht nur Frauen Männerrollen singen, sondern Männer auch Frauenrollen – was ja ursprünglich die Kastraten auch gemacht haben.

… und der Boom passiert auch in der Barockmusik?

Klar, weil es auch zusammen gehört. Ein Grund ist, dass sich das Repertoire erweitert, dass die Neugier auf ungehörte Musik ansteigt. Es muss nicht immer das Altbekanntes sein, das Neue, das Frische kann grundsätzlich reizvoller sein. Im Bereich der Alten Musik, weil sie eben noch keine solche Aufführungstradition hat, kann viel mehr experimentiert werden. Manche der Ensembles spielen die Alte Musik eben wie Rock‘n‘Roll oder ein bisschen wie Latin oder im osteuropäischen Folkstil. Das Ganze hat was von einer Befreiung. Die andere große Musik klingt dann wie aus einem Museum.

Wie halten Sie eigentlich Ihre Stimme oder sich selbst fit, was ja manchmal das Gleiche ist?

Das ist nichts schrecklich Exotisches. Ausreichend schlafen, Yoga, um den Körper in der Balance zu halten, das ist wichtig für die physische Seite des Singens. Man darf natürlich nie die Stimme über die Maßen beanspruchen. Wenig Alkohol…

Was machen Sie als nächstes Größes?

Im Spätsommer nehme ich das „Stabat mater“ auf mit Sandrine Piau, werde Konzerte geben unter anderem in Hong Kong, im Herbst bin ich in der „Winteroper“ in Potsdam mit „Theodora“, im Frühjahr folgt dann eine US-Tour mit „Semele“, die in der New Yorker Carnegie Hall endet.

Von Henning Queren

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