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Grabungsleiterin Marlies Konze hält ein ausgegrabenes Holzteil aus der jüngeren Slawenzeit um etwa 1160.

Grabungsleiterin Marlies Konze hält ein ausgegrabenes Holzteil aus der jüngeren Slawenzeit um etwa 1160. © Jens Büttner

Geschichte

Archäologen im Schweriner Schlosshof - Blick 1000 Jahre zurück

Schwerin (dpa) – Im Innenhof des Schweriner Schlosses graben sich Baggerarme tief in die Erde. Auf 42 Metern Länge durchpflügen sie den Boden, der ein modernes, unterirdisches Versorgungssystem aufnehmen soll.

Eine Baustelle. Doch keine gewöhnliche. Wer Marlies Konze vom Landesamt für Kultur und Denkmalpflege zusieht, spürt das.

Erst recht, wenn sie ins Erzählen kommt. Vor dem inneren Auge des Zuhörers lässt sie die Zeit vor 1000 Jahren lebendig werden: Der Viehhirte, der sich am Feuer wärmt. Hühner, die am Pferdeschädel picken. Die Magd, die den zerbrochenen Krug in der Jauchegrube entsorgt. Hier stand wohl ein Stall im Inneren der einstigen Slawenburg. "Vieles spricht dafür", sagt die Grabungsleiterin mit der gebotenen Vorsicht. Schließlich müssen die Fundstücke erst noch ausgewertet werden. Und das wird Monate dauern.

Für Archäologen ist jede Baugrube am Schweriner Schloss auch eine Fundgrube. Gebaut wird viel an diesem historischen Ort, der heute Landtag, Schlossmuseum und Gastronomie beherbergt. "Uns ist bewusst, dass Tiefbauarbeiten an einem historischen Ort immer etwas Besonderes sind und wir als Bauherr große Verantwortung tragen", sagt Landtagssprecher Dirk Lange. Deshalb würden auch archäologische Untersuchungen schon bei der Bauplanung mit eingerechnet.

Seit die Bagger im Frühsommer dieses Jahres eine Tiefe von rund einem Meter erreichten, ist es für das Team um Marlies Konze interessant. Die Grabungsleiterin nimmt jedes Detail wahr: Das Weidengeflecht, das den matschigen Inselboden wie eine trittfeste Matte überzieht. Den Pferdeschädel. Kleine Knochen, sorgfältig gespitzt wie Nadeln. Den gut erhaltenen Deckel eines Fasses. Die Feuerstelle. Scherben, deren Verzierung auf jungslawische Zeiten hinweisen.

Eben jene Zeit vor einem Jahrtausend, in der der Fürstensitz in schriftlichen Quellen erstmals erwähnt wird. Was der arabische Kaufmann Ibrahim Ibn Jakub um 973 beschreibt, bestätigt Bischof Thietmar von Merseburg 1018 in seiner Chronik: Die Existenz einer Burg auf der Insel im Schweriner See. Obotriten-Fürst Niklot selbst brennt seinen Besitz 1160 nieder, als sich der christliche Sachsen- Herzog Heinrich der Löwe nähert. "Aber wir wissen beispielsweise nicht, wann die slawische Burg denn nun gegründet wurde und wie sich das Leben zuvor hier abspielte", sagt die 55-jährige Grabungsleiterin.

Die Funde aus dem Schlosshof scheinen nun die lange Funktion des geschichtsträchtigen Ortes als Herrschaftszentrum zu bekräftigen. Das könnte ein zusätzliches Plus für die Bewerbung Schwerins sein, das Schlossensemble in die Unesco-Welterbe-Liste aufnehmen zu lassen, meint Landesarchäologe Detlef Jantzen. Der Platz auf der Schlossinsel wurde im Laufe der Jahrhunderte immer wieder überbaut. Im Gegensatz zu den meisten anderen rund 200 Burgwälle aus slawischer Zeit, die Jantzen zufolge bislang im Nordosten gefunden wurden.

"Wir sind die letzten, die den Originalzustand zu Gesicht bekommen. Nach uns kommen die Bagger, dann ist er zerstört", beschreibt Marlis Konze die Verantwortung, die sie und ihr Team tragen für das kollektive Gedächtnis des Landes. "Erst, wenn wir begriffen haben, was wir sehen, kann es weg", sagt die Archäologin. Im Schweriner Schlosshof sollen die Bauarbeiten im Frühjahr 2015 abgeschlossen sein.

dpa


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