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Ein riesiger Schatz: Ruinen der antiken Stadt Palmyra in der syrischen Wüste nördlich von Damaskus (2009). Foto: Chris Melzer

Ein riesiger Schatz: Ruinen der antiken Stadt Palmyra in der syrischen Wüste nördlich von Damaskus (2009). Foto: Chris Melzer

Konflikte

Antiken-Schmuggel - Das Geschäft mit der Raubkunst

Nun sind die in Maastricht zugelassenen Galeristen zwar als besonders seriös bekannt, doch auch andernorts wird man kaum Händler finden, die zugeben, auch nur im Entferntesten etwas mit Raubkunst zu tun zu haben.

Düsseldorf/Berlin. gleiche Antwort: "Nein, noch nie!"

Nun sind die in Maastricht zugelassenen Galeristen zwar als besonders seriös bekannt, doch auch andernorts wird man kaum Händler finden, die zugeben, auch nur im Entferntesten etwas mit Raubkunst zu tun zu haben. Dabei geht es um ein Milliardengeschäft. "Angeblich soll der Umsatz aus dem illegalen Antikenhandel inzwischen an dritter Stelle hinter dem Drogen- und Waffenhandel liegen", erläutert Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. "Ob das wirklich so ist, wissen wir nicht genau, aber man kann sich ausmalen, dass es auf jeden Fall erhebliche Summen sind."

Die Ausfuhr von archäologischen Kulturgütern aus Syrien oder dem Irak ist seit langem durch Gesetze und internationale Kulturabkommen verboten. Dennoch gelangen laufend neue Stücke auf den Markt - angeblich alles Sachen, die sich schon seit vielen Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten außerhalb der Ursprungsländer befinden.

"Und da wird man dann doch erheblichen Zweifel anmelden dürfen", sagt Markus Hilgert, Direktor des Vorderasiatischen Museums Berlin, das ein großes Dunkelforschungsprojekt zu dem Schmuggel begonnen hat. "Ich weiß aus meiner eigenen Arbeit, dass in den letzten 20, 25 Jahren zahlreiche Konvolute von Keilschrift-Texten aufgetaucht sind, die man vorher nicht kannte. Da liegt dann in der Tat die Vermutung nahe, dass sie erst vor relativ kurzer Zeit illegal ausgeführt worden sind." Parzinger erläutert: "Natürlich läuft das nicht über die etablierten Auktionshäuser und den seriösen Kunsthandel, aber es gibt eben einen großen grauen Markt, der im Illegalen agiert."

Dass die staatlichen Strukturen in großen Teilen Syriens und des Iraks zusammengebrochen sind, erleichtert den Schmugglern das Geschäft. Und gerade in dieser Weltregion befinden sich viele der bedeutendsten Ausgrabungsstätten der Menschheit. So gelten die Keilschrift-Tafeln der Sumerer aus dem Zweistromland Mesopotamien von etwa 3000 v. Chr. als die älteste Schrift.

Ulli Seegers von der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf hat sich intensiv mit den Handelswegen beschäftigt. "Es fängt vor Ort an, wo häufig die hungernde Bevölkerung angeheuert wird, um dort illegale Grabungen auszuführen und diese Stücke dann für ganz wenig Geld an Zwischenhändler weiterzuverkaufen", berichtet die Wissenschaftlerin. "Danach geht es mit dem Lastwagen über die türkisch-syrische Grenze. Ein wichtiger Umschlagplatz ist Dubai, von wo die Werke in alle Welt vertrieben werden."

Schon auf dem Weg werden den Antiken falsche Papiere mitgegeben, die dokumentieren sollen, dass sie aus alten Sammlungen stammen. Seegers unterstreicht: "Es ist organisierte Kriminalität, es geht um große Schmugglerbanden, und das läuft schon viele Jahre so, es ist keine Erfindung des IS oder der Taliban."

Die Abnehmer sitzen in Nordamerika und in Europa - viele auch in Deutschland. Parzinger: "Wir wissen, dass wohlhabende Menschen weltweit bestimmte Objekte regelrecht bestellen. Das ist natürlich verheerend." Die Experten stimmen darin überein, dass man bei den Abnehmern ansetzen muss, um den Raubhandel wirksam zu bekämpfen. Große Hoffnungen setzen sie auf das schärfere Gesetz, das Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) angekündigt hat. "Entscheidend ist, dass die Beweispflicht umgekehrt wird, weil dann die Händler zum ersten Mal verpflichtet sind, die Herkunft lückenlos nachzuweisen", sagt Museumsdirektor Hilgert.

Seegers fordert: "Das Gesetz muss ganz fein ziseliert sein, damit man nicht einfach irgendeinen gefälschten Zettel vorlegen kann." Zurzeit gehe mit dem passenden Dokument fast alles durch: "Das sind teilweise Objekte, da sehen Sie noch die Abbruchspuren mit dem Steinmeißel, da ist wirklich buchstäblich noch der Sand im Mosaik."

Doch dürfen sich die Händler und Sammler seit der mutwilligen Zerstörung von Kulturschätzen durch den IS nicht sogar in der Rolle des Retters fühlen? "Das ist ein furchtbarer Trugschluss", meint Hilgert. "Eine absurde Rechtfertigung von etwas, das mit organisierter Kriminalität einhergeht." Denn der Handel schaffe erst die Grundlage dafür, dass so viele Antiken völlig unprofessionell ausgegraben würden.

Parzinger: "Wer mit Bulldozern und anderem schwerem Gerät im Orient Fundschichten durchpflügt, zerstört die historischen Zusammenhänge unwiederbringlich." Und ohne diesen Kontext büßen die Antiken ihren wissenschaftlichen Wert großenteils ein.

dpa


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