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Interview

Annett Louisan über ihr neues Coveralbum

Sie will doch nur spielen - manchmal auch mit den Liedern anderer Menschen. Nach ihrer Teilnahme in der Fernsehsendung „Sing meinen Song“ hat Annett Louisan (39) ein Album mit Coverversionen aufgenommen, „Berlin - Kapstadt - Prag“. Ein Interview.

Gerade war die Sendung in der „Sing meinen Song“-Staffel zu sehen, in der Ihre Lieder interpretiert wurden. Wie haben Sie die Aufnahmen empfunden?

Ich wusste jetzt so vieles gar nicht mehr. Wir haben ja Ende Februar 14 Tage lang gedreht. Da gab es so viel Input. Wir haben jeden Abend die Shows aufgezeichnet. Das fing um 18.30 Uhr an und ging bis spät in den Abend. Und dann macht sich das Adrenalin bemerkbar, und man sitzt bis 6 Uhr zusammen. Und um 9 Uhr sind wir auch schon wieder aufgestanden.

Ist es gut oder schlecht, als Zweiter dran zu sein?

Wenn man als erster dran ist, fällt ein bisschen das Energielevel ab. Da muss man einfach ein bisschen länger drehen. Aber das wird ja alles so liebevoll zusammengeschnitten, dass man davon hoffentlich nichts merkt.

Waren Sie die erste oder zweite?

Die erste. Und danach war Xavier dran ... Ach, das war schön. Mein ganzer Zynismus gegenüber Fernsehen ist weggespült. Das liegt an den Künstlern, an der Produktion, aber auch an dem Ort. Man hätte das glaube ich nicht auf Ibiza oder so drehen können. Südafrika ist ein wirkliches Entfliehen; da kann man nicht mal einfach schnell nach Hause.

Wie haben Sie das Land empfunden?

Ich hatte erst Ressentiments, auch weil man sich dort fast nur in sogenannten „sicheren Zonen“ bewegt. Ich lebe lieber das Modell Kanada: alle Türen offen. Aber es war wunderschön: dieses Licht, die Natur ... Die Vögel sehen so farbenprächtig aus, dass man glauben könnte, sie hätten unten Scheinwerfer, weil sie so leuchten.

Was hat Sie bewogen teilzunehmen?

Dass diese Sendung sich wirklich um Musik und ihre Essenz dreht. Man wird als Künstler nicht als kleine Nummer für die Pinkelpause zwischendurch degradiert. Es ist liebevoll gemacht.

Und geht natürlich auch ausgesprochen nett mit den Musikern um, die weitestgehend unter sich sind.

Ja, das Verständnis untereinander ist einfach da, bei allen anderen Unterschieden.

Wer war für Sie die größte Überraschung?

Ich habe Xavier für mich entdeckt. Ich weiß noch, wie ich vor vielen Jahren sein erstes Lied „Nicht von dieser Welt“ hörte und merkte, der berührt mich. Dann habe ich ihn irgendwie verloren. Aber als ich mich jetzt in sein Repertoire gearbeitet habe, habe ich gemerkt, was da für Perlen sind und was für ein fantastischer Sänger er ist. Er ist meine Entdeckung.

Was fiel schwerer: dazusitzen und die Versionen andere Leute von den eigenen Liedern zu hören oder vor diese Leute zu treten und deren Lieder zu singen?

Mir fiel es leichter, die Lieder der anderen zu interpretieren. Ich ziehe mich gerne zurück. Und wenn man weiß, da läuft eine Kamera, fällt es einem schwer, auszudrücken, was man wirklich empfindet, wenn die eigenen Lieder interpretiert werden.

Nun haben Sie ein reines Cover-Album aufgenommen. Warum?

Ich habe mich lange immer nur um meine Karriere gekümmert, um meinen Wiedererkennungswert und mein Profil. Da blieb wenig Zeit für Nebenprojekte. Ich hatte ein Verlangen nach Veränderung, saß in Berlin und arbeitete an neuen Songs. Und plötzlich dachte ich mir: Ist es nach sechs Alben überhaupt sinnvoll, noch ein siebtes zu machen? Es war klar, es musste etwas passieren. Ich brauchte einen Tapetenwechsel. Und natürlich spielte auch die Vorbereitung auf „Sing meinen Song“ einen Rolle ...

... und vielleicht auch die Tatsache, dass es günstig wäre, pünktlich zur Show ein Album fertig zu haben?

Ganz ehrlich: Ich habe mich erst sehr spät für das Album entschieden, auch wegen der positiven Feedbacks in der Sendung. Denn eigentlich wollte ich nur zum Sendungsstart meine Version von „OMG!“ ins Netz stellen.

Dabei blieb es nicht?

Nein, es entstand die Idee, in Prag in zehn Tagen diese zehn Songs aufzunehmen, um die Reise zu ihrem Ende zu führen - und die Frage zu beantworten, wie weit ich von mir selbst wegbewegen kann.

Sie covern auch Wandas „Bologna“ und singen dann auch die Zeile: „Ich kann sicher nicht mit meiner Cousine schlafen, obwohl ich gerne würde, aber ich trau mich nicht!“ das ist ziemlich weit weg von einer mit einem Mann verheirateten Frau.

Finden Sie? (lacht) Mit solchen Sachen spiele ich gerne. Ich liebe das Lied im Original, und ich liebe Wanda, weil es eine Band ist, die sehr im Jetzt lebt und nicht an morgen denkt. Das triggert mich an: Ich habe auch Rock‘n‘Roll in mir.

Aber Wanda ist eben auch eine Band, die mit archaischer Maskulinität arbeitet.

Ja. Aber: So weit das alles auseinander liegen mag, ist es doch auch ganz eng beieinander. Zum Beispiel auch „Engel“ von Rammstein: Wir spielen alle auf eine bestimmte Weise mit Klischees. Das tue ich, das tun Wanda und Rammstein. So etwas reizt mich. Und es reizt mich, mal etwas ganz Anderes zu nehmen und zu gucken, was passiert. Wenn ich ein reguläres Studioalbum aufnehme, drehe ich jeden Stein um. Hier wollte ich einfach mal nach dem Bauchgefühl gehen.

Wir haben zuletzt vor eineinhalb Jahren gesprochen, als die Veröffentlichung von „Zu viel Information - live“ anstand, mit Ihren Versionen von „Moon River“ und „Wicked Game“. Damals sagten Sie: „Es gibt nur einen Grund, eine Cover-Version zu machen, wenn man es entweder besser oder ganz anders macht oder wenn es eine Hommage ist.“ In welche Kategorie fällt „Durch den Monsun“ von Tokio Hotel?

Ich finde es gemein, dass dieses Lied und diese Band so gehasst wurden. Diese Jungs waren noch Kinder und wurden so schlecht behandelt. Ich finde, dass es eine großartige Komposition ist, fast Nirvana-haft. Und bin auch ganz glücklich mit meiner Version.

Zwei Lieder sind dabei von Musikern, die inzwischen gestorben sind: zum einen „Mercy Chérie“ von Udo Jürgens ...

Das Lied entstand für die Gala zu seinem 80. Geburtstag. Ich hatte das Glück, ihn noch kennenzulernen, habe auch zwei Wochen vor seinem Tod ihn im Konzert gesehen, habe ihn noch auf dem Anrufbeantworter. Er war ein sehr empathischer, sehr höflicher Mensch. Künstlerisch ist er für mich der deutsche Charles Aznavour. Er war immer gesellschaftskritisch, hatte einen kriegerischen Genius. Darum war er auch im hohen Alter noch so einen wachen Geist.

Das andere dieser Lieder ist „Helden“ von David Bowie. Was bedeutete der für Sie?

Wie, glaube ich, alle habe auch ich nach seinem Tod seine Alben noch einmal gehört, Interviews gelesen. Und „Helden“ war immer mein Lieblingssong. Es ist in meinem Geburtsjahr entstanden, es ist ein Mauer-Song, so wie ich ein Mauerkind bin. Es berührt mich. Es war mir auch ganz egal, ob ich dafür Kritik einstecke: Ich bin ganz stolz auf dieses Album.

Nehmen Sie Lektionen mit?

Es hat unglaublich viel gebracht: zu wissen, wie ich auch klingen kann, wo ich auch mal ein bisschen schmutziger klingen kann. Was mich ja selbst nervt, ist, dass meine Außenwirkung viel harmloser ist, als ich denke, dass ich bin.

Das Album ist Dokument einer Reise. Wohin geht die?

Das weiß ich nicht. Aber ich weiß, dass ich jetzt an dem Anfang von etwas Neuem stehe, und das fühlt sich toll an.

Annett Louisan live: am 9. März 2017 im Theater am Aegi. Karten (40,50 bis 56,50 Euro) gibt es in den NP-Ticketshops sowie unter

tickets.neuepresse.de


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