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SPIEL IM SPIEL IM SPIEL: Regisseurin Babett Grube, hier in einem Teil des Bühnenbilds, inszeniert im Ballhof Max Frischs Bühnenklassiker „Andorra“.Foto: Wallmüller

SPIEL IM SPIEL IM SPIEL: Regisseurin Babett Grube, hier in einem Teil des Bühnenbilds, inszeniert im Ballhof Max Frischs Bühnenklassiker „Andorra“.© Michael Wallmüller

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NP-Interview

"Andorra" in der Flüchtlingskrise

Babett Grube, Jahrgang 1980, inszeniert im Ballhof Max Frischs „Andorra“. Beziehungsweise: Sie erzählt die Geschichte, wie angeblich echte Andorraner nach überstandener Flüchtlingskrise „Andorra“ als historisches Stück aus der Heimat inszenieren. Was es damit auf sich hat, erklärt die Regisseurin im Interview.

Was passiert bei Ihnen auf der Bühne?
Zunächst einmal: Für die innere Geschichte, also Max Frischs „Andorra“, habe ich einen relativ kleinen Figurenstab. Das dient der Vereinfachung. Immerhin ist das hier ein Spiel im Spiel im Spiel. Schon Max Frischs Stück ist keine einfache Konstruktion; es ist sehr modellhaft skizziert, dabei aber auch sehr komplex. Andri ist kein Jude, wird aber für einen gehalten, woraufhin der kollektive Rassismus einsetzt. In Andorra herrschen die Weißen, von außen drängen die Schwarzen ... Man fühlt sich dort von allen Seiten bedroht.

Es schwankt zwischen dem Konkreten und dem Abstrahierten - stärker als hier kann man Schwarzweißdenken kaum auf die Spitze treiben.
Und das ist die Tücke. Meine Ausgangsfrage war die der modernen Mittäterschaft. Ich wollte das nicht zu sehr auf konkrete politische Ereignisse beziehen, also auf die AfD, auf Trump-Wähler, Pegida oder dergleichen. Das wollte ich nicht. Allein, weil ich denen nicht auch noch im Theater eine Plattform bieten wollte; die haben sonst schon so viele.

Zumal das Stück einiges über das Phänomen sagt, ohne dass man explizit werden müsste ...
Ja, das hoffe ich.

Diese Parabel über den Nationalsozialismus heben Sie nun noch auf eine Metaebene. Warum?
Für mich ist immer entscheidend: Wer erzählt mir die Geschichte - und wem? Was ich überhaupt nicht wollte, ist so eine Vorbetroffenheit, die sich oft einstellt, wenn man mit dem Stück zu tun hat. Alle gehen rein, kommen wieder raus, sind wahnsinnig betroffen, und damit hat es sich dann erledigt. Ich wollte es von Menschen erzählen lasse, mit denen ich mich identifizieren kann. Die Erzähler sind jetzt ganz normale Bürger, nicht unbedingt kunstaffin, aber sie machen ein Bürgerfest zum 350-jährigen Jubiläum der Ballhalle, die frisch renoviert ist, weil darin Flüchtlinge gelebt haben, und führen ihr Stück auf. Voller Stolz darauf, es geschafft zu haben.

„Wir schaffen das“?
Ja, aber im positiven Sinne. Es ist ja schwierig, bei dem Thema nicht zu zynisch zu werden und nicht zu sentimental.

Es wird nicht auf eine Demontage der Spielenden hinauslaufen, wie es bei Ihrer letzten Inszenierung hier, „Früchte des Nichts“, geschah?
Das weiß ich nicht (lacht). Das Feld ist weit. Ich gehe jedenfalls davon aus, dass wir wirklich in Andorra sind und die Geschichte von Andri real ist. Mir ist es wichtig, die Menschen groß zu zeigen, die das Herz auf der rechten Seite haben, die sich wirklich für Demokratie und Gemeinschaft einsetzen, auch und ganz unzynisch in der Hilflosigkeit ihrer Mittel und ihrer Sprache.

Ist das die Diagnose, die Ihr Stück stellt: Hilflosigkeit?
Zum Teil. Ich meine, ich mache Theater. Natürlich ist das wichtig - aber wie wichtig ist es, für diese Demokratie, jetzt gerade? Das frage ich mich schon. Und das führt für mich im Theater immer zu diesen naiven Mitteln.

Sind Sie froh, dass Sie jetzt dieses Stück machen oder eher nicht?
Manchmal überschlagen sich die Ereignisse. Als wir damals entschieden haben, es zu machen, gab es zum Beispiel das Abkommen mit der Türkei noch nicht. Darum war es mir so wichtig, dass das Stück in dieser leeren Turnhalle spielt, weil die Leute so stolz darauf sind, es geschafft zu haben. In Wahrheit ist gar nichts geschafft. Dieses Abkommen ist moderne Mittäterschaft. Und wir reden nur über die Vergangenheit, aber nicht über das, was gerade passiert ...

Und man redet im Theater über Andere, vermittelt durch noch andere ...
Und genau das muss man ab und zu zum Thema machen, auch mit Humor. Aber wenn ich das jetzt sehe mit Trump, dann denke ich manchmal, vielleicht sollte ich es noch ernster nehmen und mit weniger Humor. Weil es so bedrohlich ist.

Wie trübsinnig werden die Zuschauer die Inszenierung verlassen?
Ich glaube, nicht so trübsinnig. Ich hoffe, dass sie schon ein wenig über sich selber schmunzeln können. Denn das hilft ja auch und gibt Kraft.


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