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ALINA BRONSKY liest im Literaturhaus aus Ihrem neuen Roman "Baba Dunjas letzte Liebe"© Fürst-Fastré

Interview

Alina Bronsky über Tschernobyl und die greise Heldin ihres neuen Romans

Die greise Baba Dunja lebt ein selbstbestimmtes Leben - zurück in ihrer Heimat, dem verstrahlten Tschernobyl. Die störrische Alte ist die Heldin des neuen Romans von Alina Bronsky, „Baba Dunjas letzte Liebe“. Morgen (19.30 Uhr) liest sie daraus im Literaturhaus.

Hannover. Wissen Sie noch, wo Sie waren, als die Katastrophe von Tschernobyl passierte?

Nein, überhaupt nicht, an den Tag erinnere ich mich sowieso nicht. Irgendwann war zwar der Begriff ,Tschernobyl‘ da, auch angstbesetzt, aber bei weitem nicht so schlimm, glaube ich, wie in Deutschland.

Sie waren damals acht Jahre alt und lebten noch in der Sowjetunion.

Ja, aber selbst das habe ich im Nachhinein ausrechnen müssen. Vielleicht habe ich es verdrängt; vielleicht wurde bei uns tatsächlich nicht groß darüber gesprochen. Dieses große Trauma jedenfalls, das Tschernobyl im Westen bedeutete, war es bei uns nicht.

Was hat Sie gereizt, dort einen Roman anzusiedeln?

Es gab mehrere Ausgangspunkte. Vor allem wollte ich einen Roman über das Alter schreiben, über eine Form von selbstbestimmtem Alter als einer Phase, auf die man sich durchaus freuen kann. Da war es reizvoll, einen Ort zu nehmen, der das Gegenteil dessen darstellt, was man üblicherweise unter einer Idylle versteht.

Es gibt diese Frauen, die dort in Tschernobyl leben?

Ja. Und Männer.

Wie haben Sie Ihre Hauptfigur Baba Dunja gefunden?

Die kam zu mir. Der wichtigste Impuls war ein Foto von einer Frau mit Kopftuch, und neben ihr ein großer Hund, der ein bisschen wie ein Löwenweibchen aussah. Das selbstbewusste Bild führte unsere Erwartungen vom kraftlosen Alter ad absurdum.

Wie alt ist sie? Sie sagt öfter „Ich bin doch keine 82 mehr“ und wirkt fast so alterslos wie die sagenhafte Hexe Baba Yaga.

Für mich ist sie vielleicht Ende achtzig, noch nicht ganz 90. In Russland ist die Lebenserwartung nicht so hoch, da ist das wirklich ein gesegnetes Alter. Baba Yaga weniger, weil meine Baba nicht boshaft ist.

Dieses selbstbestimmte Le-ben gilt im Westen als neues Ideal. Ist es nicht eine Ironie, dass es nur in der Postapo-kalypse möglich zu sein scheint?

Jedenfalls wirft es einen auf das Einfache und Notwendige zurück. Und es reden einem nicht mehr so viele rein.

An einer Stelle des Romans heißt es, dass Freiheit nur zu erreichen ist, wenn man nichts zu verlieren hat.

Ja, das ist ein altes Motiv.

Wäre das etwas für Sie?

So eine Selbstversorger-Idylle? In einem gewissen Maße schon. Ich kann mir vorstellen, dass man irgendwann sagt: ,Jetzt habe ich alles gehabt und gesehen; jetzt mache ich das.‘ Aber im Moment noch nicht.

Und Baba Dunja sind Sie als alte Frau?

(lacht) Nein, aber ihre Haltung würde ich mir wünschen.

Mögen Sie sie?

Ich mag sie sehr, am meisten ihre Bescheidenheit, ihre Fähigkeit, sich zurückzunehmen - was nicht heißt, man sei klein und unwichtig. Sie ist das Gegenteil von passiv. Aber sie hält sich nicht für so wichtig, dass sie meint, anderen hereinfunken zu können. Sie lässt selbst ihre erwachsenen Kinder in Ruhe. Aber sie hätte auch keine Chance, weil die ja ausgewandert sind.

Kennen Sie das?

Ich habe erlebt, wie sich die Bindungen in einer Familie verändern, wenn man nach einer Auswanderung hauptsächlich per Brief und Telefon kommuniziert. Dass man sich aus der Distanz etwas vorlügt, ist ja ein altes Setting. Wenn etwas Dramatisches passiert, zum Beispiel eine Blinddarmentzündung, die ich als Kind hatte, dann erzählt man das den Großeltern erst, wenn man das Krankenhaus wieder verlassen hat.

Sie standen zum zweiten Mal auf der Longlist des Deutschen Buchpreises; für die Shortlist hat es wieder nicht gereicht. Sehr enttäuscht?

Die Enttäuschung ist schon da. Andererseits hatte ich mir keine großen Hoffnungen gemacht, weil ich dachte, der Roman ist so schräg, das wird nichts. Was mich tröstet, ist, dass das Buch bei den Lesern gut ankommt.

Ist das eine Geschichte, die Sie in die Heimat schreiben werden?

Es ist relativ schwierig, die Buchbranche zu erklären. Schon in Deutschland denken viele Leute: ,Oh, die hat ein Buch geschrieben, die hat es geschafft. Die ist jetzt unsterblich und hat Millionen verdient.‘ In 3000 Kilometern Entfernung ist die Wahrnehmung noch eine ganz andere. Manchmal googelt mein Onkel und legt meinem Großvater Dinge vor, die er von einem Übersetzungsprogramm mehr schlecht als recht hat übersetzen lassen. Mein Großvater hat mich mal angerufen und mir gratuliert zu einem Preis, den ich angeblich gewonnen habe. Ihm zu erklären, dass das nicht der Fall ist, ist mir nicht gelungen, so dass ich mich irgendwann einfach bedankt habe. Solange er sich freut ...

3 Alina Bronsky liest morgen ab 19.30 Uhr im Literaturhaus. Der Eintritt beträgt zehn, ermäßigt sechs Euro.

3 Alina Bronsky: „Baba Dunjas letzte Liebe“. Kiepenheuer & Witsch, 160 Seiten, 16 Euro.


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