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Es grünt so grün: Alexa Feser beim Treffen mit der NP.

Es grünt so grün: Alexa Feser beim Treffen mit der NP.
© Michael Wallmüller

NP-Interview

Alexa Feser zwischen den Gefühlen

Sie ist Deutschlands neue Erwachsenenpophoffnung: Alexa Feser geht mit ihrem Top-3-Album „Zwischen den Sekunden“ auf Tour. Wir trafen die gebürtige Wiesbadenerin und Wahlberlinerin zum Interview.

Hannover. Pop für Erwachsene und Erfolg damit: Die gebürtige Wiesbadenerin und Wahlberlinerin Alexa Feser (37) kam mit ihrem aktuellen Album „Zwischen den Sekunden“ auf Platz drei der deutschen Charts. Aktuell tourt sie damit.

Sie sind auf Promotour für Ihr neues Album. Macht es noch Spaß?

Ich habe gar nicht so viel Promotion gemacht. Hätte gerne mehr sein können. Weil ich glaube, dass ich ein tolles Album am Start habe, und dachte, dass es mit dem zweiten einfacher wird. Aber ich habe das Gefühl, dass es als Frau in der deutschsprachigen Musik nicht immer einfach ist.

Die Männer im deutschen Pop scheinen es irgendwie einfacher zu haben. Woran liegt es?

Ich glaube, dass das ein gemachter Erfolg ist. Wenn man uns Frauen ähnlich viel spielen würde wie die Männer, wäre das sicherlich anders. Vieles kommt beim Endverbraucher gar nicht an. Ich möchte gar nicht, dass wir mehr Gehör haben. Aber genauso viel.

Es ist ein strukturelles Problem?

Ich glaube, uns deutschen Frauen wird nicht so viel zugetraut. Schauen wir doch mal: International sind Frauen erfolgreicher als Männer. Warum gibt man uns nicht die selbe Chance? Wir haben eine Joy Denalane, eine Balbina,eine Anna Depenbusch, eine Lina Maly ... Es gibt unfassbar viele. Alle genannten, ich inklusive, haben in den vergangenen zwei Monaten veröffentlicht. Es ist aber nicht möglich, eine von ihnen in einer Sendung wie dem Echo auftreten zu lassen. Das ist der Grund, warum ich da nicht hingegangen bin. Das kann man nicht unterstützen, dass es mit Beth Ditto da nur eine, internationale Quotenfrau gab, die wahrscheinlich gar nicht wusste, dass sie die einzige auf der Bühne war.

Stattdessen erleben wir einen konservativen Rollback.

Ja, dass jemand so Frauenfeindliches wie Trump an die Macht kommt, dass eine Partei wir die AfD mit ihrem altertümlichen Frauenbild um die Ecke kommt, ist eine ganz gefährliche Entwicklung.

Was ist die Aufgabe des Künstlers in einer solchen Zeit?

Vor allem erst einmal, seine eigene Haltung auf den Tisch zu bringen, sich nicht anzupassen und Erfüllungsgehilfe zu sein – für wen auch immer. Wir sind frei, und unsere Aufgabe muss es sein, diese Freiheit zu vermitteln. Das muss gar nicht politisch sein; es kann auch geistig oder spirituell sein.

Steht ein Lied wie „Wunderfinder“ in diesem Kontext?

Da geht es um Achtsamkeit. Darum, Dinge, die um einen herum passieren, anzunehmen, sich dem Eventcharakter dieser Welt zu entziehen. Das stresst alle so sehr. Zugleich lässt sich so wenig dingfest machen. Ich habe nicht das Gefühl, dass irgendjemand noch zu irgendetwas steht. Meinungen und Prinzipien werden von einem Tag auf den nächsten über den Haufen geworfen. Da zu widerstehen als Künstler, ist auch nicht einfach; schließlich sind wir Schwämme des Zeitgeists.

Ziehen Sie deswegen so gerne um? „Zwischen den Sekunden“ entstand, als Sie in Berlin-Mitte, am Alexanderplatz lebten.

Wenn ich zu lange an einem Ort bin, verfalle ich in Rituale. Das schadet der Kreativität. Wenn ich es mir unbequemer mache, fordert mich das stärker heraus. Darum suche ich zeitgleich zu meiner Wohnung auch einen Raum nur zum Musizieren. Um mich von allem Anderen frei zu machen. Denn das, was mich wirklich ausmacht und antreibt, die Liebe zur Musik, die verliert man in diesem Business ganz schnell aus den Augen, wenn man sich dem Zwang zur Selbstvermarktung unterwirft. Darum auch Lieder wie „Paradies im Kopf“. Oder „Linie 7“ ...

Wo Sie die Begegnung mit einem Mann in der S-Bahn beschreiben. Gab es den?

Es ist eine echte Geschichte. So macht man das als Songschreiber und Geschichtenerzähler. Aber die Namen und der Ausgang sind anders. Ich bin Alltagsbeobachterin. Darum heißt das Album auch „Zwischen den Sekunden“, denn an diesem Ort fühlt sich alles an wie in Zeitraffer. Man erfährt in kürzester Zeit ganz viel von anderen Menschen – und zugleich auch ganz wenig. Es fliegt an einem vorbei und berührt einen.

Sie sind wieder umgezogen?

Ja, das ist auch Stress gewesen. Ich mache das klassisch mit Umzugsunternehmen. Ich finde es inzwischen unmöglich, noch Freunde zu fragen. Ich wohne jetzt am Tiergarten und bin sehr neugierig, ob ich da Ideen sammeln kann. Aber darum suche ich ja auch diesen Raum. Damit ich vielleicht auch mal einen Weg zur Arbeit habe. Und ich habe immer noch die Freiheit, da mal nicht hinzugehen.

Das Album ist also eine Art verdichteter Erzählung der vergangenen zwei Jahr?

Ja, es ist ein Zeitzeugnis. Ein Querschnitt meines Lebens dieser zwei Jahre, des Orts, der Menschen. Ein Querschnitt. Wie auch dieser Platz, den täglich 900 000 Menschen kreuzen, ein Querschnitt ist. Da gibt es Menschen, die pöbeln; da gibt es aber auch Heiratsanträge. Es gibt aber auch die Zeit um 4 Uhr morgens, wenn dieser Platz leergefegt ist. Und wenn dann Schnee liegt, geht man hinunter und macht den ersten Schneeengel – eine abstruse Spannweite hat dieser Platz.

Wie hat dieser Platz den Sound des Albums geprägt, der zugleich üppig und klar ist?

Ich finde das jetzige Album kantiger als das letzte. Es trägt etwas Raues in sich, viele Soundeffekte, die ich sehr berlinerisch finde und für mich diesen Ort extrem widerspiegeln. Diese Effekte sind mir sehr wichtig, weil sie den Songs erst ihre Textur geben.

Was ist die originäre Form? Sie und Ihr Klavier?

Ich beginne mit dem Text, weil ich mich so weniger limitiere. Dann wechsele ich mich ab mit meinem Songwriter-Kompagnon Steve van Velvet, mit dem ich schon seit zehn Jahren arbeite. Und dann erst fange ich an zu komponieren. Denn wenn man erst einmal einen text hat und eine gewisse Metrik, dann weiß der Song sowieso, was er will.

Wie wird das alles live aussehen? Sie werden kaum ein Filmorchester dabeihaben.

Ich habe einen unglaublich tollen MD (musikalischen Direktor, d.Red.) dabei, der vieles der Sounds mit dem Keyboard übernimmt, der auch mit Orchester-Samples arbeitet. Es wird genauso laut und bombastisch werden wie auf dem Album. Ich möchte das kleinste Stadionkonzert der Welt haben.

Wohin wollen Sie überhaupt mit ihrer Musik? Doch nicht wirklich ins Stadion, oder?

Nein. Am Ende sehe ich mich als Geschichtenerzählerin. Ich sehe mich schon ein wenig rechts oder links vom Mainstream. Allein durch die sprachlichen Bilder, die ich verwende. Zum Beispiel: „Aus der dramatischen Nachricht Konfetti gestanzt, sie in den Himmel geworfen und darin getanzt.“ Das könnte man sicher viel einfacher ausdrücken, aber für mich drückt diese Poesie eine Sehnsucht aus, die ich als Künstlerin brauche.

Sehen sie solche Bilder mit zeitlichem Abstand anders als im Moment der Vorstellung?

Total. Und ich mag es, wie sich meine Musik für mich ändert. Das geht mir jetzt schon so mit meinem Album davor. Ich wollte immer Musik machen, die ich in 30, 40 Jahren immer noch gerne spiele.

Stark geprägt, so liest man, hat Sie Ihr Großvater, der Jazzpianist, der von Hannover aus in die USA aufgebrochen ist ...

... und wieder zurückgekommen ist. Fast meine ganze Familie kommt aus der Ecke Hannover. ich habe meine halbe Kindheit in Lohnde verbracht, bei meinen Großeltern. Die Geschichte ist eigentlich ganz traurig: Mein Großvater ist in jungen Jahren, noch vor dem Krieg nach New York ausgewandert und hat dort in Clubs gespielt. Er hat dort ein Leben aufgebaut, hatte ein Haus, eine Verlobte. und hat dann seine Verwandten in Deutschland besucht. Und als er zurückwollte, durfte er das nicht und musste stattdessen für Deutschland in den Krieg ziehen. Er hat sein komplettes Leben in Amerika verloren. Irgendwann hat er meine Oma kennengelernt, und dadurch gab es irgendwann auch mich.

Wie lange ging das mit Ihnen in Hannover?

Bestimmt bis ich 16 Jahre alt war. Ich habe eine so schöne Erinnerung an die Zeit in Lohnde.

Sind Sie damals in Hannover ausgegangen?

Nein, richtig aufgedreht habe ich erst später. Da habe ich im Rhein-Main-Gebiet auch als DJ in Clubs aufgelegt, elektronische Sachen. In den Nuller Jahren ging es richtig los, mit den ganzen französischen Sachen, Daft Punk und so.

Hat Ihr Großvater Ihnen die Liebe zur Musik mitgegeben?

Er war eine unfassbare Inspiration. Als ich jung war, habe ich Jazz natürlich noch nicht verstanden. Aber es war etwas Besonderes für mich. Aufgewachsen bin ich aber mit dem hiesigen Radio in den 80ern und habe Prince entdeckt, der auf andere Weise krass war. Ich mag besonders die eher unbekannten Sachen von mir, „Sign o’ the Times“ zum Beispiel. In den 90ern bin ich beim Grunge hängengeblieben. Aber die großen Umwälzungen der 70er und 80er Jahre, der Spirit der Revolution, den gab es da schon nicht mehr. Ich würde mir so sehr wünschen, mal wieder einen richtig wütenden Künstler zu sehen.

Alexa Feser live: am 5. Mai ab 20 Uhr im Musikzentrum.

Von Stefan Gohlisch


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