Navigation:
|
NP-Interview

20 Jahre als Geheimtipp

Die Band heißt Kapelle Petra, die Musiker nennen sich Opa, Der tägliche Siepe und Ficken Schmidt und leisten sich als viertes Bandmitglied die menschliche „Bühnenskulptur“ Gazelle - das Quartett aus Hamm ist geboren aus dem Geist des Funpunk, macht aber feinsten Indiepop mit schlauen Texten. Die NP sprach mit Schlagzeuger Markus alias Ficken Schmidt über 20 Jahre als Geheimtipp.

Ich hatte in meinem letzten Familienurlaub Ihr neues Album „The underforgotten Table“, dabei. Raten Sie mal, welche Zeilen den Kindern am besten in Erinnerung blieb?

„Blut, Gehirn, Massaker“ wahrscheinlich (kichert).

Ja, genau. Vielen Dank auch.

Ja, so etwas gibt es schon öfter. Die Nichte von unserem Sänger hat auch schon mal „Ficken Schmidt“ im Kindergarten gesungen. Oder wenn man mit den Kindern unterwegs ist und die „Ficken“ zu mir sagen. Es gibt auch noch eine abgeschwächte Form, nämlich „Ficki“.

Niedlich. Letztlich ist damit aber auch bewiesen, worum es in dem Lied geht: dass man heutzutage schon mehr aufbringen muss als „Gitarrenmusik und ein Gedicht“, nämlich mindestens „Blut, Gehirn, Massaker“.

Ja, dass die Medienwelt es gerne derb hat. Unsere Gesellschaft will lieber auf die Fresse, als abends harmonisch am Lagerfeuer zu sitzen ... Aber letztlich ist es ja nicht so.

Tatsächlich? Man weiß bei Ihnen nie so recht, was ernst gemeint ist und was nicht.

Es liegt alles ein bisschen dazwischen. Es gibt Themen, die uns auf der Seele brennen; da darf es ruhig ein Statement sein. Es gibt auch ganz viele Sachen, die wir beobachten und mit einem Augenzwinkern beschreiben, „Befund“ zum Beispiel. Da geht es ja nicht wirklich um Schützenvereine ...

Das müssen Sie jetzt ja sagen, weil Sie schließlich mit jemandem sprechen, der aus der Stadt mit dem größten Schützenfest der Welt kommt.

Nein, ich glaube schon, dass die meisten Schützen das Lied, wenn sie es einmal gehört haben, richtig verstehen. Wir haben das Video auch mit einem Schützenverein aus der Ecke gedreht. Die haben sich T-Shirts bedrucken lassen mit der Aufschrift „Unser Befund: Schützenbund“.

Und wie passt da ein Lied wie „Frieden“ daher, das fast anrührend ist in seiner Ernsthaftigkeit? War es Ihnen ein Bedürfnis?

Ich glaube, auch das ist ein bisschen ein Kind seiner Zeit. Aus einer Situation, in der es in Europa und der Welt nicht einfach ist. Wir wollten ein ernstes Thema anbieten, aber in unserer Verpackung. Dass es nun so ist, wie es ist, liegt allerdings auch daran, dass wir es - wie auch „Ja“ - mit Tobias Röger geschrieben haben.

Tobias Röger hat zum Beispiel für Johannes Oerding, Udo Lindenberg und Christina Stürmer gearbeitet. Wie sind Sie auf den gekommen?

Er ist ein guter alter Freund von uns. Wir haben damals, als er noch bei den Wohlstandskindern war, einige Konzerte zusammen gespielt. Beim neuen Album, als wir guckten, was wir Neues machen können, ist er uns wieder in die Gedanken gekommen. Wir haben ihn einfach gefragt.

War dahinter auch die Erwartung, dass ein Hit herausspringt?

Nicht unbedingt. Wir wollten etwas Anderes ausprobieren. Wir hatten das Gefühl, der versteht uns auch richtig. Der hatte auch einfach Bock.

Kapelle Petra gibt es seit 20 Jahren. Sie haben euphorische Fans, auch prominente, tauchen immer wieder in angesagten Fernsehformaten auf, aber Sie spielen immer noch eher in den kleineren Clubs. Wo stehen Sie heute?

Ja, das ist schon richtig. Wenn wir nicht gerade in unserer Ecke spielen, ist das in Clubs mit einer Kapazität für 200 bis 400 Leute. Wo wir stehen? Ich kann eher sagen, wie wir uns sehen: Wir haben vor vielen Jahren aus Spaß angefangen, Musik zu machen, obwohl keiner von uns ein Instrument beherrschte. Dieser Grundgedanke, Spaß daran zu haben, gilt heute noch. Nur dass wir heute versuchen, es hauptberuflich zu machen. Ich selbst habe noch eine halbe Stelle; das liegt aber wahrscheinlich daran, dass ich luxusgeil bin (lacht). Und Gazelle, so als reine Bühnenskulptur, arbeitet natürlich auch.

Gazelle war mal Ihr Bassist, oder?

Ja, vor allem war und ist er ein Freund. Guido und ich hatten die Band gegründet und ihn dazugeholt, weil er schon Bassist spielte. Aber nach einer Probe war klar, dass Gazelle zwar ein Supertyp ist, aber eindeutig kein Bassist für uns. Gar nicht mal, weil er schlechter spielte als wir, das nicht, sondern aus einem Gefühl heraus. Wahrscheinlich sind wir deswegen nicht erfolgreicher, weil wir uns über Gefühle mehr Gedanken machen als über Zahlen. Dann kam Rainer dazu, Der tägliche Sierpe, der vorher in einer Punkband trommelte.

Und jetzt spielt er Bass und alle möglichen anderen Instrumente bei Ihnen, bis hin zur Partytröte.

Ja, Rainer kann eigentlich alles, aber alles nicht richtig.

Worauf können wir uns bei Ihrem Hannover-Konzert freuen?

Zum einen schon mal drauf, dass wir mit den lieben Kollegen von Liedfett zusammen spielen. Das machen wir nur in Hannover und in Eschwege. Ich glaube, es wird noch schräger als sonst, ein großer Spaß. Ich glaube, es sprengt alles Vorstellbare. Ich werde doch noch Millionär!

3 Kapelle Petra live: am 17. Dezember im Musikzentrum. Karten (21,10 Euro) gibt es in den NP-Ticketshops. tickets.neuepresse.de


Bildergalerien Alle Galerien
Anzeige
Die Bahn verspricht, pünktlicher zu werden - schafft sie das?

Alles über Hannover 96

Spielberichte, Hintergründe, Analysen - lesen Sie hier alles über Hannover 96.

Bilder des Tages

../dpa-InfoLine_rs-images/large/urn-newsml-dpa-com-20090101-140912-99-04060_large_4_3.jpg

Waschtag: Ein niederländischer Kavallerist wäscht zum «Prinsjesdag» den Schweif seines Pferdes. Foto: Martijn Beekman

zur Galerie