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Guns N'Roses-Frontman Axl Rose während eines Auftritts in Perth.

Guns N’Roses

15 Jahre für eine Stunde Musik

Mit anderthalb Jahrzehnten Anlauf veröffentlicht die Rockband Guns N’Roses das Album „Chinese Democracy“. Es ist vermutlich die Platte mit dem längsten Anlauf aller Rockzeiten. 15 Jahre für eine gute Stunde Musik sind schon satt.

Echte Sternstunden werden im Pop ja immer seltener, deshalb freuen wir uns ab und zu schon über eine falsche. Gerade ist es mal wieder so weit. Die Rockband Guns N’Roses veröffentlicht das Album „Chinese Democracy“. Das wäre im Prinzip nichts Besonderes, denn Comebacks ehemaliger Teenageridole als pausbäckige, hüftmollige und schütterhaarige Altrocker haben wir in den vergangenen Jahren genug erlebt. Aber dieser Fall ist anders. Länger. Es ist vermutlich die Platte mit dem längsten Anlauf aller Rockzeiten. 15 Jahre für eine gute Stunde Musik sind schon satt. Richtig spannend wird die Rechnung aber erst, wenn man die Produktionskosten hinzunimmt. Die sollen bei 14 Millionen Dollar liegen, wobei es auf die eine oder andere Million sicher nicht ankommt. Das jedenfalls spricht für eine echte Sternstunde.

Hatte sich auch Kevin Cogill gedacht. Dem Mitarbeiter der zuständigen Plattenfirma und Guns-N’Roses-Fan reichte es nämlich irgendwann. Er stellte eine Reihe von Songs des Never Ending Albums ins Internet. Sein Schuldbewusstsein hielt sich in Grenzen. Er habe kein Geld damit verdienen wollen, sagte er, als das FBI ihn abholte und ihm die Tragweite seines Handelns deutlich machte. Er habe die Songs einfach befreit, um sie endlich den wartenden Fans der Band zugänglich zu machen. Das noch ausstehende Strafmaß wird vor allem in Internetforen heiß diskutiert, die einen halten ihn für einen Kriminellen, die anderen halten ihn für einen Helden. Selbst Axl Rose, Sänger der Band, hat sich zu dem Fall geäußert, allerdings ohne den Stab über den Mann zu brechen. Er wolle den Behörden nicht vorgreifen, ließ Rose auf der Homepage der Band verlauten.

Vielleicht hat er insgeheim die Motivation verstanden. Und gemerkt, dass die ganze Sache zu einer Dauerlachnummer geworden ist. Was ist dieses Album also nun? Ist es überhaupt ein Guns-N’-Roses-Album? Jein. Zumindest, wenn man die bloße Anwesenheit des Gitarristen Slash als unabdingbar für die Echtheit der Band hält (was man durchaus tun kann), ist es das nicht. Slash (der inzwischen mit anderen früheren Bandmitgliedern in der Band Velvet Revolver spielt) bildete in den Neunzigern den stoischen Gegenentwurf zu dem chaotischen Schreihals und Kopttuchträger Axl Rose. Da, wo bei Slash die Zigarette aus der Rundummatte dampfte, war vorne, ansonsten war von seinem Gesicht nichts zu sehen. Dieses Comichafte läutete in Verbindung mit dem hittauglichen Hardrock der Band die Neunziger ein, die dann aber doch zum Jahrzehnt des Kurt Cobain wurden. Doch mit „Appetite for Destruction“ und vor allem den beiden gleichzeitig veröffentlichten Alben „Use your Illusion I“ und „II“ schafften der Coole und das Biest mit ihren Mitmusikern einen Rockmainstream, auf den sich nicht nur die Hörermasse vom AC/DC-müden Altrocker bis zum wagemutigen Waldorfschüler einigen konnte, sondern auch die Kritikerschaft.

Diese Rabauken, die noch echt unzuverlässig waren, echt soffen und sich echt prügelten, belebten zwischen singenden Synthesizerfrisören und der herandämmernden Technodekade die Illusion vom dreckigen, ganzheitlichen, unangepassten Rebellen-Rock neu. Dass die Band mit Schimpf, Schande und übler Nachrede an sich selbst zerbrach, wirkte irgendwie authentisch.

Zumindest diese nostalgische Erinnerung hat Axl Rose auf das neue Album gerettet. „Chinese Democracy“ ist, man sollte sich da nichts vormachen, eine Axl-Rose-Werkschau. Und obendrein eine Demonstration fürs Gitarrensolo. Statt Slash toben sich jede Menge Gitarristen aus, alle bekommen ihre Momente, alle sind gut und schnell. Und doch ist es wie mit dem neuen James Bond. „Chinese Democracy“ ist wie ein teurer Actionfilm, dem das Typische abhanden gekommen ist. Immerhin gibt‘s ein Quantum Rose. Die Stimme des Sängers hält, wenn auch nicht mehr in dieser grellen Waghalsigkeit, die Sache zusammen, die bei der Zeitspanne seiner Entstehung natürlich kein homogenes Werk sein kann. Der Etikettierung des Altmodischen stemmt sich ein Produzentenheer mit interessanten Soundgimmicks entgegen, Songs wie „If the world“ oder „IRS“ wirken mit ihren Computerbeats und Samples wie moderner Powerpop. Das ist jedenfalls besser als der Versuch, an das letzte reguläre Album der „Gunners“, dem Coverreigen „The Spaghetti Incident“ (1993), anschließen zu wollen. Sonst ginge es Rose wie Prince. Der veröffentlichte das in den Achtzigern produzierte „Black Album“ erst Mitte der Neunziger – es klang wie kalter Kaffee aus dem Plastikbecher.

Dem ist Rose aus dem Weg gegangen. Ob er mit „Chinese Democracy“ einen neuen Weg geht oder nur auf der Stelle tritt, wird sich zeigen. Wie man hört, sind weitere Alben geplant. Wir möchten dieser Ankündigung erst Glauben schenken, wenn es soweit ist.

Von Uwe Janssen


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