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Feuer frei

10.000 rocken mit Rammstein in der TUI-Arena

Der Name Rammstein verspricht Hammerartiges. Erstmal freilich scheinen diese sechs Berliner, die auch in Amerika wer sind, noch relativ normal, gehen durchs Publikum, marschieren über eine Brücke zur Bühne. Dort aber gehts bald zu wie in den Vereinigten Schmieden von Asgard: Feuerball, Höllenqualm, Hitzewand, abertonnenschwere Gitarrenriffs.

Rammsteinsänger Till Lindemann lässt es lodern.

© Behrens

Hannover. Sänger und Chefflambierer Till Lindemann greift passend erstmal nach der „Sonne“, begrüßt „den hellsten Schterrrrrn von allen“. Sein „r“ rollt dabei wie ein deutscher Panzer, der finster dreinblickende Stiernacken bellt heiser Gutturales ins Mikrofon. Ja, so stellt sich Klein Daisy aus New Jersey den Landser vor, der über sowjetische Dörfer hereinbricht. Einen Tarantino-Landser. Rrrrrockundrrrrrolllll, aber zackig!

Schön, schön ist die Zeit, schwer, schwer fällt der Beat. Das Publikum in der TUI-Arena liebt das Gedöns dieser perfekten 20-Song-Inszenierung. Hier gibts von Sekunde eins an Schweiß, Ruß und Musiker, die aussehen wie Soldaten, Kämpen an Instrumenten, deren klirrender, stampfender Marschrock anmutet, als sei er in den Maschinenräumen von Fritz Langs Metropolis geboren. Prima kann man dazu mit dem Kopf nicken und Teufelshörnchenhände schwenken. Mit Fleischerschürze springt Lindemann zum Kannibalensong „Mein Teil“ über die Bühne, und siehe da: Alle Geschmacklosigkeit wird durch den Mummenschanz gebrochen, im finsteren Text glüht plötzlich Witz, warum erkannte man den nicht gleich?

Und den Ernst bricht auch Keyboarder Flake Lorenz, der in einem der einheitlichen Bandgarderobe abholden hautengen Glitzerfummel auf einem Laufband unterwegs ist oder bei „Haifisch“ im schwarzen Schlauchboot zu funkelnden Surf-Gitarrentönen durch die Halle gereicht wird. Schlagzeuger Christoph Schneider gibt das Domina-Muttchen, das im Intro zu „Bück dich“ die Band auf allen vieren über die Hängebrücke zu einer kleinen Bühneninsel inmitten der Halle treibt. Man sieht Mädels, die dabei Tränen lachen und Sexistisches wie „Bück dich, dein Gesicht interessiert mich nicht“ mitgrölen. Weil es gar nicht sexistisch ist – sondern lustig.

Und so kann uns auch der beängstigende Monsterpenis am Konzertende nicht schocken, dessen blaue Monstereichel bei „Pussy“ reichlich Schaum in die vorderen Reihen ejakuliert. Till Lindemann rollt hinter ihm an der Rampe lang, und sieht dabei aus wie der Kanonier einer Porno-Flak. Das geht aber in Ordnung, politisch korrrrrrekt. Ist ja ein Song über den „Blitzkrieg mit dem Fleischgewehr“, über das Übel Sextourismus.

Überhaupt ist jetzt alles gut mit Rammstein. Hinter der Provokation radikaler Texte wurde längst die Gedankenschwere entdeckt, die Suche von Künstlern nach den finstersten Unbilden der Zeit. Brecht und Goethe sind drin, jetzt darf endlich auch die Deutschlehrerin bei Rammstein live Bauklötze staunen, ohne hinterher von Berufsverbot alpzuträumen. Keine Nazis, Gott sei Dank! Seit „Links 2-3-4“, mitten an diesem Abend durch den Saal marschiert, ist die „Heil, mein Führer!“-Fanfraktion ernüchtert. Was diesem Konzert hinterherzurufen bleibt, ist ein „Geil, dein Pyro!“. Rammstein hat sich verortet. Und entmystifiziert. Das ist das Ende von Mythos und Geheimnis. Und der Anfang als Band für (fast) alle.

(Von Matthias Halbig)


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