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Zwei von drei Medeen: Katja Gaudard (vorne) und Carolin Haupt im Spiegelkabinett von Tom Kühnels Inszenierung.

Zwei von drei Medeen: Katja Gaudard (vorne) und Carolin Haupt im Spiegelkabinett von Tom Kühnels Inszenierung.
© Katrin Ribbe

Theater

Tolle „Medea“ im Schauspielhaus

Ein großer Wurf: Zum Auftakt der Spielzeit im Schauspielhaus inszeniert Tom Kühnel den Mythos von Medea als Spiegelbild unserer Zeit.

Hannover. Das Bühnenbild von Jo Schramm ist ein kleines Wunder. Ein Vorhang aus Spiegeln dominiert es, befestigt auf einer großen Drehscheibe, geschaffen, sich darin zu erkennen und sich darin zu verlieren. Hier also spielt „Medea“, der antike Stoff von der mythischen Kindsmörderin, wie ihn Hausregisseur Tom Kühnel sieh: als zeitlosen Stoff, der einen Blick auf den Kreislauf von Werden und Vergehen gestattet, als Zerrspiegel und Abbild unserer Zeit.

Nicht eine Medea ist es, sondern gleich drei. Da ist die magische Kindfrau (Vanessa Lioibl) aufgehoben im Kollektiv des alten Kolchis, einer archaischen Anderwelt, die Kühnel mit chorischem Sprechen, trachtenähnlichen Kostümen (Daniela Selig) und ritualisiertem Handeln zugleich in Distanz wie auch in Nähe rückt. Da ist die junge Frau (Carolin Haupt), die dem griechischen Argonauten Jason begegnet, der sie erobern möchte, aber mehr noch das goldene Vlies. Und da ist die Ehefrau und Mutter (Katja Gaudard), desillusioniert und erstarrt in quälendem banalen Alltag, die Jason übers Meer ins ihr fremde Korinth folgte und dort einer jüngeren Konkurrentin begegnet – gespielt wieder von Loibl, auch hier ein ewiger Kreislauf. Man tanzt um das Goldene Vlies, als sei es ein goldenes Kalb. Und stetig dreht sich das Spiegelkabinett – und gibt den Blick frei auf eine gar zu moderne Ikea-Kleinfamilienwelt.

Kühnel klopft den antiken Stoff aufs Allgemeingültige ab. Er erzählt, wie Jason (großartig: Philippe Goos) als echt cooler Checker um die Schöne wirbt und als Würstchen endet. Er erzählt, wie Medea, mehr bequatscht als bekehrt, diesem Jüngling erliegt und am Ende, als sie allen Seins beraubt ist, doch ihre Würde bewahrt. Und die schließlich die ungeheuere Tat des Kindmords verübt, nicht als eifersüchtiges Monstrum, sondern um den mörderischen Kreislauf von Rache und Krieg zu durchbrechen. Und nicht zuletzt erzählt diese Inszenierung davon, dass es nur tödlich enden kann, wenn man dem Fremden in Feindschaft begegnet.

Mit Sinn und Verstand, mit Witz und niederschmetternder Tragik geschieht das, voller Anspielungen. Kühnel bezieht sich auf Franz Grillparzers Fassung des Stoffs „Das goldene Vlies“, aber – das ist so seine Art – nicht nur. Es ist Raum für ein Kabinettstück, in dem als Playback-Theater die alte Pocahontas-Geschichte von den edlen Wilden und dem toleranten Eindringling erzählt wird, in der sich die wohl größte koloniale Arroganz zeigt. Man hätte auch „Avatar“ oder „Der mit dem Wolf tanzt“ nehmen können.

Die Ur-Medea des alten Griechen Euripides taucht auf und Maria Callas – nicht jene Callas, die für Pasolini eben jene Medea spielte, sondern die Operndiva, die dem steinreichen Reeder Aristoteles Onassis erlag und in der ihr fremden Welt der Reichen und Schönen den Zauber ihrer Stimme verlor. Und im dritten Akt darf man sich ruhig an „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ erinnert fühlen, an den piefigen Kleinkrieg moderner Ehehöllen.

Man darf, man muss nicht. Diese Medea ist nicht nur ein intellektueller Genuss, sondern auch ein sinnlicher. Nicht zuletzt wegen eines grandios aufgelegten Ensembles: Rainer Frank zum Beispiel als im Ritual erstarrter König von Kolchis. Mathias Max Herrmann als sein spießbürgerlicher griechischer Kollege. Oder Dennis Pörtner als spitzbübischer Komplize des Publikums. Die drei Medeen, Loibl, Haupt und Gaudard, sind sowieso brillant.

Kühnel hat von jeher einen Hang zum großen kulturkritischen Wurf. Wenn es gelingt, wenn er seine Ideen zum Tanzen bringt wie bei „Der Auftrag“, entsteht großes Theater. Anderes – das sah man bei „1917“ – wird bleiern vor Bedeutungsschwere. Indem er bei „Medea“ beide Facetten verzahnt und als zwei Welten gegenüberstellt, stellt sich ein Zauber ein.

Mehr Informationen zum Stück gibt es hier.

Ein Interview mit „Medea“-Darstellerin Katja Gaudard finden Sie hier.

Von Stefan Gohlisch


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