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Kultur Tod und Versenkung: Glucks „Orfeo ed Euridice“ in Salzburg
Nachrichten Kultur Tod und Versenkung: Glucks „Orfeo ed Euridice“ in Salzburg
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10:36 02.08.2010
Von Rainer Wagner
Viel los auf der Bühne, aber wenig Bewegung: Der Chor und Elisabeth Kulman (Mitte) als Orfeo. Quelle: afp

Hier wird auf Augenhöhe musiziert. Im Großen Festspielhaus ist das Orchesterpodium hochgefahren. Man sieht die Wiener Philharmoniker – und natürlich auch ihren Dirigenten: Riccardo Muti. Der Star steht im Zentrum des Abends. Doch das bekommt der Premiere von Glucks „Orfeo ed Euridice“ gar nicht gut.

Zugegeben: Ganz leicht war die Aufgabe nicht, denn Glucks „Orfeo“ ist mehr hochdramatisches Kammerspiel als große Oper und damit kaum das rechte Stück für das groß dimensionierte Salzburger Festspielhaus. Nicht umsonst wurde dieser Neubau vor 50 Jahren mit dem aufwendigen „Rosenkavalier“ eröffnet.

Wer aber dieses Haus mit Gluck erfüllen will, der muss doch etwas mehr riskieren als Muti und die nicht immer sehr konzentriert wirkenden Wiener Philharmoniker. Der müsste nachfühlen lassen, wie die Musik zittert und zagt, wie sie bibbert und klagt. Ricardo Muti aber verwaltet die Gefühle, ganz so, als wolle er jegliches Klischee von Italianitá vermeiden.

Und er wird bei diesem allzu braven Nacherzählen bestens unterstützt von Regisseur Dieter Dorn und dessen Ausstatter Jürgen Rose. Der hat die Breitwandbühne mit einem antikisierenden Kasten eingeengt, dessen halbrunde Rückwand sich auch öffnen und heben lässt.

Noch während der nicht sehr aufregend musizierten Ouvertüre sehen wir, wie auf einer Party Euridice entseelt zu Boden sinkt und im Bühnenboden verschwindet. Dem klagenden Gatten Orfeo bleibt nur ihr rotes Kleid. Immerhin erleichtert dieses Bildsignal die Übersicht: Es geht immer um die Lady in Red.

Ganz am Schluss folgt dann noch ein Wechselspiel der Gefühle und Kleider. Es gibt nämlich sieben Orfeo-Doubles (sucht man hier den Super-Orfeo?), die mit ihren Leiern dekorativ die Szene bevölkern. Und die zeigen dann plötzlich erst rote Shirts unter dem grauen Anzug, bis sie auch den ablegen und die Haare lösen: Nun haben wir sieben Euridices in Rot (und die richtige in Weiß). In der Liebe ist eben alles eins, oder?

Allerdings zeigt Dieter Dorn kurz vor Toresschluss doch noch einmal, dass der Schauspielregisseur mit der Opernerfahrung doch mehr zu bieten hätte als nur routinierte Nacherzählung. Zum Ballett, mit dem das Happy End besiegelt wird, lässt Dorn nämlich stumme Szenen einer Ehe vorspielen. Das ist ein spätes Echo von Botho Strauss’ „Bekannte Gesichter, gemischte Gefühle“ oder Handkes „Die Stunde, da wir nichts voneinander wussten“. Nur war der Theaterweg dieser Inszenierung zu diesem Bilderbogen doch sehr mühsam.

Dieter Dorn und Jürgen Rose bebildern Orfeos Versuch, seine geliebte Gattin aus der Unterwelt zurückzuholen, geschmackvoll bis geschmäcklerisch. Doch der Aufruhr der Gefühle bleibt bloße Behauptung, die auch von der Musik nicht wirklich belegt wird. Am meisten Bewegung geht im entscheidenden dritten Akt, wenn Orfeo seine Euridice wieder verliert, von der Drehbühne aus.

Mutis blut- und glutloses Musizieren bremst nicht nur die Dramatik der Musik aus, sondern auch seine Sänger. Insbesondere Elisabeth Kulman als Orfeo bringt Muti in Nöte: Das ist alles zu wenig bewegt und bewegend. Dann betört und verstört selbst Orfeos „Che faró senza Euridice“ nicht mehr; der wohl berühmeste Klagegesang der Operngeschichte bleibt nur eine Arie unter vielen.

Genia Kühmeier als Euridice hat wenig Chancen, einen differenzierten Charakter zwischen Zicke und verzweifelt Liebender zu entwickeln, weckt aber doch Interesse für eine Frau, die sich von ihrem Mann, der sie nicht anschauen will, unverstanden fühlt. Christiane Karg darf in der Rolle der Amore zumindest anklingen lassen, dass sie mit dieser Partie doch eher unterfordert ist. Was man von der Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor nicht unbedingt sagen kann.

Nur gut Eindreiviertenstunden dauert diese pausenlose Aufführung, aber auch 100 Minuten können sehr lang sein. Dorn (Jahrgang 1935), Rose (1937) und Muti (1941) haben einen „Orfeo“ geliefert, der leider nicht altmeisterlich, sondern nur altväterlich war. Entsprechend abgeklärt, wenn auch höflich, fiel der Beifall aus.

Wieder Montag, am 7., 13., 19., 21. und 24. August.

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