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Aktion: Maximilian Grünewald und Klara Deutschmann agieren mit Volldampf – und das rosa Einhorn bleibt stumm.

Aktion: Maximilian Grünewald und Klara Deutschmann agieren mit Volldampf – und das rosa Einhorn bleibt stumm.
© Foto: Rios

Neues Stück von Franziska vom Heede

„Tod für eins achtzig Geld“ vom

Schräg und heiter: In der Cumberland-Raumbühne ging das Stück „Tod für eins achtzig Geld“ über die Bühne – eine Koproduktion mit den Ruhrfestspielen Recklinghausen.

Hannover.

Jede Menge Action, schon als das Publikum den Raum betritt: Bühnenbildnerin Tine Becker, auch für die superschrillen Kostüme verantwortlich, hat überall Spielstationen verteilt. In einer Ecke kündigt ein langhaariger Typ ständig einen spirituellen Tanz an, der dann tatsächlich eher affig ausfällt. Eine Frau mit überlangen rosa Wimpern liegt auf einem Bett und fiepst Kindheitserinnerungen vor sich hin. Und mittendrin steht ein waschechtes, jedoch angebeultes Auto, in dem die Besucher sogar Platz nehmen sollen.

Irgendwann indes kapern die Akteure die Karre, deren Inneres über Video-Bildschirme einsehbar bleibt, und die eigentliche Geschichte nimmt ihren Anfang. Eine, vorsichtig ausgedrückt, kuriose Geschichte: Die junge Amanda hat ihren todkranken Opa aus dem Heim entführt, weil sie nicht an die echte Liebe der Verwandtschaft glaubt. Vetter Carlo hat derweil die saublöde Idee einer Party im Supermarkt gehabt, die völlig aus dem Ruder läuft, wodurch das investierte Geld flöten gegangen ist – auch Cousin Vince und Cousine Lolo sind nun pleite. Wo soll die Kohle herkommen? Wie wär‘s damit, Opa zu versteigern? Wer im Internet das höchste Gebot abgibt, kann sich die Gunst eines Todgeweihten sichern …

Das ist schon krude genug und wird im weiteren Verlauf noch kruder, doch gibt es weitere Handlungsstränge. Sie kreisen durchweg ums Geldverdienen, nicht ohne Grund hat die Autorin ihrem Text den Untertitel „Verwertungsprinzipien / Überlebensstrategien“ gegeben. Amanda etwa stellt Filme ins Netz, in denen sie schlafend zu sehen ist, weil es offenbar einen Markt dafür gibt. Und dann ist da noch der Mann, der einen Job als Auslieferer von Lebensmitteln anstrebt und dafür eine Flüchtlings-Biographie erfindet – Christoph Müller cremt sich auf offener Bühne mit Nutella ein.

Überhaupt hat Regisseur Nick Hartnagel viele starke Bilder in petto. Als es um einen undichten Kühlschrank geht, rollen unzählige rote Kugeln hinter einer Klappe hervor und verteilen sich zunehmend im Raum. Wer sich nicht einen der raren Sitzplätze gesichert hat, muss bei den Ortswechseln zwischen dem rosa Schaukel-Einhorn hier und der Kinderrutsche dort aufpassen, nicht auf einen der Bälle zu treten.

Alle Darsteller agieren mit Volldampf, und Sophie Krauß gibt der Souffleuse ganz selbstverständlich bekannt, dass sie einen Textabschnitt vergessen hat, ohne auch nur eine Sekunde aus der Sprachmelodie zu fallen. Interessant, das alles, und klug beobachtet, aber gerade durch die gesteigerte Intensität dann doch zu lang und gegen Ende zu sehr auf Pointe gebürstet. Und vor allem sind die Akteure punktuell übergriffig und können auch Besucher anfassen, die ihnen offensichtlich ausweichen wollen: absolutes No-Go – das Recht auf Distanz muss auch in einer intimen Raumsituation jederzeit gewahrt bleiben.

Von Jörg Worat


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