Menü
Neue Presse | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Tocotronic blicken zurück
Nachrichten Kultur Tocotronic blicken zurück
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
13:01 05.02.2018
Tocotronic: (von links) Rick McPhail, Arne Zank, Dirk von Lowtzow und Jan Müller. Quelle: Handout
Hannover

Die Diskurspopper werden persönlich: Das neue Tocotronic-Album „Die Unendlichkeit“ kreist um die Biografie von Sänger Dirk von Lowtzow. Warum das auch für die Allgemeinheit von Belang sein kann, erklärt Bassist Jan Müller (46) im NP-Interview.

Hat Ihnen die Unendlichkeit als Kind auch so viel Angst gemacht?

Darüber muss ich mal kurz nachdenken ... Ich kann mich erinnern – gerade jetzt, wo wir das erste Konzert zu dem Album im Berliner Planetarium spielen –, wie ich als Kind das Hamburger Planetarium besuchte und da erstmals mit der Unendlichkeit konfrontiert wurde. Aber an Angst kann ich mich nicht erinnern.

Was bedeutet Sie Ihnen heute?

Wir Bandmitglieder stehen – hoffentlich – in der Mitte unseres Lebens. Haben also noch ein paar Jahre vor uns, denken aber mitunter darüber nach, dass das Leben irgendwann vorbei sein wird. Man denkt also mehr über die Endlichkeit nach, anders zum Beispiel, als damals als man mit der Band angefangen hat. Da hat man fast ausschließlich im Hier und Jetzt gelebt und sich gar nicht die Frage gestellt, was in 20, 25 Jahren sein wird. Musik ist jedenfalls eine gute Möglichkeit, dem Drängen der Endlichkeit zu entgehen, weil man damit aus der Zeit fallen kann und etwas schafft, was, wenn man Glück hat, ein paar Jahre mehr als das eigene Leben Bestand haben kann.

Haben Sie Tocotronic damals mit der Intention gegründet, dass es so lange gehen würde?

Nein, daran haben wir bestimmt nicht gedacht. Aber es war eine schicksalhafte Zusammenkunft; uns war unser Anliegen sehr ernst, und wir hatten das Gefühl, dass wir uns gefunden haben. Es war etwas Besonderes.

„Die Unendlichkeit“ ist ein biografisches Album geworden, aus der Perspektive Ihres Sängers Dirk von Lowtzow. Inwieweit hat es auch Gültigkeit für den Rest der Band?

Man muss ein bisschen ausholen: Wir haben anders als sonst gearbeitet und zwar so, dass wir das Thema eingekreist haben. Wir haben für unsere Verhältnisse ungewöhnlich viele Stücke geschrieben. Dirk hat insgesamt 24 oder 25 Songs geschrieben, an denen wir dann auch vor allem textlich intensiv gemeinsam gearbeitet haben. Davon ausgehend sind wir dann nach dem Ausschlussprinzip vorgegangen und haben die zwölf Stücke ausgewählt, die am stärksten und wichtigsten sind. Sie stellen Dirks Biografie dar. Natürlich anders, als es eine Biografie in Buchform tun würde – aber meines Erachtens ergibt sich durch die Verknappung ein Konzentrat, das eine Allgemeingültigkeit haben kann. Sowohl für uns andere Bandmitglieder als auch für unsere Hörerinnen und Hörer. Die erste Single zum Beispiel, „Hey du“, schildert Erlebnisse, die wir in ähnlicher Form alle hatten.

Tatsächlich? Darin schildert Dirk, wie er als Jugendlicher im Schwarzwald wegen seines Andersseins beschimpft wurde. Das gilt auch für eine Hamburger Jugend?

Wir waren damals alle ein bisschen extravagant in unserem Äußeren. Das war auch in manchen Teilen Hamburgs durchaus gefährlich. In den Vororten gab es eine recht aktive Skinhead-Szene; wenn man da aus sichtlich Punkrock-interessierten Kreisen kam ... Auch die homophoben Beleidigungen waren uns allen sehr vertraut, auch Rick, der nun ganz woanders, in Maine in den USA, aufgewachsen ist.

Wie sieht es mit „Electric Guitar“ aus, wo das Instrument als Instrument der Befreiung aus der Kleinstadtenge beschrieben wird?

Ich habe mir tatsächlich meine erste Gitarre mit Arne, unserem Schlagzeuger, zusammen gekauft. Da waren wir aber schon 17 oder 18. „Electric Guitar“ spielt eher in dem Alter von 13.

Wenn man mit 17, 18 eine Gitarre kauft, dann schon mit dem Vorsatz, eine Band zu gründen, oder?

Ja, das haben wir auch gemacht, zwei sogar. Aber richtig interessant wurde es tatsächlich erst, als wir Dirk kennenlernten.

Warum jetzt dieser biografische Ansatz?

Es hat bestimmt mit dem Alter zu tun, weil man es jetzt wagen kann zurückzublicken und auch die notwendige Distanz zur Kindheit und zur Jugend hat. Es gibt aber auch künstlerische Gründe. Schon mit dem letzten Album, dem roten, haben wir begonnen, uns wieder für eine einfachere Sprache zu interessieren. Dafür ist das autobiografische Thema sehr geeignet.

„Ist das wirklich bandtauglich?“

Wie diskutieren Sie das in der Band?

Grundsätzlich kommt schon Dirk mit den Songs an, meist schon, wenn wir noch auf der Tour für das jeweils aktuelle Album sind. Es gibt wenig Pausen im Leben dieser Band. Das autobiografische Thema hat sich herausgebildet. Bei mir gab es erst einen kurzen Moment des Bedenkens: Ist das wirklich bandtauglich, oder rückt es zu sehr den Sänger in den Vordergrund? Aber das verging schnell.

Sie sind, heißt es, der Lektor der Texte?

„Lektor“ klingt jetzt ein bisschen hochstaplerisch, weil ich keine Ausbildung dafür habe. Aber ich bin in Sachen Texte schon der erste Ansprechpartner von Dirk, und so habe ich die schöne, auch verantwortungsvolle und manchmal bestimmt nicht einfache Aufgabe, darüber zu urteilen. Ich schreibe nicht selbst, aber spreche mit ihm darüber, wo man was ändern könnte und wie man besser zum Kern der Sache vordringen kann.

Die Songs haben Sie chronologisch aufgenommen?

Unser Produzent Moses Schneider hatte die – an sich naheliegende, uns aber nicht gekommene – Idee, dass das Album chronologisch geordnet sein sollte. Wir hatten eher im Kopf, dass auch dieses Album nach musikalischen Gesichtspunkten geordnet werden sollte. Und er kam auf die Idee, die Songs eben auch in dieser Reihenfolge aufzunehmen. Das war sehr gewinnbringend, weil so die Stücke wirklich aufeineinander reagieren und wir zu Ergebnissen gekommen sind, die wir sonst nicht erreicht hätten.

Zum Beispiel?

Wenn man zum Beispiel wie hier Stücke wie „Hey du“ und „Ich lebe in einem wilden Wirbel“ direkt hintereinander hat, beide in schnellem Tempo, darf man sich nicht wiederholen, muss die Stücke unterschiedlich arrangieren, zum Beispiel einen neuen Basslauf ausprobieren …

Man kann nicht schummeln.

Ja, genau. Man muss tiefer in die Materie gehen, was sehr schön ist.

Und so wurde es auch eine musikalische Zeitreise?

Ja, weil die Musik sich auf die Musik bezieht, die wir zu jener Zeit gehört haben, von den Beatles der Kindheit über eher krachige Sachen der Jugend wie Hüsker Dü und Dinosaur Jr. bis zur Gegenwart. Es ist tatsächlich beim Hören so, als würde man sich auf eine Reise begeben. Und man kommt verändert heraus – wenn man sich denn für unsere Musik interessiert.

Im Pressetext wird die Band zitiert mit den Worten: „Im Blick zurück erkunden wir die Zukunft. Die Rückkehr muss zur Befreiung führen.“ Wie befreiend war es denn?

Die Befreiung ist bestimmt nicht abgeschlossen. Aber was ich interessant fand, war, dass, obwohl wir uns so lange und so gut kennen, wir uns beim Reden über die Themen noch einmal neu und auch besser kennengelernt haben. Und natürlich gewinnt man bei der Beschäftigung damit, wer man ist und wie man geworden ist, wer man ist, auch Einsichten für die Zukunft.

Wie sieht diese Zukunft aus?

Das weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass wir eine aufregende Zeit vor uns haben. Man ist ja auch, wenn es das zwölfte Album ist, immer noch aufgeregt. Dieses Album bestimmt das nächste Jahr. Wie es weiter geht, wird sich zeigen.

Bis zur Unendlichkeit und dann weiter?

Ja, genau.

Tocotronic live: am 14. März im Capitol. Karten (36,15 Euro) gibt es in den NP-Ticketshops.

Von Stefan Gohlisch

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 00:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Kultur “Gilgamesch“ als Comic-Abenteuer - Die Abenteuer des ersten Superhelden

Vom mächtigen Herrscher und seinem wilden Freund: Jens Harders Comic “Gilgamesch“ greift das älteste überlieferte Epos der Menschheit auf. Er wirkt hier wie ein moderner Actionthriller.

04.02.2018

Der offenen Brief hat es in sich. Der frühere Burgtheater-Regisseur Matthias Hartmann soll einst an der berühmten Wiener Schauspielstätte eine „Atmosphäre der Angst“ verbreitet haben, heißt es in dem Schreiben. Hartmann sieht darin eine Intrige gegen seine Inszenierung „Lazarus“.

03.02.2018
Kultur Menschen im Museum - Immer im Bilde

Der österreichische Fotograf Stefan Draschan durchstreift Europas Museen – auf der Suche nach Ähnlichkeiten zwischen Betrachter und Kunstwerk. Was er findet, sind verblüffende Analogien. Aber für den richtigen Moment bleiben ihm oft nur Sekunden.

03.02.2018