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Kultur Theater – mittendrin statt nur dabei
Nachrichten Kultur Theater – mittendrin statt nur dabei
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00:18 15.01.2018
Schräg: Das Publikum sitzt bei „Extrem laut und unglauiblich nah“ auf der Bühne; Die Schauspieler agieren um sie herum. Quelle: Katrin Ribbe
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Hannover

Im Foyer gibt es eine Sicherheitseinweisung: Jacken und Taschen sind einzuschließen. Wer Probleme mit Höhen und mit Enge habe, melde sich bitte. Und – dieser Satz muss einfach fallen, und bei ihm muss Mina Salehpour selber lachen: „Den Anweisungen des Personals ist Folge zu leisten.“ Ja, es ist eine besondere Inszenierung, zu deren Probe die Regisseurin eingeladen hat. Das hat auch bizarre Momente.

Salehpour bringt im Schauspielhaus den Roman „Extrem laut und unglaublich nah“ des US-Amerikaners Jonathan Safran Foer auf die Bühne – und nicht nur das: Denn auf der Bühne, auf Drehstühlen, damit sie ja nichts verpassen, sitzen schon die Zuschauer, und die Schauspieler agieren mitten unter ihnen, am Rande oder in den Galerien des Bühnenhimmels, bis zu drei Etagen hoch, mit dem Fahrstuhl rauf und runter oder polternd die Treppen nehmend.

Theater im Bühnenturm

Die turmhohe Maschinerie des Theaters, mit seinen Podesten und Seilzügen, Vorhängen und Scheinwerferbatterien, sowieso schon ein Faszinosum, wird zur Metapher der Metropole New York. Hier spielt Foers Roman, hier schickt er seinen kindlichen Helden Oskar auf die Suche nach den Spuren seines in den Anschlägen von 9/11 gestorbenen Vaters und letztlich nach sich selbst. Und hier wird die Enge der Großstadt, die Angst des Jungen vor Menschenmassen greifbar, wenn er sich durch die Stuhlreihen schlängelt.

Das Publikum wird an diesem Freitagvormittag Zeuge einer „Korrekturprobe“, oder, wie Salehpour es nennt, „unserer üblichen, furchtbaren, öden Probenarbeit“. Abläufe und Einsätze müssen einstudiert und hinterfragt werden, Wege getestet, die Beleuchtung überprüft, Ton-Einspielungen richtig getimt werden. Mal geht es nur darum, wie die Schauspieler Sandro Tahouri, Katja Gaudard und Beatrie Frey als Passanten synchron ihre Regenschirme auf- und zuklappen, manchmal um Details des Sprechens: Einmal erzählt Daniel Nerlich als Oskar vom „furchtbarsten Tag“ und dass nicht einmal ein Körper seines Vaters übrig geblieben sei. Einmal schreit er es, einmal plaudert er es beinahe hinaus, in prosaischer Fassungslosigkeit. „Ich glaube, das ist besser“, findet er, findet auch die Regisseurin.

Es wird eng

Fünf Wochen lang hat das Ensemble im Probenzentrum in Bornum gearbeitet. Am 2. Januar war im Schauspielhaus die sogenannte Bauprobe im Bühnenbild von Andrea Wagner. Für das Publikum sind in dieser Inszenierung nur 240 Sitzplätze vorgesehen, anstatt der bis zu 613 im regulären Zuschauerraum. In dieser Probe soll geguckt werden, ob auch alles passt.

Und wie wohl oder unwohl sich die Zuschauer fühlen. Einmal fahren all jene in der Mitte der Bühne nach unten, eine, zwei Etagen tief, von unten pfeift sie Zugluft, von oben senken sich die Seilzüge, Bühnenarbeiter haben vorher schon Absperrgitter aufgestellt. Es ist eine beklemmende Atmosphäre, eine sehr intensive Übersetzung des Leidens von Oskar.

Ein bisschen unheimlich soll es sein, aber nicht vollends beängstigend. das ist Salehpour wichtig, die sich mit ihrem Hang zu magischem Realismus einen Namen gemacht hat und in Hannover schon Foers Debüt-Roman „Alles ist erleuchtet“ sehr poetisch inszenierte.

Vielversprechend ist dieser Vormittag. Eine Durchlaufprobe bietet er nicht. Aber einen Einblick darin, wie viele Zahnräder ineinander greifen müssen, dass der Zauber des Theaters geschieht. Für „Extrem laut und unglaublich nah“ darf man eine Prognose wagen: Es wird extrem spannend, denn man ist unglaublich nah dran.

Die Premiere

„Extrem laut und unglaublich nah“ feiert am 20. Januar ab 19.30 Uhr im Schauspielhaus Premiere. Das Publikum ist gehalten, eine halbe Stunde vorher zu erscheinen.

Mehr zum Stück erfahren Sie hier.

Von Stefan Gohlisch

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