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Nachdenklich: Martin Laberenz posiert neben einem Foto von seinem Tartuffe, Schauspieler Hagen Oechel.

Nachdenklich: Martin Laberenz posiert neben einem Foto von seinem Tartuffe, Schauspieler Hagen Oechel.
© Florian Petrow

NP-Interview

Tartuffe im Kunstraum Bühne

Ein Stück über Lüge, Wahrheit und Spiel ist Molières „Tartuffe“. Martin Laberenz inszeniert es am Schauspiel Hannover. Ein Interview.

Hannover. Zuletzt stemmte Martin Laberenz am Schauspiel Hannover das Mammut-Projekt „Die Brüder Karamasow“. Nun hat seine Inszenierung von Molières „Tartuffe“ Premiere. Ein Gespräch über Lüge, Wahrheit und Spiel.

Kommt nach Ihrer Dostojewski- jetzt die Molière-Phase?

Na, das weiß ich noch nicht. Es ist ja erst der zweite, den ich mache. Dostojewski war wirklich eine Phase; das hat persönliche Gründe, aus der zeit, als ich ihn mit 17, 18 las, auch als Reaktion auf mein Elternhaus, das sehr bildungsbürgerlich geprägt war. Da ging es um Thomas Mann, Schiller und Goethe. Die Russen mochte mein Vater nicht so. Ich habe darin aber viel gefunden. Bei Molière und seinen Techniken habe ich mich immer schon für andere Stücke bedient.

Wie war Ihr Erstkontakt?

Etwas von ihm gesehen habe ich, glaube ich, erstmals, als ich Hospitant am Bochumer Schauspielhaus war, konnte aber noch wenig damit anfangen, weil der Molière – und das merke ich auch jetzt wieder bei der Arbeit – eine vorbürgerliche Commedia-dell-’arte-Tradition pflegt. Die reinen Probleme auf der Bühne sind alles, was man hat. Wenn man sich darauf nicht einlässt und sich in psychologisches Spiel rettet, bekommt man nur eine entschärfte Version von Molière. Er war ein Bühnentier: Er führte seine eigene Truppe, schrieb die Stücke, entwickelte sie zum Teil erst beim Spielen, spielte selbst die Hauptrollen – das ist ein Theaterverständnis, das sich massiv von dem unterscheidet, was heute Konsens ist. Es geht um den konkreten Moment; die Komplexität kommt nicht über den Gedanken, sondern den Körper des Schauspielers.

Es hatte damals aber eine ganz große Sprengkraft.

Ja, weil er sich direkt auf die Umstände bezog, auf die Adligen, die Bürgerlichen seiner Zeit. Das ist heute nicht mehr gegeben. Eigentlich müsste man ihn komplett neu schreiben.

Stattdessen ist er Teil des literarischen Kanons. Wie gehen Sie damit um?

Was heißt das für die Bühne? Dass es nicht darum geht, eine Haltung, die dem Text vermeintlich eingeschrieben ist, zu bebildern, sondern mit dieser Haltung in die Situation zu gehen und diese beiden Dinge miteinander zu verbinden. Das kann Funken schlagen. Es ist aber schwierig dahinzukommen: nämlich zum Beispiel den Naturmenschen Hagen Oechel, also meinen Tartuffe, in den Kunstraum Theater zu verlängern. Im besten Fall kommt man in ein Stegreifspiel. Das aber lässt sich schlecht reproduzieren.

Wie sieht dieser Kunstraum Bühne aus?

Es ist, ohne zu viel verraten zu wollen, eine Bühne auf der Bühne, mit gewaltigen Dimensionen. Von den Ausmaßen her ähnlich wie bei Karamasow, eine fast kathedralenhafte Situation.

Das heißt, dass Sie auch die religiösen Bezüge des Stoffs herstellen?

Nein, es gibt keine klaren religiösen Zeichen, weil ich in diesem Stück weniger Glaubensprobleme sehe, sondern ein Phänomen, das die gesamte Gesellschaft durchzieht: Was ist die Lüge, was ist die Wahrheit? Inwiefern ist die Unterscheidung nicht schon längst korrumpiert, und wer am besten lügt, sagt die Wahrheit? Woran man glaubt, ist nicht nur religiös konnotiert, und die Wahrheit hat es schwer. In dieser Hinsicht ist der Tartuffe der am klarsten denkende Mensch auf der Bühne.

Da sind wir bei einer hochaktuellen Debatte. Wie werden Sie das verhandeln?

Ich werde es nicht hochaktuell verhandeln. Ich werde es nicht verheutigen. Mich interessieren eher die Spieler, die sich kraft ihrer Kunst und ihrer Intelligenz auf der Bühne durchzusetzen versuchen.

Der Betrug ist ein mehrdimensionaler: eine Lüge in der Lüge in der Lüge und das Ganz auch noch in einer Theaterszenerie, die auch immer eine Lüge ist.

Das ist richtig. Und dann gibt es noch diese Person des Orgon, der seine eigentliche Rolle, die des Vaters, gar nicht mehr ausfüllt. Die alten hierarchischen Vorstellungen sind brüchig geworden, vielleicht auch durch einen exzessiven Gebrauch dieser Ordnung. Und je mehr Widerspruch an der von ihm geförderten Person des Tartuffe entsteht, umso mehr muss er sie durchsetzen. Wie eine kindliche Trotzhaltung, die sich selbst absolut setzt.

Sie arbeiten wieder mit einem relativ großen Ensemble, das zu großen teilen deckungsgleich ist mit der Karamasow-Besetzung. Ihre Wahl?

Ich finde, es ist eine Super-Mischung. Mit Hagen Oechel zum Beispiel habe ich nie gearbeitet, kenne ihn aber noch aus Leipziger Zeiten und finde ihn super. Sarah Franke ebenso. Und das waren auch schon die Neuen. Es ist mir auch wichtig, eine angefangene Arbeit weiterzuführen.

Es fühlt sich für Sie an wie eine Kontinuität?

Ja. das ist zwar schwer zu behaupten; immerhin liegt ein Jahr dazwischen, und damit liegen auch viele andere Arbeiten dazwischen. Trotzdem geht es schneller. Aber ich arbeite auch total gerne mit Menschen, die ich noch nicht kenne.

Sie klingen nicht danach, als seien Sie danach mit dem Molière fertig.

Nein. „Don Juan“ zum Beispiel ist noch ein toller Stoff. „Menschenfeind“ ist ein toller Stoff. Mich interessiert auch seine Biografie, die sehr finster ist. Dieser zwang, liefern zu müssen. Damit bin ich noch lange nicht fertig.

Ihre „Brüder Karamasow“ dauerten fünfeinhalb Stunden. Wie lange wird es diesmal?

Nicht so lange. Vielleicht drei Stunden. Aber nageln Sie mich nicht darauf fest.

Von Stefan Gohlisch


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