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„Tanner geht“: Journalist begleitete Mann in den selbstgewählten Tod

Ulrich Tanner will nicht mehr, und er kann nicht mehr. Den unheilbar Kranken erwartet ein qualvolles Ende. Noch kann er allein leben, aber seine Schmerzen sind schon jetzt unerträglich. Er schläft kaum noch, sein Zustand verschlechtert sich spürbar.

Er leidet an Parkinson, an Aids, auch an Krebs. Er möchte so nicht mehr weiterleben und auf eine Verschlechterung seines Zustandes, die Zunahme der Schmerzen und das Ende seiner Selbstständigkeit, warten. Der 51-Jährige möchte sterben und wendet sich an die Sterbehilfeorganisation Dignitas.

In den letzten Monaten seines Lebens empfängt er mehrmals den Berliner Journalisten Wolfgang Prosinger zu Gesprächen, in denen er seinen Todeswunsch begründet und über sein Leben erzählt. Mehrfach möchte Tanner den Kontakt abbrechen, aber dann trifft er sich doch wieder mit dem Reporter. Er zieht Bilanz, so wie es seine Art ist: nüchtern, kühl, wohlüberlegt.

Prosinger porträtiert eine beeindruckende Persönlichkeit. Der gebürtige Schweizer, ein ehemaliger Modellbauer, durchlebte im wohlhabenden Züricher Bürgertum eine traumatische Kindheit. Er war hilflos einem tyrannischen, gefühlskalten Vater ausgeliefert. Ihn suchten immer wieder schwere Krankheiten und Schicksalsschläge heim. Aber Tanner (der Name ist ein Pseudonym) berichtet davon ohne jede Wehleidigkeit, betont auch die glücklichen Phasen seines Lebens. Er überlegt sich genau, wie oder ob er überhaupt Abschied nehmen soll von seinen Freunden: Wie muss er, der zeit seines Lebens immer sehr rücksichtsvoll gegenüber anderen war, sich verhalten, um sie nicht allzu sehr zu belasten? Tanner entscheidet sich für Offenheit und muss nun alle Versuche seiner Freunde abwehren, ihn von seinem Entschluss abzubringen. Er hat alles bedacht, seine Hinterlassenschaft geordnet, sich sein Grab ausgesucht – da stellt ein neues Schweizer Gesetz das Vorhaben infrage, Tanner wird panisch, er will nicht warten, bis er nicht mehr in der Lage ist, seinen Entschluss in die Tat umzusetzten.

Der Autor bewegt sich mit bemerkenswerter Sicherheit auf dem schmalen Grat zwischen Einfühlung und Distanzierung. Prosinger kommt dem Sterbewilligen nahe, aber bleibt immer in der Position des Beobachters – und lässt auch nur am Rande Einblicke in seine eigene Befindlichkeit zu. Über Tanners letzte Stunden müssen ihm die Vertrauten des Sterbewilligen berichten – bei seinem letzten Weg kann und will er Tanner nicht begleiten. Und manche Ereignisse berichtet er aufgrund der Erzählung von Tanners Vertrauten.

Unterbrochen ist dieser Bericht vom Sterben eines Einzelnen durch Kapitel, in denen der Autor ganz sachliche, allgemein gehaltene Überlegungen anstellt, etwa über den Verlauf der deutschen Debatte um Sterbehilfe oder über die Entwicklung der Hospizbewegung.


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