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Kultur Stehender Applaus im Kuppelsaal
Nachrichten Kultur Stehender Applaus im Kuppelsaal
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16:22 08.11.2018
Toller Auftritt: Die Russische Nationalphilharmonie im Kuppelsaal – hier bei der Probe Quelle: Moritz Frankenberg
Hannover

Da schlurft einer ans Piano, weißes Hemd, schwarze Hose, schlaksig, Nerd-Brille, im klassischen Konzert ist man anderes gewohnt. Auch wie hier Tschaikowsky gespielt wird. Denn was Lucas Debargue im Kuppelsaal mit dem berühmten 1. Klavierkonzert macht, ist mindestens ebenso außergewöhnlich.

Wie auch seine Biografie, die allein für ein Biopic reichen würde. Mit elf hat der Franzose sich das Klavierspielen irgendwie selbst beigebracht, dann aufgehört und Kunst und Literaturwissenschaft studiert, dann immer wieder mal auch ein bisschen Jazz gespielt – bis ihn eine versierte Klavierlehrerin entdeckte und fit machte für den großen Tschaikowsky-Wettbewerb in Moskau. Den er gleichsam auf dem vierten Platz gewonnen hat, die internationale Karriere spricht für sich.

Warum, das zeigte er im gut besuchten Kuppelsaal. Ausdrucksgrenzen und auch die manueller Art scheint es für ihn nicht zu geben. Das hier ist Tschaikowsky auf Champagner statt auf Wodka, auf jeden Fall trunken. Und in diesem Zustand macht man bisweilen ziemlich verrückte Sachen. Wie Lucas Debargue die berühmten Akkordsalven im dritten Satz herunterrattert, da müssen selbst berühmtere Kollegen in Deckung gehen. Aber darauf kommt es ihm nicht an, Tschaikowsky wird hier nicht hochvirtuos und bullig gedonnert, wie man es sonst immer noch gerne macht.

Das Konzert kommt vergleichsweise elegant daher, die solistischen Passagen werden fast geswingt, ganz entspannt, als sitze hier ein Barpianist am Klavier – mit einem Diskant wie eine Spieluhr. Nirgends und schon gar nicht im Andantino kommt Sentimentalität auf. Und man hört Details, auch im Zusammenspiel mit dem Orchester, die mindestens neu, in jedem Fall aber faszinierend sind.

Wie gut die Russische Nationalphilharmonie unter Vladimir Spivakov ist, zeigt sie im zweiten Teil des Konzerts mit einem sanft und streichersatt geschmachteten „Kuss der Fee“ von Strawinsky und vor allem der „Dornröschen“-Suite von Tschaikowsky, dessen sonst eher heruntergehudelte Ballettmusik hier sinfonische Wucht und Würde bekommt.

Der Zugabenblock ist üppig und präsentiert das Orchester als Präzionsmaschine mit überragenden Blechbläsern, wenn da schon fast zirkusmäßig auf den Punkt Chatschaturjan („Maskerade“), Schostakowitsch („Intermezzo“) und Schnittke („Pas de deux“) nachgeliefert wird. Stehender Applaus und Blumen aus dem Publikum für Vladimir Spivakov.

Von Henning Queren

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