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Kultur Sophie Hunger über ihr neues Album „Molecules“
Nachrichten Kultur Sophie Hunger über ihr neues Album „Molecules“
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13:56 31.08.2018
Zum Haareraufen: Sophie Hunger. Quelle: Marikel Lahana
Hannover

Mit Jazzfolk wurde Sophie Hunger (35) zum wichtigsten zeitgenössischen Pop-Export der Schweiz. Nun hat es die Weltbürgerin nach Berlin verschlagen. Unter den Einflüssen der dortigen DJ-Kultur und von Krautrock entstand ihr neues Album „Molecules“. Ein Interview,

„Molecules“ ist ein sehr elektronisches Album geworden. Wie kam es dazu?

Ich habe in LA eine Schulung für Soundsoftware gemacht. Und wenn man nach so einem Lehrgang nach Hause kommt, will man das ja immer gleich anwenden. Ich wollte ein Album am Computer machen. Hinzu kommt: Seit ich in Berlin bin, habe ich begonnen, Krautrock zu hören, und ein paar Synthesizer gekauft. Ich wollte auch alleine arbeiten, wie im Monolog. Und weil ich dazu neige, zu viele verschiedene Sachen zu machen, habe ich mir ein paar Regeln aufgestellt.

Nämlich?

Dass ich nur vier Elemente nutzen darf: Synthesizer, programmierte Beats, eine Gitarre und Gesang.

Blieben Sie dabei?

Wir haben das Album in sechs Wochen aufgenommen. Und an drei Tagen ist noch jemand für ganz spezifische Sachen hinzugekommen. Aber es waren nie andere Instrumente beteiligt.

Gab es Songs, die sich gegen diese Behandlung gesperrt haben?

„That Man“ war nicht ganz einfach. Da mussten wir tricksen. Wir haben schließlich einige Phrasings auf der Gitarre aufgenommen, Effekte darübergelegt, und ich habe sie per Keyboard abgespielt.

David Bowie hat in Berlin auch eine elektronische Phase gehabt. Waren das jetzt ihre Bowie-Jahre?

Es waren Sophie-Hunger-Jahre. Aber natürlich hat die Stadt einen Mega-Einfluss gehabt. Es ist ein bisschen ein Klischee: Es gibt in dieser Stadt keine Bandszene. Dafür ist die elektronische Szene unglaublich reich. Auch viele internationale DJ-Stars leben hier. Es wird einem das Sahnehäubchen präsentiert. Als ich herkam, bin ich in eine Clique reingerutscht, die das sehr gefeiert hat.

Und Sie haben – wie es in der einzigen deutschen Zeile auf „Molecules“, im Song „Electropolis“, heißt – Trost in den Sünden Berlins gefunden?

Ja, genau.

Wieso singen Sie auf dem Album fast ausschließlich englisch?

Auch das war eine Regel, die ich mir aufgestellt habe. Man kann sich schließlich immer ganz gut verstecken, wenn man wie ich bislang mehrsprachig singt.

Aber versteckt man sich nicht viel mehr, wenn man nicht in seiner Muttersprache singt?

Wenn man sich meine Plattensammlung anschaut, besteht die zu 95 Prozent aus englischer oder amerikanischer Musik. Mit dem Verstecken meine ich, dass man einem Vergleich ausweicht, wenn man in der Musik eine andere Sprache nutzt. Und ich wollte immer mal ohne Kompromisse ein englisches Album machen.

Das Album klingt, als dokumentiere es eine Trennung. Ist das so?

Ja, das war so. Ich hatte zunächst die Regeln, dann zwei Lieder, „Let it come down“ und „Sliver Lane“, und dann kam es zu der Trennung, und ich habe den ganzen Rest geschrieben. Es war eine fragile Zeit.

Wie leicht oder schwer ist es Ihnen gefallen, diese Sachen dann auch herauszubringen?

Ich glaube, da hat mir die elektronische Musik geholfen, weil sie ein wenig kalt ist. So konnte ich im Gesang ein wenig mehr aus mir herausgehen. Wenn es klassische Klavierstücke gewesen wären, hätte ich mich so sehr geschämt ... (lacht) das wäre zu viel gewesen.

Es war – das klingt in „Cou Cou“ an, wo sie noch einmal ein Schlaflied singen – offenbar auch eine Trennung mit Kindern ...

Ich musste das machen, was nie weg geht, wie eine Statue für die Beziehung zu diesen Kindern. Da ich nun mal keine Bildhauerin bin, habe ich dieses Lied gemacht.

Um einen anderen Abschied geht es in „That Man“, wo Sie singen, dass Sie ihren Vertrag erfüllt haben und nun machen können, was Sie sollen. Was steckt dahinter?

Das ist ein Rückblick in die Zeit vor diesem Album, wo vieles zu Ende gegangen war, und ich dachte: Vielleicht kommt jetzt ein anderes Leben. Und mir die Frage stellte: Wie lange mache ich das noch mit diesem Lotterleben und dem ständigen Reisen? Ich sah eine Alternative im Zusammenhang mit dieser Person.

Und dann kommt das Leben dazwischen?

Ja, und man steht wieder am Anfang.

Sie bleiben aber vorerst in Berlin?

Ich glaube schon. Wobei ich im Moment so viel unterwegs bin, dass es fast egal ist, wo ich wohne. Ich habe auch noch ein Zimmer in Paris und nicht wirklich einen Lebensmittelpunkt.

Über einen Song müssen wir noch sprechen, den ersten, „She makes President“. Ist das ein Hillary-Clinton-Song?

Die Zeile habe ich in einem Bericht gehört, in dem es darum ging, dass die Frauen in den USA das Zünglein an der Waage spielen. Eigentlich wollte ich aber ein Lied schreiben, das allgemein eine moderne, starke Frau porträtiert.

Weil Sie die moderne Frau ansonsten unterrepräsentiert finden?

Es hat gar nicht unbedingt einen politischen Hintergrund. Wahrscheinlich geht es auch um mich in diesem Lied. Wie man das halt zusammenbastelt.

Wie werden Sie das Album live zusammenbasteln?

Ich habe eine neue Gruppe. Wir sind zu viert. Viele spielen Synthesizer, aber auch andere Instrumente; wir wollen schließlich auch ältere Songs spielen. Es war ein bisschen Arbeit, das homogen zu vermengen. Aber ich glaube, es wird gut.

So fremd sind Sie Ihrer alten Musik ja auch gar nicht geworden. So gibt es zum Beispiel diese fast volkstümlichen Rhythmen in „Sliver Lane“ ...

Danke, dass Sie das sagen. Ich habe bei den ersten Reaktionen schon gedacht: Ist das Album so krass anders?

Auf Ihrer Tour spielen Sie in nur wenigen Städten, dann aber immer gleich mehrfach und in unterschiedlichen Clubs. Was ist die Idee dahinter?

Ich finde es besser, ein paar Tage in der Stadt zu sein. 2013 haben wir das schon mal in Berlin gemacht, und es war die beste Woche meines Lebens. Es ist total ineffizient, und das finde ich irgendwie gut.

Das wirkt ein bisschen, als haderten Sie mit dem calvinistischen Schweizerischen.

Davon hat es vielleicht etwas.

Und warum ist Hannover nicht dabei?

Wahrscheinlich wird es irgendwann auftauchen. Wir werden ja nicht alle zu Weihnachten nach Hause gehen und den Laden dicht machen.

Von Stefan Gohlisch

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