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Kultur Sommernachtstraum in Herrenhausen
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12:45 01.08.2010
Ein Kerl zum Verrückwerden: Puck (Felix Martin) im Sommernachtstraum. Quelle: Steiner

VON MATTHIAS HALBIG

Sommernachtstraum“ 2010: Sagt Thisbe altertümelnd „du meiner Treu“, kommt sie als nächstes schon neuderbdeutsch mit „fick dich ins Knie, Welt!“ um die Ecke. Es gibt eine Üstra im „Traum“-Athen, und der erwachende Demetrius bekundet seine unermesslich große Liebe zu Helena mit Lenas Eurovisionshit: „Love oh love, I gotta tell you how I feel about you ...“ Shakespeare wurde noch mal kräftig durchgeschüttelt von Heinz Rudolf Kunze (Text) und Heiner Lürig (Musik). Das Update ihres Musicals von 2003 hatte gestern unter Regie von Christian von Götz in den Herrenhäuser Gärten Premiere.

Die Handlung in Kürze: Junge Liebe in Athen. Die Alten mischen sich ein, das zeitigt selten Gutes. Flucht der Liebenden in den Wald, wo sich auch noch ein streitlustiges Fabelwesenfürstenpaar einbringt und der dreiste Kobold Puck mit Zauberkraut Verwirrung stiftet, bis sich selbst Elfenchefin Titania (sinnlich: Anke Fiedler) mit einem Esel (dem verzauberten Küfer Bottich), verlustiert. Dann: Ende gut für alle Paare. Ach ja, Bottichs Handwerkerschar plant ein Drama zu Theseus Hochzeit aufzuführen. Dieses Theater im Theater wirkt anfangs aufgesetzt, spätere Auftritte der Truppe geraten indes höchst vergnüglich.

Eine Spaßgesellschaft, bringt von Götz auf die Bühne. Party ist bei den schicken Herzogs, und auch im etwas schmal bevölkerten Feenreich wirds bunt getrieben, wobei freilich keine einzige wirklich aufregende Tanzszene geboten wird. Viel wird auf der Bühne gelacht und gesungen, und es sind die kraftvollen Frauenstimmen, die gefallen (Mirja Regensburg als Helena und Milica Jovanovic als Hermia).
Die Kostüme der Elfen und Kobolde sind Feendisko, Fantasy-Fasnacht. Die alten Gewänder waren vielfältiger, fantasievoller. Dafür erscheinen die neuen Waldgeister richtig andersweltig, ein Stamm wie die N’avi im „Avatar“-Film. Erotisch aufgeladen wirken sie, gefährlicher als ihre Vorgänger in ihren ruckartig vogeligen und katzenhaft geschmeidigen Bewegungen. Der Puck ist heute wie damals Trumpf: Jens Krause war ein androgyner Fex. Felix Martin ist ein durchgeknallter Faun, der die lange Zunge tanzen lässt, als wär er Kiss-Bassist, der die Augen zum Silberblick rollt und allzeit kichert und gluckst. Zuviel gluckst, mit Verlaub.

Die Athener dagegen tragen heutige Garderobe, was die Forderung des Vaters Egeus nach dem Tod seiner Tochter (nur weil die den vorgesehenen Bräutigam verweigert) anachronistisch wirken lässt. Sind wir hier in einer Welt mit Zwangsverheiratung und Ehrenmord? Wer hat da die Macht in Athen? Das künstliche Lachen von Theseus (Timo Ben Schöfer spielt auch den Oberelf Oberon) lässt ahnen, dass der Chef hier sonst keiner fürs gemütliche Kirschenessen ist.

Die Musik zum Liebesreigen ist wohlfeiler Rock, gespielt von einer Liveband. Lürig hat Arrangements geändert, die Songs sind die selben. Schöne Songs, mal sind Jethro-Tull-Einflüsse zu hören, dann Irish Folk. Und als gegen Ende der abgewandelte Kunze-Klassiker „Dein ist mein ganzes Herz“ anhebt, wird rhythmisch geklatscht.

Und der Himmel? Blau! Tags davor bei der letzten Generalprobe wars eine Sommernachtstraufe gewesen. Die Schauspieler räkelten sich in nassem Kies, das Publikum saß in (Dank dafür!) bereitgestellten Folienponchos, aufgereiht auf Stühlen wie gelbe Säcke in Erwartung der Müllabfuhr. Trockene haben mehr Spaß.

Besonders vor Hannovers schönster Grünkulisse. Shakespeare wollte eventuellen Kritikern seines Stücks ja den Gedanken schmackhaft machen, im Falle der Ablehnung den „Traum“ nur als Traum zu nehmen. Elisabethanisches „Inception“. Bei von Götz hofft der Puck indes auf Beifall aller. Und kriegt ihn auch. Die Hände freuen sich aufs Aufwärmen beim riesigen Schlussapplaus. Einige Bravos gibts auch. Hannover liebt sein neues altes Musical.

Bis 5. September 19 Termine.
www.hannover-concerts.de

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