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Mit Tattoos und Temperament: Frontfrau Jennifer Weist rockt mit Jennifer Rostock die Swiss-Life-Hall.© Wilde

Konzert

So waren Jennifer Rostock in der Swiss-Life-Hall

Genau in diesem Ton: Trinkfreudig, selbstbewusst und rotzig frech zeigten sich Jennifer Rostock bei ihrem Hannover-Konzert in der Swiss-Life-Hall.

Hannover. „Zickezacke, zickezacke“, röhrt Jennifer Weist genau in diesem Ton, der keinen Widerspruch erlaubt. Und das Publikum antwortet brav: „Hoi, hoi hoi!“ Also noch ein Schnäpschen für die Band da oben, für Jennifer Rostock. Wer sagt denn, dass Arbeit keinen Spaß machen kann? Eben. Partystimmung in der Swiss-Life-Hall.

„Was wir fühlen, passt in drei, vier Popsongs“, singt Weist. Manchmal genügt das. Hier gibt es ein Angebot aus NDW-Anklängen (zum Beispiel „Neider machen Leute“), Glam-Punk (der Opener „Baukräne“) und hymnischem Elektropop („Deiche“). Das ist nur einen Hauch Punk-Attitüde von all den Julis, Silbermonds und Frida Golds dieses Landes entfernt, auf Konserve eher egal, live aber ein rabiates Fest. Mit gelebtem Hedonismus gegen Sexismus und Rassismus.

Weist zeigt ausgeprägte Entertainer-Qualitäten und auch sonst gerne, was sie hat: eine ausgeprägte Abneigung gegen das, was man gemeinhin als dezente Kleidung betrachtet. Dafür ihren Körper und viel dicht an dicht bemalte Haut.  Warum auch nicht? Als die Schotten-Rocker Biffy Clyro vor ein paar Tagen halbnackt dieselbe Bühne bespielten, hat ja auch keiner gemeckert. „Manchmal“, sagt Weist, „stehe ich vor dem Spiegel und denke: Geil, das ist ja mein Körper.“

Zwischen Party-Parole und Gesellschaftskritischem, zwischen „Wir waren hier“ und „Wir sind alle nicht von hier“ liegen manchmal nur  noch ein Schnäpschen (und hier die Pause vor den Zugaben): „Wir teilen uns diese Erde, komm, wir teilen uns noch ein Bier.“ Zechen gegen Ausgrenzung hat im deutschen Pop Tradition seit Udo Jürgens und seinem „Griechischen Wein“.

Acht der 18 Lieder des Abends kommen vom aktuellen Album „Genau in diesem Ton“; der Rest ist ein Best-of aus auch schon zehn Jahren Bandgeschichte, von „Kopf oder Zahl“ bis „Schlaflos“. Das hätte bis vergangenen Herbst für das Capitol gereicht. Dann veröffentlichten Jennifer Rostock – pünktlich zu Album-Release und Vorverkaufsstart – den bitterbösen viralen Hit „Wählt die Afd“, der millionenfach geklickt wurde. das Konzert wurde in die größere Halle hochverlegt. 3500 sind da. Kalkül oder Überzeugung? Wahrscheinlich eine Mischung. Egal. Noch ein Schnäpschen.

Ruhig können sie auch: Zu „Irgendwo anders“ und „Jenga“ geht es unplugged auf eine Mini-Bühne beim Mixer. Liebeskummer und Lebenslust, weiblicher Chauvinismus und Agitpop, Konfettikanone und – auf Kommando – 7000 Stinkefinger gegen Nazis. „Wer seine Jugend nicht verschwendet, hat sie schon verpasst“, heißt es in „Uns gehört die Nacht“, das sie heute nicht spielen und das trotzdem wie ein Motto über dem Abend liegt. Die Stimme deckt sowieso alle Facetten von Punk-Schlampe über Metal-Röhre bis Pop-Prinzessin ab.

Ganz zum Schluss geht es noch einmal auf die Center-Stage. Weist performt mit mächtig wackelndem Pöter ihre Macker-Absage „Hengstin“: „Ich seh so viele Männer und so wenig Eier“ – Frauen haben ohnehin mehr davon, und diese Pop-Amazone sowieso. Ja, so geht das heute mit dem Feminismus, genau in diesem Ton. So schlimm ist der nun auch wieder nicht.

Von Stefan Gohlisch


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