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Kultur Senna Gammour ohne Punkt und Komma
Nachrichten Kultur Senna Gammour ohne Punkt und Komma
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00:18 15.02.2018
Nah dran an den Fanns: Senna Gammour im Theater am Aegi. Quelle: Michael Wallmüller
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Hannover

„Sold Out!“, zum zweiten Mal – darüber freut sich Senna Gammour im Theater am Aegi. Die Kreisch-Stafette startet, 1100 fast ausschließlich weibliche Fans stehen Kopf.

Als Star der Casting-Band Monrose hat die Frankfurterin beste Pop-, Party- und Boys-Erfahrungen, die 38-jährige nennt sich die „Frauenbeauftragte 2.0“. Und ihr Thema ist der Liebeskummer, denn der ist „ein Arschloch“. Die paar Männer im Publikum werden von ihr ausgefragt, „Mit wem bist du hier? Mit deinem Onkel?“

Die zwei wenig beschäftigten Background-Sängerinnen kichern die meiste Zeit vor sich hin. „Wer hat Liebeskummer?“, ruft Gammour in die Menge. „Aaaah!“, ertönt ein Schrei. „Schatzi, du hast ein anderes Problem!“ Die Dame hat eine große Klappe, zartbesaitete Besucher müssen schon mal weghören.

Sie trägt bequeme, bauchfreie Jogging-Kleidung und kümmert sich jetzt um Fan Joel, die hat augenscheinlich den größten Liebeskummer weit und breit, weint ob der schlechten Erfahrungen und bekommt für ihren Schmerz eine Tüte mit Schmink- und Duft-„Goodies“ überreicht. „Wie hieß er denn?“, fragt Senna das zierliche Fräulein. „Mustafa“. Gelächter im Rund, „Na warte, der wird heute richtig gefickt!“, verspricht Gammour dem Mädchen.

Sie lässt das Saallicht an, so kann sie das Publikum so besser sehen, allerdings ist diese Schulaula-Atmosphäre schwer zu genießen. Verspannt sitzen die Anhängerinnen in den Reihen, hier wird man schnell man zur Zielscheibe.

Gammour ist selbstbewusst, über ihren Körper redet sie offen und ehrlich: „Meine Cookie – ich liebe sie. Manchmal ist sie eine Nutte, ’ne Bitch und ’ne Zicke“. Beim Binden-Kauf in der Drogerie werde sie jedoch schüchtern: „Warum muss da jetzt ausgerechnet ein Mann an der Kasse sitzen?“

Das improvisierte Gespräch mit Tante Fatima ist ein Brüller. Liebevoll bringt sie ihre Familien-Verhältnisse an den Tag. Das ist für jemanden ohne diesen Migrationshintergrund sicher eine neue Erfahrung.

Instagram-Kenntnisse sind bei ihrer Show von Vorteil. Doch viele Besucher haben nicht nur einen Account bei dem sozialen Netzwerk, sondern gleich mehrere „gefälschte“.

Ghetto-Talk und heftige Schimpfwörter – „behindert“, „Hurensohn“, „Motherfucker“, „Spast“ und „Bastard“; sich selbst nennt Gammour „Kanaken-Braut“. Sie twerkt, also wackelt offensiv mit ihrem Hinterteil, macht richtig Dampf. Die Männlein-/Weiblein-Klischees werden von den Fans mitgemurmelt wie ein Mantra.

Senna ist eine gute Sängerin, leider singt sie nur wenig, dafür leidet der humorige Vortrag unter vielen Witz-Wiederholungen. Nach weit über drei Stunden Comedy und ohne Pause entlässt sie ihre Fans mit vielen guten Liebes-Ratschlägen und einem Bekenntnis: „Ich habe Probleme mit der Komma-Setzung!“ Aber das ist bei Instagram ja wohl egal.

Von Kai Schiering

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