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Kultur Schräger Dreh: Zombies in Barsinghausen
Nachrichten Kultur Schräger Dreh: Zombies in Barsinghausen
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18:27 29.07.2010
"Brainstorming" ist ein Zombie-Film, der im Bahnhof von Barsinghausen spielt.

Von Matthias Halbig

Die Location ist perfekt für Gruseliges, nur gibts keine Dreherlaubnis. Bricht das Filmteam eben ein in den leer stehenden Bahnhof. Eine Frau steht Schmiere, und der Rest macht so schnurstracks Kino, als säße ihnen als Produzent Mephisto im Nacken. Ein Zombiefilm soll hier entstehen, der Regisseur ist Feuer und Flamme, tolle Schockfratzen stellt er sich vor, heraushängende Augen und so. Das Schminkset ist dann aber von der Sorte Clown-Kindergeburtstag, was gleichmal die Dame von der Maske erbost. Bald werden aus Zombiedarstellern richtige Zombies, der Ausweg ist auch versperrt, und dann wird so ein altes Video gefunden. Schon einmal war ein Filmteam im Bahnhof von Barsinghausen, die haben von dem Brackwasser im Keller getrunken. Und sich infiziert. George A. Romeros „lebende Toten“ treffen „Blair Witch Project“ oder so. Lasset alle Hoffnung fahren.

1000 Euro hat Thomas BöhmsBrainstorming“ gekostet, eine Horrorkomödie, ein Film-im-Film-Film obendrein. Das Team hat der 33-jährige Hannoveraner aus dem Publikum der Sneak-Previews im Cinemaxx am Raschplatz rekrutiert. Seit Jahren ist Böhm hier regelmäßiger Gast bei den Überraschungsfilm-Vorführungen und hat deren Moderator Heiko Engel gleich mit ins Boot geholt. Engel taucht ab und zu im weißen Kittel auf wie ein (guter?) Geist, ein Auf-den-Teppich-Holer. Tippt dem im Hurra!-Modus befindlichen Zombiefilm-Regisseur auf die Schulter und fragt besorgt: „Alles okay?“

Das macht er gut, wie überhaupt das Verkrampfte, Fremdschamerregende vieler Laienlichtspiele ausbleibt. Schnoddrig improvisieren Böhms Darsteller lockere Dialogzeilen. Und die Not der trashigen Optik wird zur Tugend gemacht, der Ernst wird mit Humor gebrochen, die Klischees mit Ironie gewürzt. No budget – all smile.

„Ich wollte das schon immer machen“, sagt der Werbefilmer Böhm. „Der Barsinghäuser Bahnhof stand schon zehn Jahre leer, dann machte der Arbeitersamariterbund dort eine Gruselnacht. Und da war die Location klar. Hier konnten wir herumaasen – der Traum jedes Filmemachers.“ Ein Handlungsgerüst gab Böhm vor, ein Drehbuch fehlte bis zum Ende. Man feilte aber am Profil der Typen. Da ist der ahnungsarme Drehbuchautor, der sich kategorisch das Unwichtige notiert, der Regisseur, der bald alles super findet, nur damits vorangeht, die Freaks beim Casting, und die gespreizten Schauspieler – vom affektierten Method Actor zum weinerlichen Typ, der seine Frankenstein-Maske so liebt und sie nicht aufsetzen darf. Eine Schlusspointe à la Monty Pythons „Ritter der Kokosnuss“ macht den 80-Minüter rund.

Die Testvorführung vor der Sneak-Gemeinde kam gut an, da hatte Böhm vorher durchaus Manschetten: „Ich hatte den fertigen Film so häufig gesehen, dass ich nicht mehr lachen konnte. Ich fand ihn plötzlich langweilig. Als das Publikum dann lachte, ist ,Brainstorming‘ für mich nochmal neu entstanden.“

Weitere Aufführungen werden in nächster Zukunft schwierig, „der Film ist digital, und das Cinemaxx braucht seine beiden Digitalprojektoren jetzt längere Zeit für ,Shrek 4‘ und ,Toy Story 3‘, vielleicht klappt ja eine Sonntagsmatinee.“ Auf keinen Fall sollen die Barsinghauser Zombies aber Staub ansetzen und in Vergessenheit geraten. „Wir werden uns zusammensetzen“, sagt Böhm, „und einen Verleih suchen. Wir sind für alles offen.“ Das Brackwasser-Virus muss auch in andere Städte getragen werden.
Nächste Vorführung am 30. Juli, 18 Uhr, im Bahnhof von Barsinghausen.

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