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In der Faust: Mit Schlagzeuger Ente Schulz wird Schnipo Schranke live zum Trio.

In der Faust: Mit Schlagzeuger Ente Schulz wird Schnipo Schranke live zum Trio.
© Michael Wallmüller

Konzert

Schnipo Schranke mit „Pisse“ in der Faust

Indie-Elektronik mit Texten unter der Gürtellinie: Das Hamburger Frauen-Duo Schnipo Schranke („Pisse“) spielte in der Faust.

Hannover. Die schöne Kulisse täuscht: Da stehen drei rosarote Wölkchen auf der Bühne der Faust-60er-Jahre-Halle, die bei Bedarf auch himmelblau leuchten. Eine trügerische Heile-Welt-Szenerie, die sich auch ein David Lynch hätte ausdenken können. Denn der Song der drei Performer dazu tönt: „Wir sind Arschproleten“. Pfui, Spinne. Gut 250 Zuschauer sind gekommen. Fans, Unerschrockene und Freunde minimalistischer Independent-Musik.

Schnipo Schranke heißt die Musikperle aus Hamburg, und was die drei Musiker um die Bandgründerinnen und Künstlerinnen Daniela Reis und Friederike „Fritzi“ Ernst in ihren Texten so von sich geben, wäre vor Jahren von Kirchen und Institutionen noch mindestens heftig kritisiert worden. Zwei Keyboards, Schlagzeug und Gesang, musikalisch braucht es nicht viel.

Witz und Toleranz sind Voraussetzungen, um Schnipo Schranke genießen zu können und überhaupt zu wollen, denn zügellos ist nicht nur der Synthie-Bass der Band. Der bricht fast das hölzerne Podest entzwei, auf dem die Zuschauer stehen. „Mein Psychiater hat sich letztes Jahr umgebracht“ schockt derweil die Band.

„Hannover, wir haben heute unseren definitiven Tour-Abschluss“ freut sich die kurzhaarige Daniela Reis heiter, und sofort verspielt sich das Trio bei ihrem Song „Mein Gebieter“. Eine willkommene Ausnahme, denn sonst gerät alles arg sauber und fehlerfrei. Schnipo Schrankes Klang ist laut und hart, Elektro-Independent, einfach und eigentlich nichts wirklich Neues. Wären da nicht diese Texte. „Fäkalienpoesie“ – tanzbar, süße Melodien und schräge Inhalte: „Mein Teddybär trägt deinen Namen - und deinen Samen“. Dynamische Ausbrüche sind selten, dafür sorgen Instrumenten-Wechsel für Kurzweil, denn jeder spielt mal jedes. Monotonie ohne Gitarren, am besten groovt es jedoch, wenn Gast-Schlagzeuger Ente Schulz die Drums bearbeitet.

„Traurige Balladen“, wie Schnipo Schranke es nennen, haben sie viele. Schwarzer Humor, versaut (gelinde gesagt). Denn jetzt folgt der „Pisse“-Song, ein „Hit“, der sich vor allem über die sozialen Netzwerke verbreitet hat: „Die Liebe, die macht blind, bitte sag mir, wenn das stimmt, warum schmeckt‘s, wenn ich Dich küsse, untenrum nach Pisse?“

Vor anderthalb Jahren haben sie ihr Debütalbum „Satt“ veröffentlicht, der Erfolg kam praktisch über Nacht. Unlängst folgte „Rare“. Nun müssen sie sich entscheiden, nehmen sie weiterhin den Zug durch „Feuchtgebiete“, oder statten sie ihre durchaus schlauen Popmelodien mit weniger Dichtkunst unter der Gürtellinie aus. Mit einem letzten Song – „L.O.V.E.“ und nach einer guten Stunde Unterhaltung ist man ganz froh, den Abend unbeschadet überstanden zu haben. Und ohne bitteren Nachgeschmack.

Von Kai Schiering


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