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Geächtet: (von links) Jory (Johanna Bantzer), Abe (Jonas Steglich), Isaac (Henning Hartmann), Emily (Sarah Franke) und Amir (Hagen Oechel).

Geächtet: (von links) Jory (Johanna Bantzer), Abe (Jonas Steglich), Isaac (Henning Hartmann), Emily (Sarah Franke) und Amir (Hagen Oechel).
© Foto: Karl-Bernd Karwasz

Interview

Sascha Hawemann inszeniert „Geächtet“

Ein Stück von der Brüchigkeit der Toleranz: Ayad Akhtars „Geächtet“ handelt von einem in der New Yorker Upper Class assimilierten Moslem, dessen Leben durch die Geschehnisse einer Nacht zusammenbricht. Sascha Hawemann inszeniert den Stoff für das Schauspielhaus. Wir sprachen mit ihm über Selbst- und Fremdbilder, die Aktualität des Stoffes und geistige Brandstifter.

Hannover. Ayad Akhtars „Geächtet“ – eine Art „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ vor dem Hintergrund von 9/11 – gilt als Theaterstück der Stunde. Sascha Hawemann inszeniert es am Schauspielhaus. Ein Interview über Toleranz und Selbstaufgabe.

Sie haben sich „Geächtet“ selber als Stoff ausgesucht. Warum?

Einerseits weil ich das Stückthema brisant finde. Und andererseits weil ich den Assimilierungsdruck aus meiner ethnisch gemischten Familie kenne: Meine Mutter ist Jugoslawin, sie hat als Theaterregisseurin ihr Leben lang daran sehr hart daran gearbeitet, sich in Deutschland zu assimilieren. Sie hat mir deswegen ihre Muttersprache nie beigebracht, immer nur Deutsch gesprochen, damit sie in Deutschland professionell überhaupt funktionieren, erfolgreich sein kann. Es geht um den Preis der Selbstzerstörung, einer scheinbar freiwilligen Entwurzelung, um willkommener Teil einer Mehrheitsgesellschaft zu werden.

„Geächtet“ wird im Moment eigentlich überall gespielt. Ist das ein zusätzlicher Reiz oder eher abschreckend?

Mir ist es eigentlich egal. Ich gucke nicht nach links oder rechts, sondern danach, einen aktuellen gesellschaftlichen Diskurs zu führen.

Wie das fast immer so ist, wenn etwas erfolgreich ist, kommen nun die kritischen Stimmen: Das Stück stelle das Problem und letztlich die vorhandenen Ressentiments nur aus, statt sie zu verhandeln. Was meinen Sie?

Ich verstehe diese Kritik nicht so ganz.Dieses Stück transportiert recht eindeutig, dass da jemand zu jemandem gemacht wird, der er nicht ist und nie sein wollte, dass er in die Radikalisierung gezwungen wird. Das wollen wir zeigen, damit spielen. Das Überlebensspiel von Erwartungen einer Mehrheitsgesellschaft, ihrem zynischen Umgang mit Minderheiten. Der brüchige ethnische Burgfrieden ist ein Tanz auf dem Vulkan. Amir, die Hauptfigur, ist ein angepasster Moslem unter ständiger Beobachtung, der kann gar nicht verhandeln, der muss Leistung bringen, so wie alle anderen Figuren auch.

Er hat sich, wie Sie es nennen, entwurzelt. Ist das sein Verderben?

Ich glaube, ja. Die karrierebestimmte, totale Entwurzelung aus allen religiös-ethnischen Strukturen, die er kennt, wird seine größte Tragödie, weil er am Ende aus der neoliberalen Gesellschaft stürzt, Karriere und Ehe unwiderruflich in Trümmern liegen und er nichts mehr besitzt: weder Vergangenheit noch Gegenwart. Weder Gott noch Kohle. Er ist damit nicht allein, alle Figuren in diesem Stück sind Ich-AGs, die sich in einem gnadenlosen Wettbewerb bewegen. Es sind Upperclass-Agnostiker; in einer gottlosen schwatzhaften Welt tanzen sie um das goldene Kalb, blind für das Gegenüber.

Sie halten es also für eine Qualität des Stückes, dass es in dieser Gesellschaftsschicht spielt?

Künstlerische und wirtschaftliche Eliten sind doch meinungsbildend. Die Brandstifter von der Pegida treten doch durch geöffnete Türen. Der Fisch stinkt vom Kopf.

Welche Rolle spielt Amirs Frau, die Künstlerin Emily, die sich bei ihrer Arbeit auf den Islam beruft – Stichwort positiver Rassismus?

Sie hat für sich eine Form von Sinnhaftigkeit gefunden, ein Lebenspaket geschnürt: multiethnisch sein, liberal sein, tolerant sein, dabei künstlerisch produzierend. Kunst stiftet Sinn. Sie ist jemand, der endlich mal Kunst nicht mit Ironie verhandelt, die wirklich etwas mit Kunst meint und will. Das finde ich spannend und möchte es nicht als Oberschichtenmarotte denunzieren. Andererseits geht es ihr natürlich auch um die Karriere, weil sie eine Marktnische entdeckt hat, den Erfolg sucht. Ein interessanter Widerspruch.

Das Stück ist US-amerikanisch ...

Ja, aber so kann ich das nicht denken. Für mich ist es auch ein mitteleuropäischer Stoff. Wir sind doch Kinder der amerikanischen Sonne, des Marshall-Plans, der amerikanischen Popkultur – unserer westlichen Leitkultur. Und die Frage, wie gehe ich mit Diskriminierung und Radikalisierung um, stellt sich hier tagtäglich auch. Wie gehe ich mit dem Islam um? Ist der Terrorismus wirklich aus dem Islam begründet oder vielleicht doch ein antikolonialistischer Reflex? Es gab nach 9/11 doch auch ein klammheimliches Frohlocken, nicht nur in arabischen Ländern, auch in Lateinamerika. Die Rache der Dritten an der Ersten Welt.

Wie wollen Sie das herausarbeiten? Die Vorabbilder zeigen, dass sie die Ethnien des Stücks nicht bedienen. Da gibt es zum Beispiel keine farbige Schauspielerin ...

Rassismus, Blackfacing und ethnisches Profiling  beginnt doch schon bei der Besetzung. Ich muss die Themenkreise erzählen, aber doch nicht die Menschen dafür anmalen. Die Staranwältin Jory ist ja nicht nur schwarz. Sie ist ein Mensch, der sich hochgearbeitet hat – wie Amir. Das muss ich erzählen. Den sozialen Gestus, nicht nur den ethnischen. Den Weg von unten nach oben. Nicht anders der jüdische Kurator Isaac, auch sein Vater kam aus Osteuropa, hatte nichts, und sein Sohn erbt, verwaltet und genießt förmlich den Erfolg.

Die Kostüme deuten auf ein 70er-Jahre-Szenario hin. Warum?

Jaja. Dafür gibt es drei Gründe. Ich habe nach einer Verfremdung gesucht. Ich wollte eine Entsprechung finden für kulturellen Elitismus: Es spielt nicht in den 70ern; es sind Leute, die so viel Kohle haben, dass sie mit diesen Retrostil leisten,sich popkulturell ikonisieren. Dann ist es eine ganz egoistische Sache: Ich finde es toll, als sinnliches Symbol für Partypeople. Ich könnte eine Großraumdisco füllen mit solchen Partypeople und ihren Dancehits. Und andererseits denke ich natürlich auch an Bataclan – wer wurde, wer wird denn ermordet? Junge Menschen, die zwanglos, lustbejahend das Leben feiern. Diese vier Leute auf der Bühne sind Ziele. Irgendjemand wird sie ermorden, vielleicht Amirs Neffe Abe.

Wo steht Amir am Schluss? Manche Rezipienten unterstellen, ihm stünden ja nun alle Möglichkeiten offen.

Ihm wurde alles genommen. Wohnung, Frau, Karriere weg, der Rest eine nackte Kreatur. Er besitzt nicht einmal mehr den manipulierten Hass, der ihn in diese Situation gebracht hat. 30 Jahre Leben hat er mit einer Nacht zerstört. Was hat er denn für Möglichkeiten, als Gewalttäter, Terrorunterstützer, Alkoholiker und ethnische Minderheit?

Wie gut ist das Stück?

Es ist schon ein Well-Made-Play. Der Autor kokettiert mit dessen Stückmechanik; er führt sie vor, sagt: „Eigentlich manipuliere ich euch.“ In der Rezeption in Deutschland wird das Stück oft nur bierernst oder nur Well-Made verstanden; aber das ist es nicht, nicht nur. Ich will unterhalten und ich will irritieren, Widersprüche zeigen.

Ist das Stück klüger als die meisten seiner Inszenierungen?

Hm. Das klingt jetzt so arrogant.

Darum sind es ja auch meine Worte.

In der Arbeit sagen wir uns ständig: Lasst uns bitte genau lesen, nicht so glatt denken. Auf bestimmte Satzstellungen oder Pausen achten, die Akhtar setzt, an Stellen, wo sie irgendwie nicht stimmen und irritieren. Er gibt im Text vor, dass unter der geweißten Oberfläche eine dunkle Beschädigung liegt. Die habe ich nicht erfunden; die kann man herauslesen und muss sie in der Arbeit aufspüren.

Das Stück entstand vor der Ära Trump. Wie aktuell ist es? Ist es vielleicht sogar noch aktueller geworden?

Gerade in der momentanen Angstgesellschaft Deutschland, glaube ich, schon: nach der großen Flüchtlingskrise, dem Aufstieg der Rechtspopulisten, des virulenten Ethnozentrismus. Vor vier Jahren wäre Common Sense gewesen: Ja, da müsste man mal drüber reden. Heute gilt: Man muss darüber reden.

Mehr über die Inszenierung finden Sie hier.

Von Stefan Gohlisch


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