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Wortgewaltig: Rapper Samy Deluxe.

Wortgewaltig: Rapper Samy Deluxe.
© Pascal Kerouche

NP-Interview

Samy Deluxes letzte Worte

Seit 20 Jahren im Geschäft und immer noch neugierig auf Neues: Kaum ein deutscher Rapper ist so wandlungsfähig wie Samy Deluxe. Warum das so ist, erklärt er im Interview.

Hannover. Er pflegt düstere Kunstfiguren wie Herr Sorge oder Männlich scheut weder das große Fernsehformat mit „Sing meinen Song“ noch Hochkultur – im vergangenen Jahr gastierte Samy Deluxe (39) mit einem Leibniz-Programm samt Countertenor. Nun kommt er als Rapper zurück. Ein Interview.

Sie wildern gerne in fremden Gefilden, oder?

Ja, das mit Leibniz war super abgefahren. Ich finde es immer interessant, andere Welten kennenzulernen, und schön, dass ich offenbar auch da eine Berechtigung habe. Das war ein sehr cooler Auftritt in Hannover. Zwei Tage später waren wir damit noch einmal im Berliner Dom, was noch einen Tick spektakulärer war als eure schöne Kirche.

Haben Sie sich mit ihm auseinandergesetzt?

Nicht massiv. An solche Themen gehe ich gerne intuitiv heran. Ich hole mir ein, zwei Impressionen, und der Rest ist Gefühl, um mich hereinzubringen.

Sie nehmen einen Leibniz-Sample und verbinden ihn mit Ihrer Persönlichkeit?

Genau, einen Butterkeks essen, und dann geht es los.

Jetzt kommen Sie mit ihrem aktuellen Album, „Berühmte letzte Worte“, zurück – wird es eine klassische Hip-Hop-Show?

Ja, es geht vor allem um das Album. Dann haben wir aber noch einen ewig langen Zugabenblock mit den Klassikern der letzten zwei Dekaden. Das wird schon klassischer Hip-Hop, aber sehr musikalisch, weil ich mit Band unterwegs bin.

Das spricht dafür, dass Ihnen das Album sehr wichtig ist.

Ja, weil es eben auch als Gesamtwerk total viel Sinn macht. Das ist etwas Anderes als dieser typische Abriss mit „Macht mal alle Hey und Ho“.

Aber der war doch nie Ihre Sache, oder? Mit manchen Projekten wie Herrn Sorge haben Sie ja durchaus für Stirnrunzeln bei manchen Fans gesorgt.

Ich habe auf jeden Fall Sachen in der Mache. Ich mache täglich Musik. Da kommen immer wieder Sachen heraus, die nicht in meinen aktuellen Samy-Deluxe-Kosmos passen. Ein Herr-Sorge-Album ist definitiv in der Mache. Ich mag das. Als Rapper ist man letztlich immer nur ein Rapper. Herr Sorge hat seine eigene Welt.

Und der Samy Deluxe ist deckungsgleich mit Samy Sorge?

Ich habe manchmal das Gefühl, dass der Herr Sorge deckungsgleicher mit meiner Privatperson ist. So laut, wie ich auf der Bühne bin, bin ich auf keinen Fall privat.

„Berühmte letzte Worte“ deutet einen vorläufigen Schlusspunkt an: Da macht jemand seit 20 Jahren Musik. Er wird in diesem Jahr 40. Beeinflusst das Ihre Art, Musik zu machen?

Das Altern konkret jetzt nicht. Aber ich hatte schon vor, eine kleine Bilanz zu ziehen: Was hättest du zu sagen, wenn es dein letztes Album wäre? Ich wollte ein inhaltlich starkes Album machen, das musikalisch nicht unter seinen Themen leidet.

Die teils sehr politisch sind: In „Mimimi“ geht es um „Mitbürger mit Migrationshintergrund“ ...

ja, und es ist erstaunlich, was solche Songs bewirken. Ich habe gerade jemanden kennengelernt, der in der Integration arbeitet und der diesen Song als Motivationsfaktor nutzt.

Hat der Künstler heute eine größere Verantwortung, solche Themen zu verhandeln?

Nee.

Das ist deutlich.

Ja, denn es ist nicht wichtig. Ich will nicht irgendwelche Künstler in Interviews darüber reden hören, wie schlimm Rassismus ist oder Aids in Afrika. Wenn du keine Ahnung hast: Shut up! Aber wenn du davon Ahnung hast und dich ohnehin damit beschäftigst, dann verhalte dich entsprechend. Aber ich finde nichts schlimmer als Promis, die irgendwann finden, sie sollten mal etwas Anderes tun, als sich selbst zu feiern, und sich irgendetwas suchen, um sich zu engagieren. Ich wollte immer den Kern des Hip-Hop für Jugend zugänglich machen: Da geht es gegen Sexismus, Rassismus und Gewalt. Und wenn du Stress mit jemandem hast, dann machst du halt einen Hip-Hop-Battle mit ihm. Das ist mir wichtiger, als meine Fresse für 1000 Initiativen hinzuhalten.

Aber großes Publikum scheuen Sie offenbar nicht. Oder warum haben Sie sonst bei „Sing meinen Song“ mitgemacht?

Genau das: dass ich der Künstler bin, der solche Inhalte hat. Ich habe mir bewiesen, dass der Mainstream nicht so dumm ist, wie man denkt. Ich habe alle meine Facetten zeigen können: als Rapper, als Songschreiber, als Produzent. Für mich hat es viel Sinn gemacht. Und ich konnte mir danach auf die Schulter klopfen: dafür, dass das Privatfernsehen 2016 mal ein bisschen niveauvoller war als sonst.

Wer ist Ihnen denn näher: eine Annett Louisan, die auch in der Sendung war, oder ein Leibniz?

Mit Annett habe ich definitiv mehr Zeit verbracht als mit Leibniz ... Und ich mag lebende Personen nun mal auch deutlich lieber als tote.

Samy Deluxe live: am 3. Mai ab 20 Uhr im Capitol.

Von Stefan Gohlisch


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