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IM FREMDEN LEBEN: Besucher bei „Dein Wort in meinem Mund“.

IM FREMDEN LEBEN: Besucher bei „Dein Wort in meinem Mund“.

Theaterformen

Rollenspiele im Bordell

Faszinierende Erfahrung bei den Theaterformen: Das Stück „Dein Wort in meinem Mund“ entführt die Besucher in ungewohnte Leben und an ungewohnte Orte – zum Beispiel ins Bordell.

Hannover. Jupp ist Bordellbesitzer mit schwerem hessischen Dialekt und sinniert darüber, dass Liebe manchmal etwas mit Geld zu tun hat und manchmal auch nicht. Harald ist Arzt und Pegida-Anhänger, hat es mal mit einer offenen Beziehung versucht und wettert gegen Polygamie von Ausländern. Und Steven, Psychologieprofessor und Besserwisser, referiert lieber – stockend und mit vielen „Ähms“ – Studien, als persönlich zu werden. Jupp, Harald und Steven heißen nicht wirklich so; sie sind auch nicht da. Aber es sind reale Personen. Was sie sagten, wird von Anderen gesprochen, von Besuchern der Theaterformen-Produktion

. Harald zum Beispiel ist diesmal eine Frau.

Das hannoversche Künstlerpaar Lotte Lindner und Till Steinbrenner und ihre italienische Kollegin Anna Rispoli haben mit sieben Menschen Interviews über die Liebe geführt, haben aus 25 Stunden Rohmaterial ein Skript für etwa eine Stunde Stück destilliert. Die Besucher werden zu Mitwirkenden: Sie lesen dialogisch diese Texte aus bereitliegenden Heftern, an zuvor geheim gehaltenen Orten, in die man sonst nicht unbedingt in fremder Gesellschaft geht. Der Auftakt findet morgens um 9.30 Uhr in einem Puff statt, einem in Hannover wohlbekannten Etablissement in Bornum. Es geht um Nähe durch Distanz, Einfühlung durch Irritation, um Intimität – die ist selten stärker, als wenn man etwas von jemand Anderem auf der Zunge spürt.

Es geht fröhlich durcheinander: Eine Tahel, Konzeptkünstlerin aus Israel, berichtet von der „Schule der Liebe“, die sie in einem Kibbuz erfahren hat. Eine Lisa, laut Skript 45 Jahre alt und Musikerin, erzählt von einem, ihren Leben, in dem es noch nie Sex gab. Und eine Ella, Physiotherapeutin, die Behinderten beim Sex hilft, findet: „Beziehungsgespräche solltest du nur nackt führen.“ Einmal geht Musik an. Man schaut vom Skript hoch, in die Runde, ein wenig entblößt.

Nach einer Stunde geht es zurück, in das eigene Leben an ungewohntem Ort. Man hat eine Erfahrung gemacht, ohne leider wirklich jemanden durchdrungen zu haben. Der Bordellbesitzer drängelt freundlich; bald kommen Kunden. Er spricht mit schwerem hessischen Dialekt.

Von Stefan Gohlisch


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