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Révoltés-Festival startet politisch und stark

Lange, bevor an der Parkbühne beim ersten Tag des Révoltés-Festivals die Pyr­os rot in die Nacht leuchten und die Punks von Feine Sahne Fischfilet ihren Frust über Neonazis mit dampfendem Atem von der Bühne herunterschreien, beginnt der Festivaltag mit Sonne – die ist sogar vor der Politik auf dem Festivalgelände, und dabei ist Politik heute überall.

Hannover. Klar, wenn die Irie Révoltés vor ihrer Abschiedstournee das letzte Festival selbst organisieren – drei Wochen vor der Bundestagswahl –, kommt von der Bühne Real-Politik-Talk.

Zu Sookee, Rapperin aus Berlin, machen sich die ersten Festivalgäste warm. Ihre Texte richten sich gegen Chauvinismus im Rap und Willkür in der Politik – über entspannten bis druckvollen Trap-Beats fragt man, warum nicht mehr Rapperinnen explizit politisch werden.

Einen Campingplatz neben der Parkbühne gibt es extra für das Wochenende und wer überlegt hatte, mehr für politische, wohltätige und humanitäre Zwecke zu spenden, findet am Rand des Geländes genug Gelegenheit: äthiopische Trinkwasserprojekte, „Kein Bock auf Nazis“ und Seenotrettung stehen dichtgedrängt neben Merchandising-Ständen und Fressbuden. Als die Irie-Révoltés-Sänger Mal Élevé und Carlito die Skatepunks von ZSK an­kündigen, jubeln erst einmal die Punkfans aus den nuller Jahren – damals war die Berliner Truppe mit den Dead Kennedys und Anti-Flag unterwegs, auch nach einer kurzen Pause um 2011 sind ZSK vor allem zwei Dinge geblieben: schnell und direkt. „Wenn so viele schweigen“, mahnt Sänger Joshi Mitläufer und Untätige, „müssen wir noch lauter schreien.“ Über bretternden Drums und Achtel-Anschlägen stimmen Hunderte ein: „Wie ihr wisst, läuft es sehr schlecht in diesem Land.“ Wachsam will man bleiben, ein „Herz für die Sache“ behalten, gerade wegen des wohl nahenden AfD-Bundestagseinzugs – „wahrscheinlich würden AfD, FAZ und Polizei hier jeden als Linksextremisten bezeichnen“. „Antifascista“ ist die Parole, die das Festival-Motto sein könnte.

Antilopen-Gang machen wieder Rap, ihr „Beate Zschäpe hört U2“ formuliert eingängig die neue Salonfähigkeit rechter Parolen – „die Wichser sind in der Mitte der Gesellschaft“. Vor einer vierköpfigen Liveband rappen die drei selbstironisch über Gangster-Getue, bevor Realtalk über „Abwasser unter Sackgassen“ mit Autotune-Effekt folgt. Eine Wall of Death baut die Gruppe zu einer politischen Links-rechts-Metapher um: „Guck mal, in der Mitte sind noch ein paar neutrale Spinner.“ Für die harten Worte gibt es neben Applaus auch ein paar Buhrufe – homogen ist das Publikum trotz gemeinsamer Sache nicht.

Ein Festival, auf dem Hip-Hop und Punk sich die Klinke des Aktivismus in die Hand geben, generationenübergreifend und möglich gemacht von einer Dancehall-Truppe – es funktioniert so organisch, dass einem erst nach ein paar Stunden dämmert, wie unwahrscheinlich sich das doch an­hört. Dann ist es schon längst dunkel und der Headliner da. Feine Sahne Fischfilet, die mecklenburg-vorpommersche Allstar-Gruppe (sechs Bandmitglieder aus sechs verschiedenen Städten in MVP), bringt einen klassischen Punk-Sound. Sänger Gorkow kommt aus Jarnem, einer Kleinstadt bei Greifswald – die „Geschichten“ von dort haben es in einen Song geschafft, den heute auch 3500 in Hannover mitschreien: „Ich hab mich noch nie so scheiße benomm’, we are wasted, wasted, wasted in Jarm’“. Die Angst vor dem Neonazi-Terror brüllen sich Feine Sahne Fischfilet von der Seele. Zu „Komplett im Arsch“ fließen Bier und Pfeffi, die Parkbühne feiert einen intensiven Festivalauftakt.

Lilean Buhl


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