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Mit Zarenglocke: Alexander Eisenach im Bühnenbild von „Die Gerechten“.

Mit Zarenglocke: Alexander Eisenach im Bühnenbild von „Die Gerechten“.
 © Nancy Heusel

NP-Interview

Regisseur Alexander Eisenach über „Die Gerechten“

Wie weit darf Widerstand gehen? Gibt es eine Rechtfertigung für politischen Mord? Von diesen Fragen erzählt „Die Gerechten“ von Albert Camus. Alexander Eisenach (34), künftiger Hausregisseur in Hannover, inszeniert das Stück auf der Cumberlandschen Bühne. Ein Interview.

Hannover. In der nächsten Spielzeit löst Alexander Eisenach den scheidenden Florian Fiedler als Hausregisseur im Schauspielhaus ab. Jetzt inszeniert er erst einmal Albert Camus’ Terror-Meditation „Die Gerechten“. Ein Interview über die Grenzen und Chancen politischen Widerstands.

„Die Gerechten“ sind eigentlich in ihren Zwanzigern. Sie haben eine altersmäßig sehr gemischte Besetzung gewählt. Warum?

Ich glaube, dass ein revolutionärer Wille und auch die Fragen, die in dem Stück gestellt werden, nicht auf ein bestimmtes Alter begrenzt sind. Die Probleme sind umfassender, und sie lösen sich auch nicht im Laufe des Lebens. Mir war es wichtig, den Konflikt in alle Generationen zu tragen.

Das klingt nicht nach einer historischen Inszenierung, die 1905 spielt.

Wir versuchen nicht, den Text 1:1 zu bebildern. Wir versuchen ein Spiel mit diesem Text zu beginnen, benutzen das Historische zitathaft, verwenden zwischendurch heutige Sprache und versuchen die Widersprüche des Textes freizulegen und für heute lesbar zu machen. Der Text geht mit einer Situation um, in der Terrorismus ganz anders besetzt ist als heute, nämlich als legitimer Aufstand gegen einen Unterdrückungsapparat, was uns fremd ist.

„Wir sind in der Rolle des Unterdrückers“

Heutige Terroristen rechtfertigen ihre Taten doch auch genau so.

Ja klar. Aber wir empfinden es nicht als gerecht. In dem Stück aber geht es um ein klares monarchisches Unterdrückungssystem. Aber selbst dort versucht Camus herauszufinden, wo die Grenzen des Widerstands sind. Er sagt: Handeln bedeutet immer Gewalt. Das ist eine Aussage, die wir gut nachvollziehen können. Und sei es durch unser Konsumverhalten, das auf dem Rücken und dem Leben anderer ausgetragen wird. Wir sind in der Rolle des Unterdrückers.

Ein durch Konsum verursachter Tod ist aber nicht so plakativ wie ein durch Bombe verursachter, oder?

Auch das gibt es bei Camus, den sogenannten „delegierten Tod“. Er beschreibt auch, wie bequem es ist, damit und mit dem Widerspruch des eigenen Daseins zu leben. Und er schreibt, dass es wichtig ist, genau das nicht hinzunehmen. Dieser Widerspruch ist kaum aufzulösen, wenn Handeln immer Tod bedeutet, aber man muss ihn wahrnehmen. Genau darum geht es in „Die Gerechten“.

Nun ist Konsumverhalten nicht unbedingt Thema des Stücks. Ist es Thema der Inszenierung?

Nein, wir werden nicht explizit über Konsum reden. Wir bleiben bei der allgemeinen Frage nach politischem Verhalten. Bei so einem Stück, das in den 50er Jahren entstand, auch eine etwas pathetische Sprache verwendet, besteht allerdings die Gefahr, dass das Thema auf der Bühne bleibt. Wir versuchen, durch Spielfreude den Staub vom Stück zu blasen, ohne dass man sagen muss: „Meine Nike-Turnschuhe kommen aus China.“

„Heute hat die Linke wieder eine Chance“

Gehen Sie auf den heutigen Terror ein?

Nein, kaum. Darüber habe ich lange nachgedacht. Aber unsere Position ist nun einmal nicht die der Unterdrückten. Es wäre auch Quatsch, für eine Revolution in unserem Land zu plädieren. Wenn wir heute über Gerechtigkeit diskutieren, reden wir doch über ganz andere Themen als Innenpolitisches, sondern darüber, dass acht Menschen so viel besitzen wie dreieinhalb Milliarden. Das ist der große Konflikt unsere Zeit. Darum sind die Terrorismus-Formen, die wir heute erleben, fast pathologisch, das sind Übersprungshandlungen als Gewaltaffekte. Worum es aber in dem Stück geht, ist: Sobald ich mir eine moralische Rechtfertigung für Mord zurechtlege, wird er grenzenlos – diese Haltung ermöglicht Genozide.

Was hilft?

In unsere Probenzeit fielen die ganzen Trump-Folgeerscheinungen wie der Women’s March. Man hat das Gefühl, es braucht Tyrannei, damit es wieder zu Solidarität kommt. Ein essenzieller Punkt, um mit seinen Widersprüchen klarzukommen, ist, dass man wieder zusammenkommt. Überwinden kann man sie nur durch eine kollektive Anstrengung. Das macht beinahe Hoffnung. Die Ideale der Linken waren lange korrumpiert, der Liberalismus zum Beispiel durch den Neoliberalismus. Eine Hillary Clinton als Präsidentin hätte die Rechte von Schwarzen und Homosexuellen gestärkt, aber ohne mit der Wimper zu zucken, Wirtschaftsdeals mit Saudi-Arabien eingefädelt. Unter diesem Widerspruch zerreißt die Linke. Jetzt hat sie wieder eine Chance.

Sie sagen, „Die Gerechten“ sei lehrstückhaft – auch bei Ihnen?

Ich sage immer, das Wichtigste ist, dass die Menschen im Publikum etwas erleben, was sie teilen könne, dass es nicht in einem vorgeführten Gestus bleibt, sondern greifbar wird. Wir verstehen uns nicht als Erfüllungsgehilfen des Textes; wir wollen, dass der Text uns hilft bei der Bewältigung unserer Probleme.

Drei der fünf Schauspieler, mit denen Sie arbeiten, waren vor zwei Jahren auch bei Ihrer „Wir sind Günter Wallraff“-Inszenierung dabei. Zufall oder Herzenswunsch?

 Das war ein persönlicher Wunsch. Mir ist es wichtig, eine Kontinuität aufzubauen.

„Ich hätte große Lust auf Klassiker wie Tschechow und Ibsen“

Diese Kontinuität werden Sie noch ausbauen können: Sie werden in der nächsten Spielzeit Hausregisseur in Hannover. Was haben Sie sich vorgenommen?

Es werden zwei Inszenierungen pro Spielzeit. Was ich mache, ist ganz offen. Es gibt, auch wenn ich Florian Fiedler als Hausregisseur ablöse, keine Fokussierung aufs Junge Schauspiel. Den Teil seiner Aufgaben übernimmt ja Barbara Kantel.

Haben Sie Wünsche?

Ich hätte große Lust auf Klassiker wie Tschechow, Ibsen, darauf, auf die Auseinandersetzung mit Schwergewichten.

Wie würden Sie beschrieben, was Sie mitbringen?

Ich versuche eine starke Auseinandersetzung mit der gegenwärtigen politischen Lage. Ich versuche, eine Form von aktuellem Diskurs im Theater zu finden, der sich nicht in Aktualisierungsfantasien erschöpft. Ich versuche zu ergründen, was der Gehalt dieser Texte für uns sein kann, damit er für uns bedeutend ist. Und gleichzeitig hoffe ich, dass ich für ein Theater stehe, das Spaß macht.

Ab dem 21. Februar auf der Cumberlandschen Bühne. Mehr Informationen finden Sie hier.

Von Stefan Gohlisch


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