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Kultur Dichterschlacht in Herrenhausen
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15:05 26.08.2018
Der Gartenmeister: Jean Philipe Kindler in Herrenhausen. Quelle: Villegas
Hannover

Los ging es bereits am Nachmittag, Treffpunkt und Start war an der Sonnenuhr. Der Himmel stark bewölkt, kühle Winde wehen durch den Barockgarten, aber das schreckt die Wandel-Poeten nicht, auch nicht ihre Zuhörer, die gekommen sind, um ein literarisches Doppelpack zu erleben: Erst gibt es wandelnde Dichter, dann den Wettstreit im Gartentheater.

Ein toller Doppelpack Freiluft-Poesie im Großen Garten: Fünf Wortakrobaten aus dem ganzen Bundesgebiet präsentierten ihre Kunst beim literarischen Spaziergang „Meet the Poets!

Mona Harry aus Kiel beginnt, erzählt von ihrer unkomfortablen Schwedenradtour, von Freiräumen und persönlichen Grenzen – und macht anschließend im gleichnamigen Text „Mut“. Weiter geht’s, Helfer tragen die Technik) zur Aussichtsterrasse, auf der Rainer Holl aus Leipzig witzig über Bier („Give beer a chance“) und andere Alkoholika spricht und danach über Sucht philosophiert.

Bei Luca Swieter (Aachen), am Fragment der Freitreppe des ehemaligen Schlosses, kommt die Sonne durch, und der Himmel wird strahlend blau. In „Heimatdorf“ thematisiert die Poetin kritisch die Tücken kleiner Gemeinschaften. Am Sophien-Denkmal liest der Bochumer Florian Stein witzig über „To-Do-Listen“ und deren Eigenleben. Bei der letzten Station am Wasserspiel hinter dem Gartentheater setzt sich Jean-Phillippe Kindler komplex mit den Wegen der Gedanke“ und mit Liebe und Alltag auseinander. Über 90 Minuten dauert dieser besondere und schöne Auftakt: Poetry Slam ganz nah.

Sause bei herrlichem Frühabendlicht, alles im Großen Garten leuchtet. Abends dann Teil zwei. Das Wetter hält. Es ist kalt, der Himmel klar, später scheint hell der Mond. Es gibt Decken zum Einmummeln. Das Publikum im Gartentheater hat die Garderobe an die Temperatur eingestellt, ist bestens gelaunt und voller Vorfreude. Manche haben Picknick-Körbe dabei und stärken sich vorab für die Wortkaskaden und Poesie-Ströme, die da kommen werden.

Punkt acht ertönt traditionell die Einleitungsmusik: Die Glockenschläge und der Gitarren-Riff von AC/DC’s „Hells Bells“. Die Moderatoren Henning Chadde und Jan Egge Sedelies betreten die Bühne, begrüßen die 460 Gäste.

Mona Harry eröffnet den Zwei-Runden-Wettbewerb mit den gewohnten Publikumsbewertungen. In „Wo ist das Kindliche?“ spricht sie engagiert über das oft fehlende Staunen in dieser mit Wundern gefüllten Welt. Ein kritischer Blick auf den Menschen, der berührt.

Dann Kindler: Der prangert in seinem Text „Mindesthohn“ die fehlende Wertschätzung und den fehlenden Respekt bei den unteren Lohngruppen an. Holl findet anschließend: „Alles ist krass“, weil es in dieser lauten, schnellen und komplizierten Welt Hochtechnologie und trotzdem noch Hunger gibt. Aufrüttelnd.

Berührend der Beitrag von Stein: In „Wenn ich ein Kind hätte“ macht er sich Gedanken über die Kindesentwicklung und Erziehung. Und „Frühstücks-Fetischistin“ Swieter gibt eine schön skurrile Liebeserklärung an das Brötchen ab („Das erste Liebesgedicht, das ich ernst nehme“).

Im Finale stehen schließlich Holl und Kindler. In „Träume nicht dein Leben, sondern halte einfach Dein Maul“, spricht Holl über die vielen Menschen, die aufgegeben haben und sich als „Sandwich-Artist bei Subway“ durchschlagen. Und Kindler thematisiert in „Hexenjagd auf Männlichkeit“ die #MeToo-Debatte, wobei er die Männer klar aufs Korn nimmt.

Am Ende ist Kindler der „Gartenpoet 2018“. „Sieger des Herzens“ sind aber alle fünf klasse Dichter, Sprachakrobaten und Wortkünstler.

Von Christian Seibt

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