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Claus Peymann

Desperade der Theaterzunft

Peymann will weiter rebellieren

Eigentlich hat sich Claus Peymann in seinem langen Berufsleben immer einem „Theater der Aufklärung“ verschrieben - auf der ewigen Suche nach einer besseren, gerechten Zukunft mit Stücken von Brecht, Lessing, Tabori oder Handke.

Aber er hat auch gerne provoziert wie zum Beispiel in Wien mit Thomas Bernhards „Heldenplatz“-Skandal von 1988 über den Anschluss Österreichs an Nazi-Deutschland. Da hat man ihm Pferdemist vor das Burgtheater gekarrt. Das hat einen jahrelangen Liebling der Theaterkritik und „Desperado der Theaterzunft“, wie ihn andere auch kritisch oder ironisch sahen, nie gestört - eher angespornt.

„Mag sein, dass ich mir edel, hilfreich und gut vorkomme, das will ich nicht bestreiten“, hat Peymann auch schon mal eingeräumt. Aber er weiß auch: „Wie viele verlorene Schlachten haben wir hinter uns...Manchmal bin ich auch kurz davor, zum Zyniker zu werden wie einer meiner Vorgänger am Berliner Ensemble, Heiner Müller.“

So wie jetzt wieder mit seinem Angebot an den früheren RAF- Terroristen Christian Klar für ein Praktikum in seinem Berliner Ensemble hat der inzwischen 71-jährige Peymann schon oft die Emotionen von Zuschauern und Politikern fast zum Kochen gebracht. Das begann schon bei der Mitgründung der Berliner Schaubühne am Halleschen Ufer 1971, wo die roten Fahnen auf der Bühne wehten, und setzte sich in seiner Zeit als Stuttgarter Schauspieldirektor 1977 fort, wo er zu Spenden für die Zahnbehandlung der inhaftierten RAF- Terroristin Gudrun Ensslin aufrief und dafür von der Politik davongejagt wurde.

In Bochum sorgte Peymann Anfang der 80er Jahre für Wirbel, als er sich für jugendliche Fabrikbesetzer engagierte. Dann führte er auch noch Ulrike Meinhofs Stück „Bambule“ mit dem Titel „Fürsorgezöglinge“ auf, schaffte es aber mit legendären Inszenierungen wie Kleists monströser „Hermannsschlacht“ das Bochumer Schauspielhaus zum besten Theater der Bundesrepublik zu machen. Es folgte ab 1986 ein Jahrzehnt der gegenseitigen „Hassliebe“ Peymann und Österreich am Wiener Burgtheater mit „Titelvergaben“ wie „Kommunistenschwein Peymann“.

Seit 1999 läuft sein ehrgeiziger Versuch in Berlin, an frühere skandalträchtige Auftritte anzuschließen, was aber bei den Aufregung gewohnten Hauptstädtern nicht so recht gelingen will - ein volles Haus ist dem Theatermacher aber auch in Berlin immer sicher. Zwischendurch gibt es dann Auftritte von Peymann zum Beispiel mit Jutta Ditfurth, Mitbegründerin der Grünen, bei einer Buchvorstellung über Rudi Dutschke und Ulrike Meinhof, deren Leben Peymann auch gerne mal auf die Bühne bringen würde. „Vielleicht waren Rudi und Ulrike so etwas wie Romeo und Julia der Apo?“ (Außerparlamentarische Opposition der 68er Protestbewegung)

Ganz so romantisch sehen viele sein Engagement für Christian Klar, der Anfang 2009 aus der Haft entlassen wird, dann aber doch nicht. In dem in diesem Herbst erschienenen Band „Peymann von A-Z“ (Hrsg. Hans- Dieter Schütt, Das Neue Berlin) beharrt der Theatermacher aber auf seinem Engagement: „Ich weiß, dass Klar längst bereut, er bittet um Vergebung, er möchte nur nicht vorgeführt werden in dieser Vergebungsgeste.“ Für ihn sei Klar eine tragische Figur. „Ich bin überzeugt, dass alle ehemaligen RAF-Leute wissen, dass ihr bewaffneter Kampf politisch und moralisch ein schwerer Fehler war.“

Für ihren Lebensirrtum hätten Menschen wie Klar entweder mit ihrem Tod oder mit einer sehr, sehr langen Gefängnisstrafe bezahlt. „Das ist keine Missachtung der Gefühle jener, die Angehörige verloren haben. Aber wir leben in einem Rechtsstaat, nicht in einem Rachestaat; der Satz Jesu aus dem Lukas-Evangelium, „Vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“ darf auch über Mitglieder der RAF gesagt werden, die lebenslänglich im Gefängnis einsitzen.“

Das „Bizarre in der Diskussion um diesen Praktikumsplatz“ liege darin, dass Direktion und Betriebsrat schon vor Jahren „sozusagen einem Häftling den Weg zurück in die Gesellschaft ebnen wollten“. Dass dies „jetzt als PR-Gag interpretiert wird, sagt doch einiges über unsere Gesellschaft aus“. Peymann räumt allerdings ein, dass er sich auch fragen müsse, „warum ich keinem Bankräuber oder Sexualstraftäter ein Praktikum und damit einen Weg zurück in die Gesellschaft angeboten habe“.


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