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Kultur Packende Premiere: Intolleranza 1960 in der Staatsoper
Nachrichten Kultur Packende Premiere: Intolleranza 1960 in der Staatsoper
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12:36 12.09.2010
Das Publikum sitzt auf der Bühne, der Zuschauerraum bleibt leer. Foto: Jauk
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VON HENNING QUEREN

Das hier ist die ganz andere Opernerfahrung. Auf der Bühne sitzt man, mittendrin statt nur dabei, unter Musikern, Sängern, Chor, Statisten. Plötzlich fängt der Nebenmann an zu singen, Klänge von hoch oben, aus der Tiefe, rundherum, Oper im totalen Surround, mehr Unmittelbarkeit im Theater geht nicht.

„Intolleranza 1960“, die ebenso sperrige wie geniale „Handlung in zwei Teilen“ von Luigi Nono, hat Hannovers Oper gewagt – und in der Inszenierung von Benedikt von Peter ein in jeder Hinsicht überwältigendes Musikerlebnis auf die Bühne gestellt. An dem allerdings jeweils nur ein exklusiver Personenkreis teilhaben kann. Auf 250 Menschen pro Abend ist der Zuschauerkreis wegen des gewaltigen Aufwandes beschränkt. Der Luxus der Verschwendung, der hier zur Notwendigkeit wird: Der Zuschauerraum bleibt während der kompletten Vorstellung unbesetzt.

Nonos Oper ist eine Anklage – 1960 geschrieben – gegen die Herrschenden, gegen Folter, Unterdrückung, Hunger und ungerechtes Schicksal. Und ist trotz historischer Bezüge (spanischer Bürgerkrieg, Faschismus, Algerien) hochaktuell. Und genau das macht diese Inszenierung ebenso intensiv wie nachvollziehbar deutlich und löst den politischen Anspruch des Musiktheaters ein: Denn wo sonst sind noch Utopien möglich? In den Parlamenten jedenfalls nicht mehr.

Es beginnt wie ein normaler Opernabend. Mit Kartenabreißen. Im Zuschauersaal sind sämtliche Sessel mit weißem Tuch blockiert. Kurzes andächtiges Stehen vor einer Projektion („Lebendig ist, wer sich den anderen schenkt ...“).

Dann geht es auf die Bühne, und dann geht es los. Tieffrequentes Wummern, dissonante Trompetenstrahlen durchschneiden den hohen Bühnenraum, Licht von Taschenlampen, Dunkelheit, unsichere Bewegungen, Gestolper, Gerenne, ein „Emigrant“ (Matthias Schulz) singt von Ausbeutung, Demonstranten kämpfen stimmlich gegen Gendarmen, Ausrufe („Nie wieder Faschismus“, „No pasaran“), schrille Chöre von Gefolterten und Gefangenen, die ununterscheidbar im Publikum sitzen. Rundherum werden Sätze von Majakowski und Sartre projiziert. Plötzlich rauschen Unmengen von Wasser aus der schwarzen Wand.

Am Ende, nach 80 Minuten (Szene „Die große Flut“), werden Decken verteilt, und das Publikum lagert auf dem Bühnenboden selbst wie Flüchtlinge nach einer überstandenen Katastrophe. Hoffnung? Auch diese Oper träumt auf einer riesigen Projektion davon. Mit Brecht von einer Zeit, in der „der Mensch dem Menschen ein Helfer ist“.

Es gibt eine deutsche Nono-Übersetzung (von Alfred Andersch), Hannover wählt das italienische Original, auch, um die Überzeitlichkeit zu betonen. Und weil es ein wenig runder klingt. Nonos Musik hört sich in dieser Inszenierung überhaupt freundlicher an, weil im weiten Raum aufgelöst. Das Orchester spielt tief unter der Bühne, Stimmen erklingen hoch oben aus dem Bühnenraum, die Koordination der hochkomplexen Tonspur (Dirigent Stefan Klingele) über etliche Videomonitore ist eine Meisterleistung.

Den satten Applaus liefert das Publikum dann wieder zurück im Zuschauerraum ab. Ein packender Abend.

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