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Kultur Onkel Jürgen ist müde
Nachrichten Kultur Onkel Jürgen ist müde
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00:21 12.03.2018
Da muss er selber lachen: Jürgen Drews lässt sich im Theater am Aegi von Lena und Jasmin umtanzen. Wer welche ist, weiß er selber nicht so genau.  Quelle: Christian Behrens
Hannover

 Ein Laufsteg reicht von der Bühne über die ersten drei Reihen ins Theater am Aegi hinein. Das sieht man selten in dem Haus, es wird auch laut und rockig werden bei Jürgen Drews und seiner Band. 600 Zuschauer folgen dem Eröffnungssong „Irgendwie Irgendwo Irgendwann“.

„Onkel Jürgen“ ist ungewohnt ruhig und sprachlos, seine Stimme klingt kraftlos und dünn. Eine Hand steckt in der Hosentasche, er windet sich unbehaglich am Mikrofon. Vielleicht ist er erkältet, bei „Himbeereis zum Frühstück“ krächzt er sich durch sein Medley an Hits aus den frühen Jahren.

Der „König von Mallorca“ stellt die Tänzerinnen Lena und Jasmin vor, nein, umgekehrt, „Ich kann mir nicht merken, wer wer ist, vergesse immer die Namen“. So auch den von Tobias, der ihm mindestens 15 Mal am Abend seine Gitarre reicht. Das wirkt pomadig und sorgt für Gelächter.

Jürgen Drews spielt im Theater am Aegi

Seine Tour ist eine „Zeitreise“ wie er sagt, „Es war alles am besten“, nennt er sie. Den gleichnamigen Song muss die Band zweimal anfangen, so sehr gefällt ihm das düstere Keyboard-Intro. Drews tänzelt dabei endlich mal, über die Bühne und auf den Laufsteg. Stolz zeigt er eine Aufnahme von 1973 aus Paris mit den Les Humphries und spricht über einen Zwischenfall in Kiel, als ihn der englische Bandleader mit einem Messer bedrohte. Bei Drews muss man sich auf Überraschungen gefasst machen, die Geschichte von Les’ Vater, der im Krieg von den Deutschen getötet wurde, erzählt er einfach mal so, da kehrt Stille ein. Vor „Und ich schenke dir einen Regenbogen“ hält er eine Rede über die gleichgeschlechtliche Ehe, aus der man nicht so richtig schlau wird.

„Sylvia’s Mother“, „Mama Loo“ und „Mexico“, die Fans stehen jetzt zu den Klassikern des Hippie-Chors. Bei „Let it Be“, dem Beatles-Stück, und „Rote Lippen soll man küssen“ hat er sich gesanglich gefangen, seine Show ist jedoch unfreiwillig komisch: Er zieht seine Haare nach oben und fragt „Sieht das gut aus?“. „Nein“, ruft ein Zuschauer.

Im goldenen Königssessel spielt er Banjo und gelobt „Heute schlafen wir im Cabrio“. Drews ist Experte im Draußen-Übernachten, ob im Auto oder in der Natur, zum dritten Mal wird „Ein Bett im Kornfeld“ bemüht, dafür gibt es Küsse und Rosen von Fan Ramona aus Gera. „Ich sing dir noch ein Lied“, verspricht er ihr.

Sein Anzug weicht einer Jeans und einem langen, roten Mantel, Drews ist 72 Jahre alt, sieht unglaublich gut aus, die Musik hält ihn jung. Schlager, zwei, drei, vier – es wird Ballermann-mäßig, und mit einer – vorsichtig ausgedrückt – vorschnell improvisierten Version von „(I Can’t Get No) Satisfaction“ der Stones und dem „König von Mallorca“, endet der spleenige Partyabend.

Von Kai Schiering

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