Menü
Neue Presse | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Oberharzer Bewässerungssystem zum Weltkulturerbe erklärt
Nachrichten Kultur Oberharzer Bewässerungssystem zum Weltkulturerbe erklärt
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
22:32 01.08.2010
Von Gunnar Menkens
„Meisterwerk menschlicher Schöpfungskraft“: Das jahrhundertealte System zur Entwässerung von Bergwerksstollen und zur Energiegewinnung. Quelle: dpa

Hier irgendwo in der Nähe soll sie sein, die jüngste Weltkulturstätte der Unesco. Die Oberharzer Wasserwirtschaft, ein System aus Teichen, Gräben und Wasserläufen. Jahrhundertealt und mit der hügeligen Landschaft auch um das Städtchen Clausthal-Zellerfeld verwoben. Seit Sonntag steht sie auf einer Stufe mit der Chinesischen Mauer und den Pyramiden von Gizeh. Nur zu sehen ist das Kulturerbe nicht, im Ort blicken Touristen rätselnd auf Pläne. „Nein, das geht ja auch gar nicht, das ist ja viel zu verzweigt“, sagt eine freundliche Dame im Oberharzer Bergwerksmuseum. „Mal ist hier was, dann dort, Wasserwirtschaft auf einen Blick gibt’s nicht.“ Ortsfremden empfiehlt sie, einen Wanderführer zu kaufen, zum Dranentlanghangeln.

Am sehr frühen Sonntagmorgen gegen 4.30 Uhr Goslarer Zeit entschied das Unesco-Komitee in Brasilia, das Oberharzer Bewässerungssystem als Weltkulturerbe zu würdigen. Ein komplexes, weitläufiges Geflecht und zum Teil unter der Erde miteinander verbundenes Konstrukt aus 107 Teichen, 310 Kilometer Gräben und 31 Kilometer Wasserläufen.

Im frühen 13. Jahrhundert entwickelten Mönche im Kloster Walkenried ein System zur Wasserversorgung, das in den nächsten Jahrhunderten immer differenzierter wurde. Drei Jahrhunderte lang waren die Zisterziensermönche die bedeutendsten Bergherren im Oberharz. Nicht alle Arbeiten sind erhalten geblieben, auf dem technischen Höhepunkt der Anlagen jedoch wurde der Oberharz mit mehr als 150 künstlichen Teichen, 500 Kilometer Gräben, 30 Kilometer unterirdischer Wasserläufe und 150 Kilometer Wasserlösungsstollen versorgt. Der Großteil des Systems hat die Jahrhunderte gut überstanden und leitet noch heute Wasser in Talsperren. Die Oberharzer Wasserwirtschaft ist als Erweiterung der Goslarer Altstadt und des nahen Erzbergwerks Rammelsberg zum Weltkulturerbe erklärt worden. Dazu gehören Klöster, drei Schachtanlagen aus dem vorvergangenen Jahrhundert sowie die bedeutende Grube Samson in St.Andreasberg, ein historisches Zeugnis aus dem 16. Jahrhundert.

Im Oberharz hatten die Menschen seit jeher damit zu kämpfen, dass es keine natürlichen Fließgewässer gab. Man begann, Regenwasser zu speichern. Dafür wurden Teiche angelegt. Quer durch die bergige Landschaft formten Menschen in mühseliger Arbeit Hänge und schlugen tunnelartige Wasserläufe durch die Berge dorthin, wo Flüssigkeit gebraucht wurde. Manche unterirdischen Verbindungen sind zugänglich. Das Versorgungssystem lieferte Energie, um Wasserräder in Bergwerken und Hütten anzutreiben, um Silber, Blei und Kupfer abzubauen. Räder, die auch Pumpen in Gang hielten, um unter Tage anfallendes Wasser hinauszubefördern. Auf manchen Seen führt ein Steg zu Striegelhäuschen, kleine, auf Stelzen gebaute Holzhütten mit einer einzigen Funktion: einen Stamm aus Fichtenholz auf den Grund zu treiben, der wie ein Badewannenstöpsel den Abfluss aus dem Teich reguliert. „Ein Meisterwerk menschlicher Schöpfungskraft“, sagt Niedersachsens Kulturministerin Johanna Wanka, die Auszeichnung des Komitees sei ein Riesenerfolg für das Land.

In Clausthal-Zellerfeld versteckt man diese neuen Reize noch. An den Straßen keine Hinweisschilder auf die Wasserwirtschaft, und die Touristeninformation im Fachwerkhaus ist geschlossen. Es ist Sonntag. Das Museum der Harzwasserwerke informiert zwar in der Schachtanlage Kaiser-Wilhelm II, aber nur mittwochs und sonnabends zwei Stunden am Nachmittag. Vielleicht wäre es kein schlechter Gedanke, wenn die Unesco ihre von vielen Städten ersehnte Auszeichnung künftig nicht an Wochenenden bekannt geben würde. Vor Ort hätten Beteiligte dann mehr Zeit, sich auf Besucher einzustellen. Nicht immer haben sie Glück und treffen auf hilfsbereite und kenntnisreiche Damen im Bergwerksmuseum – hier soll künftig das Weltkulturerbe angemessen dargestellt werden. Noch gibt es kaum Hinweise für Besucher, in welch geschichtsträchtiger Landschaft sie sich auf Spaziergängen im Oberharz bewegen. Knarzt plötzlich ein hölzernes Wasserrad oder taucht hinter einem Wäldchen unvermittelt ein Teich oder Bächlein auf, wissen nur Kenner um den großen Zusammenhang. Und was nützt eine Holztafel, auf der nur zu lesen ist, dass auch der Pißthaler Wasserlauf auf einer Länge von 1,1 Kilometern aus jenem Teich gespeist wurde, an dessen Ufer man steht?

Natürlich hoffen Geschäftsleute, Politiker und Verwaltungsleute jetzt auf mehr Touristen. In Clausthal-Zellerfeld, Goslar, Osterode, in der ganzen Gegend. Die Ministerin erwartet nach der prestigeträchtigen Aufwertung der Wasserwirtschaft zum Weltkulturerbe „Strahlkraft“ für eine ganze Region. Dann soll es auch mit der Vermarktung klappen, versichern alle Beteiligten. In der „Goldenen Krone“ ist Inhaber Michael Steinmann vorsichtig optimistisch. Der 49-Jährige hat sein Hotel und Restaurant am zentralen Platz in Clausthal in den vergangenen vier Jahren immer wieder aufgewertet. Am Sonntag sagt er, der Status als Weltkulturerbe sei gut für den Oberharz, jetzt werde die Wasserwirtschaft wohl ernster genommen als zuvor. „Aber der große Ansturm wird nicht kommen. Das hat man auch gesehen, als Goslars Altstadt von der Unesco ausgezeichnet wurde.“

Steinmann hatte am Mittag noch gar nichts von der Unesco-Entscheidung gewusst, er war an der Rezeption beschäftigt. Jetzt betrachtet er die Ehrung für die kulturgeschichtlich wertvollen Teiche und Hänge als „Mosaikstein“, um die Region interessanter zu machen. Clausthal wirkt ja sehr gemütlich mit seinen Fachwerkhäusern und den meist betulichen Geschäften darin. Bauernmärkte und Glashüttenverkauf locken zudem eine eher ältere Kundschaft. Touristisch betrachtet beutet die Stadt ihren Ruf als Bergwerksstadt aus. Nicht zu übersehen ist auch der Stolz auf den berühmten Sohn: Robert Koch, Nobelpreisträger für Medizin 1905, verbrachte in Clausthal seine Jugendjahre, was eine Büste würdigt. Es sind solche Mosaiksteine, die Steinmann meint. Einen Kiesel trug er jüngst selbst bei. Bei einem Geschäftsessen servierte er das Menü, das der Dichter Heinrich Heine im September 1824 im Haus verspeiste. Petersiliensuppe, Hering, Kalbsbraten. Aber Heine blieb nicht lange genug, als dass sich aus dieser Übernachtung ein Geschäftsmodell entwickeln ließe. Die Zukunft könnte das Geschäft mit Mountainbikern sein, meint Steinmann, und natürlich mit Gästen, die der renommierte Welterbe-Titel anzieht.

Als nachts die Entscheidung in Brasilia zugunsten des Oberharzes fiel, saß Renke Droste mit Freunden im Garten. Es war noch warm genug, um draußen zu bleiben und auf den maßgeblichen Anruf zu warten. Droste arbeitet bei den Harzwasserwerken, er ist Sprecher der Geschäftsführung. „Ich konnte nicht schlafen“, sagt er, „ich war so gespannt.“ Mit dem Jawort aus Brasilien hat sich nun das Engagement vergangener Jahrzehnte gelohnt. Jedes Jahr investieren die Harzwasserwerke bis zu 1,5 Millionen Euro in die Instandhaltung der Wasserwirtschaft, die im Unternehmen etwas weniger bürokratisch „Wasserregal“ heißt. Das Trockenmauerwerk der Gräben muss in Schuss gehalten werden, auch die aus Rasen errichteten Dämme der Teiche sind anfällig. Mitunter muss Material von weither beschafft werden.

Das sind Investitionen, die Droste schon bald besser präsentieren will. Gemeinsam mit einer eben erst auf die Schnelle gegründeten Stiftung – die Unesco hatte das Fehlen einer Dachorganisation bemängelt – und beteiligten Kommunen soll eine Strategie entwickelt werden, das Weltkulturerbe im Oberharz so herzurichten, dass Besucher dessen Bedeutung auch bemerken. Kulturministerin Johanna Wanka, die vor wenigen Wochen nur einige Dutzend Kilometer entfernt in Schöningen 15 Millionen Euro für den Bau eines Speermuseums zusicherte, schwärmt bereits vom zu erzielenden Lernerfolg, verbunden mit harmonischem Naturerleben. „Was heute Wanderern wie eine ruhige und romantische Seen- und Teichlandschaft mit historischen Bauwerken am Wegesrand erscheint, ist mit Abstand das größte und bedeutendste vorindustrielle Energieversorgungssystem weltweit.“ In Schöningen hatte Wanka zur historischen Relevanz von acht mehr als 300.000 Jahre alten Jagdwaffen erklärt, diese müssten „ordentlich“ präsentiert werden. Was gilt da wohl erst für ein Weltkulturerbe auf einer Stufe mit dem Kölner Dom?

Übersicht: Die 33 UNESCO-Welterbestätten in Deutschland

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 00:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Shakespeares Elfen sind zurück: In den Herrenhäuser Gärten erlebten gestern 830 Fans die Premiere des neuen „Sommernachtstraum“-Musicals.

01.08.2010

Christopher Nolans neuer Film „Inception“ mit Hollywoodstar Leonardo DiCaprio in der Hauptrolle ist so komplex, dass der 35-Jährige die Geschichte erst am Ende der Dreharbeiten verstanden hat.

31.07.2010

Es ist fast wie bei den Großen: ausverkauft und lange Wartelisten für die Kinderoper „Tannhäuser“.

30.07.2010